Projekt an der Martin-Luther-Schule

Heimat in erweiterter Realität: Heessener Hauptschule entwickelt besondere App auf den Spuren der Industriekultur

augmented Reality: Industriekultur-Projekt
 an der Martin-Luther-Schule in Heessen
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Ankerpunkt Bergbaumuseum in Bochum: Projektleiter und Lehrer Selçuk Avci von der Martin-Luther-Schule macht ein Selfie mit dem Kollegen Andreas Kühn und den Schülern Zoja Mehmeti, Martin Oleschuk, Anna Schartner, Kevin Hinz und Mandy Schuster – alle mit Mund-Nasen-Schutz

Die Aufgabe hat es in sich: Eine Heessener Hauptschule entwickelt für die Route der Industriekultur ein App, in der Reales mit Virtuellem verknüpft ist.

Heessen – An 22 Ankerpunkten der Route der Industriekultur waren bereits Schüler der Martin-Luther-Schule, eine Hand voll fehlen noch. Was die Schüler dort machen? Sie erstellen Material für die App der Route – denn das ist der Auftrag, den die Schule sich selbst gegeben hat. Und der muss bis zum Jahreswechsel – genauer: bis zu den Weihnachtsferien – abgearbeitet sein, der Fördergelder wegen. Aber: Die Schüler und ihr Lehrer Selcuk Avci sind auf einem guten Weg. Und auf diesem Weg warteten schon ein paar positive Überraschungen.

Das ist das Projekt der Hauptschule vom Bockelweg: Nachdem die Schüler eine inklusive „Augmented Reality“-App für den Geschichtspfad rund um die Alfred-Fischer-Halle gemeinsam mit dem Knappenverein erstellt hatten, kam die Idee auf, das für die gesamte Route der Industriekultur in größerem Stil zu wiederholen. Die Kosten übernehmen das NRW-Heimatministerium mit 45.000 Euro, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit 8.000 Euro und das Amt für Soziale Integration mit 2.000 Euro. Und schon waren die Schüler im gesamten Ruhrgebiet unterwegs.

App im Zeichen der Industriekultur: Eine Schnitzeljagd und überraschende Angebote

Überraschung zum Beispiel in der Villa Hügel: Das frühere Zuhause der Industriellenfamilie Krupp feiert in gut zwei Jahren sein 150-jähriges Bestehen, und zu diesem Jubiläum sollen die Schüler aus Hamm ihr Wissen bei der Herstellung einer „Augmented Reality“ beisteuern. Der Begriff bezeichnet eine computerunterstützte Wahrnehmung oder Darstellung, die die reale Welt um virtuelle Aspekte erweitert. Ein Beispiel ist Pokemon Go: Hier werden virtuelle Spielfiguren in die reale Umgebung integriert und sichtbar gemacht.

Auch die Deutsche Arbeitsschutzausstellung (DASA) in Dortmund will mit den Schülern und der Schule kooperieren – die Idee: eine Schnitzeljagd-App für die jeweiligen Ausstellungen im Museum. Avci: „An den Ankerpunkten wundert man sich, dass wir eine Hauptschule sind – und dann ergeben sich überraschende Angebote. Mit dem Museum der Deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg wird es nun auch eine Kooperation geben.“ Weitere Anfragen sind also nicht ausgeschlossen.

App im Zeichen der Industriekultur: Aufnahmen an 22 Ankerpunkten im Ruhrgebiet

22 Ankerpunkte haben die Schüler bereits im Sack. Meist waren es Gruppen von sechs bis sieben Schülern, die zu den Sehenswürdigkeiten der Industriekultur im Kleinbus reisten, begleitet von zwei Lehrern. Vor Ort zogen sie paarweise übers Gelände, um mit dem iPad Foto- und Filmaufnahmen zu machen. „Das ist ganz spannend für die Schüler“, sagt Avci, „fast überall kommen die Schüler mit ganz ähnlichen Aufnahmen zurück, und dann ist klar: Diese Bilder nehmen wir auch. Das wichtigste allerdings ist, dass die Schüler vor Ort lernen. Die Ausflüge wirken wesentlich nachhaltiger als theoretischer Unterricht.“

Im Chemiepark Marl war‘s dann aber doch nicht möglich zu filmen. Dann arbeiteten die Schüler mit dem Material, das ihnen die jeweilige Leitung des Ankerpunktes zur Verfügung stellte. Und noch eine Änderung des ursprünglichen Konzept gab‘s: Es waren nicht nur die Schüler aus der Zehn, die an dem Projekt teilnahmen, sondern Schüler aus allen Klassen.

In Gelsenkirchen: Die Gruppe im Nordsternpark

App im Zeichen der Industriekultur: Auch eine Drohne war im Einsatz

16 Filme haben Lehrende und Lernende schon fertig. Jeder ist 90 bis 120 Sekunden lang, mit Gema-befreiter Musik unterlegt – und in der Regel tauchen die Schüler an einer Stelle irgendwie im Bild auf. Aus dem Etat konnte die Schule sogar eine Drohne anschaffen, und die Schüler kamen so zu beeindruckenden Aufnahmen aus der Luft. Hier wurden die Ankerpunkte mit der jeweiligen Jahrgangsstufe angefahren, die sich auch in deren aktuellen Unterrichtsinhalten wiederfanden.

Was die Route und die anderen Besucher von der App haben, ist klar – aber haben die Schüler der Martin-Luther-Schule was davon? Klar, Abwechslung und Abenteuer, aber Selcuk Avci nennt auch den Begriff „Anerkennung“: „Wir bekommen viel Interesse und viel Lob“, sagt er – so viel Anerkennung, dass die Übergabe der App in dem großen Rahmen der Bochumer Jahrhunderthalle geplant ist, zu dem Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert ein Grußvideo schickt – und dass Heimatministerin Ina Scharrenbach Schirmherrin des Projektes ist. Die offizielle Einweihung der App war zwar für Dezember geplant, jedoch aufgrund der Pandemiebestimmungen haben wir mit dem Regionalverband Ruhr nun den Zeitraum Mitte bis Ende März 2021 anvisiert.“

App im Zeichen der Industriekultur: Ganzheitliches Lernen und Heimatgefühl

„Was ich auch wichtig finde“, sagt Lehrer und Projektleiter Avci, „ist, dass die Schüler und Schülerinnen das Land kennenlernen, in dem sie leben, ihr Heimatgefühl vertiefen und Verbundenheit entwickeln.“ Dass das funktioniert, zeigt ein in Afghanistan geborener Schüler: Nachdem er das Schiffshebewerk Henrichenburg gesehen hatte, surfte er durchs Netz, fand Film- und Tonaufnahmen der Einweihung von Kaiser Wilhelm II. und führte sie Mitschülern und dem Lehrer vor. Hasan, dessen Eltern aus der Türkei kommen, sagt zum Beispiel: „Bei Heimat dachte ich immer an das Dorf meiner Großeltern, mit Kühen und Hühnern – aber eigentlich ist das Ruhrgebiet meine Heimat, hier fühle ich mich wohl.“

Oder Justin, dem es wichtig ist, seine Heimat besser darzustellen: „Viele denken, das Ruhrgebiet sei unschön, doch wir beweisen das Gegenteil.“ Ganzheitliches Lernen nennt Avci das.

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