Im Hamtec

Groß in kleinen Pixeln: Eine der ältesten Videospiel-Schmieden Deutschlands sitzt in Hamm

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Kreatives Chaos herrscht auf dem Schreibtisch von Holger Kuchling, dem Gründer der Spieleschmiede Independent Arts Software.

Legenden über Garagengründungen gibt es gerade in der PC- und Spieleindustrie reichlich, aber es kann auch schon mal ein Kinderzimmer sein. Im Zimmer des damals 16-jährigen Holger Kuchling begann, zusammen mit Freunden die Geschichte einer der ältesten noch existierenden Spieleschmieden Deutschlands: Offiziell wird Independent Arts Software (IAS) 30 Jahre alt. Seit 1997 ist IAS im Hamtec zuhause.

Hamm - Zum einen entstanden die Urväter der heutigen Videospiele erst in den 1970er-Jahren. Zum anderen gibt es mit Ubisoft Blue Byte und Egosoft nur zwei Unternehmen hierzulande, die älter sind – wobei Blue Byte inzwischen unter dem Dach des französischen Ubisoft-Konzerns ist. Somit ist in der Branche ein 30. Geburtstag selten.

Das Hammer Unternehmen, vom Start an geleitet von Holger Kuchling, kann seinen Geburtstag an der ersten kommerziellen Veröffentlichung eines Videospiels festmachen. Nach vierjähriger Entwicklungszeit kam „Das Magazin“, in dem der Spieler selbst eine Zeitschrift managen muss, im Frühjahr 1990 beim Publisher Ariolasoft heraus.

Vom Kumpel zum Publisher chauffiert

Ariola war damals vor allem als Plattenlabel bekannt – und im Gegensatz zu IAS gibt es das Unternehmen nicht mehr. „Das Spiel ist quasi während Schulzeit und Abitur entstanden“, erinnert sich Kuchling, der damals noch in Oelde wohnte und nach dem Abi in Münster Betriebswirtschaft studierte.

Er erinnert sich: „Wir wollten eine Wirtschaftssimulation mit ,Das Magazin‘ entwickeln und Ariolasoft war der deutsche Publisher für solche Sims. Beispielsweise mit den Klassikern ,Hanse‘ und ,Vermeer‘ von Ralf Glau damals. Und sie saßen auch noch zufällig in Gütersloh um die Ecke, wo ich dann einfach einen Präsentationstermin ausgemacht habe.“ Da er selbst noch gar keinen Führerschein hatte, ließ sich Kuchling von einem Kumpel zum Treffen mit dem Produktmanager hinchauffieren.

25 Festangestellte im Hamtec

„Die waren sofort interessiert und einige Wochen später hatten wir unseren ersten kommerziellen Vertrag für ein Computerspiel in der Tasche. Sensationell!“, erinnert sich Kuchling, jetzt selbst Managing Direktor der heutigen IAS GmbH. Gestartet wurde mit fünf Leuten – darunter ein Programmierer, ein Grafiker und ein Spezialist für den Sound. Heute gibt es 25 Festangestellte. Für manche Projekte werden zusätzlich Freiberufler ins Boot geholt.

Mit dem Titel „Anstoß“, einem Fußballmanager für Amiga und Atari, landete die junge Firma dann im Jahr 1993 einen legendären Hit. Diesem Durchbruch folgten weitere Spiele für damalige Heimrechner. Mit „Warcommander - Rangers Lead The Way“ (2001) und „Against Rome“ (2003) wurden zwei Strategiespiele umgesetzt – ein in Deutschland bis heute beliebtes Genre.

Kuchling findet früh die passende Nische

Wobei bei siebenstelligen Kosten und zweijähriger Entwicklungszeit für ein PC-Spiel wie „Against Rome“ auch die Risiken für Macher recht hoch sind. Kuchling fand damals eine Nische, die gerade in Deutschland heute den Markt für elektronische Spiele dominiert und inzwischen unter dem Begriff „Mobile Games“ zusammengefasst wird.

Im neuen Jahrtausend zeichnete sich der Siegeszug von Nintendos Gameboy und seinen Nachfolgern ab. IAS folgte dem Trend und konnte 2006 und 2007 sogar den Deutschen Entwicklerpreis mit den Titel „Think“ und dem „Crazy Frog Racer“ einheimsen.

Umbau der Spiele für verschiedene Konsolen

Inzwischen ist das Unternehmen nicht nur auf den Bereich der „Handheld Games“ spezialisiert – auch wenn man mit der jüngsten Konsole, der Nintendo Switch, auch unterwegs spielen kann. IAS hat auch Lizenzen und entsprechende Entwicklerhardware für Sonys Playstation und Microsofts Xbox zur Verfügung und ist neben Eigenproduktionen auch auf sogenannte Portierungen spezialisiert. Dabei geht es darum, erfolgreiche Titel von einer Plattform, in der Regel dem PC, auf Konsolen zu übertragen. „Das ist gerade bei der Nintendo Switch in Sachen Grafik und Leistung eine Herausforderung“, sagt Kuchling. Im Grunde muss das Spiel für die jeweilige Konsole technisch angepasst und spielbar gemacht werden.

In der Branche ist diese Spezialisierung von IAS bekannt, sodass auch bekannte PC-Titel wie die Insel-Aufbau-Simulation „Tropico 6“ oder der „Construction Simulator 3“ in diesem Jahr für den Einsatz auf der Switch bearbeitet werden.

Bibi & Tina neben Germanys Next Top Model

Auch Konsolenspiele werden zuerst auf dem PC programmiert und geändert, bevor sie mit den sogenannten Developer Kits der jeweiligen Spieleplattform angepasst werden. Aber in Zusammenarbeit mit Publishern gibt es auch weiterhin Eigengewächse der Spieleschmiede. So entstand 2019 zum 3-D-Animationsfilm „Bayala – ein Elfenabenteuer“ von Schleich eine Spielumsetzung bei Indepedent Arts im Hamtec, Haus 2b.

Die ganze Bandbreite der Produktionen – etwa zu bekannten Marken wie Bibi & Tina oder Germanys Next Top Model – ist auf der IAS-Homepage zu sehen unter www.independent-arts-software.de.

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