Kritik an Regierung

Impfstart heizt Reisefieber kaum an: Kundschaft zögert trotz Frühbucher-Vergünstigungen

Kämpft an allen Fronten um ihre Kunden: Daniela Friedrich betreibt das First Reisebüro am Hammer Marktplatz.
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Kämpft an allen Fronten um ihre Kunden: Daniela Friedrich betreibt das First Reisebüro am Hammer Marktplatz.

In den Hammer Reisebüros war die Hoffnung groß, dass nach dem Impfstart die Vorfreude der Menschen wächst und die Buchungen für die Zeit nach dem zweiten Corona-Lockdown massiv zunehmen werden. Die Kundschaft aber zögert, setzt vor allem auf Urlaub im Herbst.

Hamm – Nun kommt die Aussage von Kanzlerin Merkel, Reisen möglichst verbieten zu wollen, für die Branche zur Unzeit – ebenso wie die Aussage von Innenminister Horst Seehofer, die Reduzierung des Flugverkehrs auf „nahezu Null“ zu prüfen. Das sorgt für neuen Corona-Frust bei den etwa 20 Hammer Anbietern. Die Lage bleibt für alle angespannt bis existenzbedrohend.

Daniela Friedrich vom First Reisebüro am Marktplatz kämpft an allen Fronten um ihre Kunden, die derzeit ihre Geschäftsräume nicht betreten dürfen. Klassisch telefonisch oder über die Internetseite, aber auch per Videocall, Livechat oder Whatsapp. Und das nicht nur zu den üblichen Bürozeiten, sondern samstags und sonntags aus dem Homeoffice heraus.

„Es ist schwer, einen super Job zu machen, vor allem gezielte Auskünfte geben zu können. Unsere Kunden haben tausend Fragen, die wir beantworten. Und 14 Tage später rufe ich sie wieder an und erzähle ihnen wieder etwas anderes, weil sich die Vorgaben aus der Politik geändert haben.“ Insofern vermisst sie eine klare Perspektive, die ihr die Regierung eröffnen könnte: „Sie hatte jetzt ein Jahr Zeit, Pläne oder vernünftige Lösungen zu suchen, aber es wird nichts getan.“ Nur verboten.

Reisebranche und Psyche leidet

Schlussendlich sei ihre Branche, gerade nach dem Aufkommen der Mutationen, in die Rolle des Buhmanns und Sündenbocks gedrängt worden. „Aber“, sagt Friedrich, „überall wo Viren sind, bilden sich Mutationen, im Zweifel also auch hier.“ Man solle es den Leuten nicht übel nehmen, wenn sie in den Urlaub wollen. Für viele sei es einfach wichtig: „Es gibt Menschen, die das brauchen, viele sogar. Das gibt Glücksgefühle, es geht schließlich auch um die Psyche.“

Seit November ziehen die Buchungen an, sagt Friedrich: „Die Leute wollen weg. Die Nachfrage ist da und erhöht sich von Monat zu Monat. Es ist wieder mehr los, aber nicht auf dem Stand von 2019.“ Etwa 20 bis 30 Prozent dessen werde derzeit nachgefragt. Vor allem Reisen für den Herbst. Aber die Hoffnungen sind da, dass es in den großen Ferien bereits in die Ferne gehen kann. Dass zurzeit noch Frühbucher-Angebote gemacht werden, in denen bis 14 Tage vor Beginn der Reise diese kostenlos storniert werden kann, helfe sicherlich. Allerdings bringe es Kunden dazu, drei oder vier Ziele für den Sommer zu buchen – in der Hoffnung, dass zumindest eines davon angesteuert werden kann. Viel Arbeit, wenig Lohn für die Vermittler.

Malediven sind sehr gefragt

Aktuelle Angebote für Gebiete mit Reisewarnungen, die würden verramscht, sagt Friedrich. Ansonsten ziehen die Preise an. Bis zu 14 Prozent im Durchschnitt, heißt es in der Branche, sie selbst habe bei stark nachgefragten Angeboten fünf bis zehn Prozent bemerkt: „Da erhöhen sich die Preise schon massiv. Da, wo die Nachfrage groß ist, ist es manchmal fast schon erschreckend.“

Bevorzugte Reiseziele sind Griechenland, Spanien „ganz viel, und die Malediven wie verrückt“, sagt Friedrich, denn da sei aktuell nur die Hauptstadt Malé ein Risikogebiet und die Ressorts seien nicht betroffen. Touristische Reisen dorthin sind derzeit unter bestimmten Auflagen möglich, wie das Auswärtige Amt mitteilt. Irland oder Südafrika sind gefragt für die Herbstferien, auch Island gehöre zu den bevorzugten Zielen. Familien allerdings werden Ziele vornehmlich rund um die Badewanne Europas ansteuern. „Da ist der gesamte Mittelmeerraum gefragt“, weiß Friedrich.

Corona beeinflusst den Tourismus auch in Zukunft

Die Angebote insgesamt werden sich verknappen. „Corona werden viele nicht überstehen und es gibt entsprechend weniger Hotels. Da bricht die Substanz weg, entsprechend weniger können wir anbieten. Und den Airlinern geht es ja auch richtig schlecht“, sagt Friedrich. Extrem getroffen habe es zum Beispiel die Kanaren oder Mallorca. In manchen Hochburgen, sagt Friedrich, werden wohl bis zu 60 Prozent der Hotels gar nicht mehr öffnen. Und selbst an der deutschen Nord- und Ostseeküste werde es nicht mehr so viele Zimmer und Betten geben wie vor der Pandemie.

Dass sich der Impfstart und die Hoffnung auf mehr Normalität positiv auf ihr Geschäft ausgewirkt hat, kann Petra Basaric, die das Reise- Center Bockum-Hövel und das Reisebüro Stute Touristik an der Werler Straße betreibt, bisher nicht bestätigen. „Ich habe ein, zwei Buchungen für den Herbst gemacht, das war es auch schon“, sagt Basaric, und: „Ich habe zwar Anfragen, aber die Leute warten ab und planen kurzfristig.“ Auch für sie sind die Entscheidungen der Bundesregierung keine Hilfe. „Da wird ja mehr oder weniger vor jeder Reise gewarnt“, sagt sie. „Als im Dezember die Kanaren und ganz Spanien in einen Topf geworfen wurden, ist auch Fuerteventura zum Risikogebiet gemacht worden, obwohl es viel bessere Zahlen hatte als wir hier.“

Private Touren sind problematisch

An und für sich könne sie die Warnung, zuhause zu bleiben, durchaus verstehen, gibt aber auch zu bedenken: „Klassische Urlaubsreisen sind nicht das Problem. Die Hotels hatten sehr gute Konzepte, was Hygiene und Abstand betrifft. Andererseits ist dann aber auch alles, was das Urlaubsfeeling ausmacht, nicht vorhanden.“ Problematischer sind für sie private Touren, wenn „zum Beispiel einer seine Südafrika-Reise selbst organisiert“.

Nun hofft sie, wie alle, auf den Herbst. Ihr Deutschland-Angebot, sonst eher ein Bereich für private Buchungen, sei mit Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen aufgestockt worden – Basaric erwartet ein verändertes Reiseverhalten. Sie habe eine überwiegend ältere Kundschaft, die ein gewisses Sicherheitsbedürfnis hat. Einerseits gut, andererseits „ist es gerade die Gruppe, die vorsichtig ist bei den Buchungen.“

Insgesamt habe sie festgestellt, dass Reisen momentan nicht unbedingt teurer geworden sind. Das aber könne sich schnell ändern: „Sollten im Mai Malle oder andere einzelne Gebiete wieder öffnen dürfen, steigen die Preise...“

Kundschaft zögert trotz Frühbucher-Vergünstigungen

Im Gegensatz zu Daniela Friedrich glaubt Michael Westermann nicht daran, dass die Preise im Verlauf des Jahres anziehen werden. „Das Preisgefüge befindet sich derzeit auf Vorjahresniveau“, sagt der Inhaber des Tui Reisecenters Hamm an der Westpressarena. Man könne die Kunden nicht mit erhöhten Preisen schrecken. Vergünstigungen sind in der Frühbucherphase eher die Regel – ob über Kinderfestpreise, Aktionscodes und auch Stornierungsfristen. So kann, wer nach dem 31. Oktober Urlaub machen will, inzwischen bis zum 28. Februar buchen, ohne dass bei einem Rücktritt von der Reise bis 14 Tage vor deren Beginn Kosten für eine Stornierung anfallen. Und was früher nur im Internet zu buchen war, gehe immer mehr auch in den Reisebüros. „Die Veranstalter sind da flexibler geworden“, sagt Michael Westermann.

Einreiseverbote, Quarantänebestimmungen und Reisebeschränkungen sind die beherrschenden Themen. „Die Leute sind vorsichtig“, weiß Westermann. Im Vergleich zu den üblichen Buchungen haben jene im November bei etwa zehn Prozent, im Dezember bei zwölf Prozent gelegen. Das Flugangebot liege bei etwa 20 Prozent der sonst üblichen Werte.

In einem Punkt sind sich Friedrich, Basaric und Westermann trotz der schwierigen Situation dann doch einig: Sie werden die Pandemie überstehen.

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