Beim KGV Vogelsang weht nur die Ruhrpott-Flagge

Integration? Bei diesen Heessener Kleingärtnern passiert sie einfach

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19 Parzellen, sechs Geburtsländer, eine Fahne: Unter dem Banner des Ruhrgebiets versammelt Vereinschef Dirk Passmann die Pächter des Kleingartenvereins Vogelsang – und die Flagge flattert ausgerechnet über der Parzelle von Pächtern aus Bayern.

Heessen – Integration ist beim KGV Vogelsang so normal, dass keiner drüber spricht. Man merkt's eigentlich nur beim Essen...

Der Kleingartenverein (KGV) Vogelsang ist einer der kleinsten seiner Art in Hamm. Gerade mal 19 Parzellen ziehen sich wie an der Perlenschnur aufgereiht vom Vogelsang abwärts den August-Schüttken-Weg entlang. Dieser Verein wurde wegen herausragender integrativer Leistungen gefördert, sein Vorsitzender Dirk Passmann mit einer Ehrennadel des Verbandes aus demselben Grund geehrt.

Frage: Wie macht ihr das? Die Antwort: Wir leben es einfach. Ein Thema im Verein ist die Integration eigentlich nicht.

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Pächter kommen sogar aus Bayern...

Auf den 19 Parzellen verbringen Menschen ihre Freizeit, die in sechs verschiedenen Ländern geboren sind – wenn man Bayern zu Deutschland zählt, sonst wären es sogar sieben. Das berichtet der Vereinschef und zwinkert humorvoll mit dem Auge.

Die Pächter kommen aus Deutschland, Kasachstan, Polen, Kirgisien, Russland und Afghanistan. Viele von diesen sind deutschstämmig.

Afghanische Familie viel im Garten

Der Vater der afghanischen Familie heißt Osman. „Der Vorname reicht“, sagt Passmann. Er hat Osman und andere Pächter gefragt, ob sie von dem internationalen und integrativen Zusammenleben am Vogelsang-Hang erzählen wollten. Keiner wollte. Passmann: „Wir machen das einfach, da sprechen wir nicht viel drüber.“ Integration ist hier Normalität.

Der Vereinschef berichtet, dass er jeden Pächter gefragt habe, ob er mit Osman und seiner Familie als neue Pächter einverstanden sei. „Alle haben zugestimmt“, sagt Passmann. So kam der Flüchtling aus Afghanistan zu einem Stück Land, auf dem er Gemüse anbauen und seine Freizeit verbringen kann.

Viel Freizeit verbringt Osmans Familie, seit fünf Jahren in Deutschland, auf der Anlage. Sie haben nur eine kleine Mietwohnung und freuen sich über den blauen Himmel über ihren Köpfen. Allerdings: Beim Anbau vom Gemüse hakt es noch ein wenig. „Wir haben Osman gezeigt, was er alles anbauen kann“, sagt Passmann, „jetzt ist er dabei, sich an Bohnen und Melonen zu gewöhnen.“ Der neue Vereinsnachbar sei sehr fleißig in seinem Garten.

Verein half beim Weg in den KGV

Den kann er sich als Flüchtling mit Frau und drei Kindern – eines geht zur Realschule, ein anderes zum Gymnasium – eigentlich gar nicht leisten. Denn bei der Übernahme eines Gartens wird auf der Basis eines Gutachtens eine Abschlagszahlung fällig – und die hätte Osman nicht zahlen können. Also sprang der Verein ein und ebnete den Weg der Afghanen in den Vogelsang-KGV.

Später bot sich die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung aus dem Integrationsprogramm „Komm an NRW“ zu beantragen – und sie wurde bis 2022 gewährt, der Verein gefördert. Im vergangenen Jahr nutzte der KGV das auch, aber schon im laufenden Jahr hat er auf die Unterstützung verzichtet. „Wir brauchen das Geld doch in diesem Jahr gar nicht“, sagt Passmann, „da wäre es doch besser, wenn andere davon profitieren.“

Keine Nationalflaggen auf dem Gelände

Und wie sieht gelebte Integration konkret aus? Passmann überlegt lange, zuckt mit den Schultern und sagt: „Na, ja, wir sprechen miteinander, wir helfen uns und sitzen manchmal zusammen.“ Egal, aus welchem Land man kommt. Es gibt auch keine Nationalflaggen auf dem Gelände – außer einer Ruhrgebietsfahne – und die flattert über dem Garten der bayerischen Pächter.

Und dann fällt Passmann doch noch etwas ein. „Beim Essen merkt man, dass wir aus vielen verschiedenen Ländern kommen.“ Die in Polen geborenen Pächter laden zum Bigos ein, ein Gericht mit Sauerkraut. Oder die Nackensteak-Spieße aus Kasachstan mit Zwiebeln und Paprika. „Eigentlich finde ich Nackensteak gar nicht so lecker“, sagt der Vereinschef, „aber so wie Vitali sie mariniert, schmecken sie klasse.“ Und auch Osman hat schon für die Parzellennachbarn Essen gemacht: Die Lammpfanne hat allen geschmeckt.

Das war’s an Besonderheit. Dirk Passmann sagt: „Wir sind jetzt schon so lange international, das fällt gar nicht mehr auf.“

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