Anzahl von Patienten mit Beschwerden nimmt zu

Immer mehr Post-Covid-Fälle in Hamm - Das sagen Experten

Auch in Hamm halten Mediziner Post- oder Long-Covid-Fälle im Blick. Wir haben dazu heimische Experten befragt.

Hamm - Mediziner und Forscher weltweit stellen sich den vielen Rätseln der sogenannten Long-Covid-Erkrankungen. Selbst Genesene, die leichte Corona-Krankheitsverläufe hatten, klagen über die Langzeitfolgen. Bei einigen Menschen kommt es zu Beschwerden, die mindestens mehrere Monate anhalten, dazu zählen Kurzatmigkeit, Husten, aber auch Müdigkeit, Aufmerksamkeitsstörungen und eine allgemein verminderte Leistungsfähigkeit.

Beim Hammer Gesundheitsamt werden solche Fälle nicht nachgehalten. „Die Betreuung der infizierten Bürger der Stadt endet gewöhnlich mit der Entlassung aus der Quarantäne, Daten über den Langzeitverlauf werden nicht erfasst“, so Stadtsprecher Lukas Huster.

Lungenfacharzt George A. Francis, der mit seinen Kollegen im Lungenzentrum Hamm-Ahlen-Beckum auch eine Post-Covid-Sprechstunde anbietet: „Beim Durchzählen kommen wir allein im 1. Quartal 2021 auf 33 Post-Covid-Fälle und im 2. Quartal bereits auf 20.“

Lungenspezialisten kümmern sich

Sein Rat: „In erster Linie sollten bei anhaltenden Beschwerden nach drei bis vier Monaten eine pneumologische und kardiologische Abklärung erfolgen. Die Covid19-Erkrankung kann man aber getrost auch als Systemerkrankung bezeichnen, sodass auch weitere Organsysteme, zum Beispiel das Zentrale Nervensystem, in Frage kommen.“

Die Lungenfachärzte des Zentrums bieten in ihrer Lungenpraxis Untersuchungen und Beratungen an. Ist eine stationäre Untersuchung erforderlich, kümmern sich die Lungenspezialisten im Team von Chefarzt Dr. Unnewehr in der St. Barbara-Klinik um Betroffene. Der Chefarzt nimmt zu einigen Fragen mit Blick auf das Leiden Stellung.

Das sagt Chefarzt Dr. Unnewehr:

Warum können auch Menschen mit leichten Krankheitsverläufen so stark unter den Folgen leiden?
Die Ursachen von mehreren Monaten nach der eigentlichen Covid-Erkrankung weiter bestehenden Beschwerden sind durch viele Effekte zu erklären. Man vermutet direkte Schädigungen durch das Virus selbst, durch die Entzündungsreaktion des Körpers und die Intensivtherapie. Vieles ist aber im Unklaren. Für einige Beschwerden wie die Müdigkeit und körperliche Schwäche gibt es einen Zusammenhang zwischen Schwere der Covid-Erkrankung und den Folgen, das gilt aber nicht für andere Symptome und für alle Patienten.
Wie lässt sich überhaupt feststellen, dass es sich um Covid-Folgen handelt?
Covid kann prinzipiell alle Organe betreffen. Anhand der Beschwerden werden daher Organe gezielt untersucht. Dabei darf man auch andere Krankheiten und mögliche Beschwerdeursachen nicht vergessen.
Wie sehen aktuell die Behandlungsmöglichkeiten aus?
Wir wissen wenig über die Ursachen und Mechanismen der Krankheitsentstehung. Und wir haben noch recht wenig Erfahrung mit der Therapie. Generell stehen nicht-medikamentöse Behandlungen im Vordergrund – mäßiges körperliches Training, Rehabilitationsmaßnahmen, psychotherapeutische Unterstützung. Wissenschaftliche Studien über die Wirksamkeit von Therapien laufen zurzeit.
Sind Medikamente für solche Fälle in Sicht?
Aktuell kann man Long-Covid-Patienten in bestimmten Situation mit Kortison behandeln. Bei einigen Patienten hat auch eine erneute Corona-Impfung geholfen. Warum das so ist, wissen wir nicht. „Wundermittel“ sind diese Behandlungen aber alle leider nicht.

Erschöpfung, Kopfschmerz, Haarausfall

Laut den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, AWMF, zu „Rehabilitation nach einer Covid-19-Erkrankung“ sind die fünf häufigsten Post-Covid-Symptome Fatigue (belastende Erschöpfung, 58 Prozent), Kopfschmerz (44 Prozent), Aufmerksamkeitsdefizite (27 Prozent), Haarausfall (25 Prozent ) und Dyspnoe (Atemnot, 24 Prozent). Häufig beobachtet wurden unter anderem vermehrte Ängste (13 Prozent und Depressivität (12 Prozent). Ein spezifischer Code in der Internationalen Klassifikation von Erkrankungen der WHO (ICD 10) existiert nicht.

Rubriklistenbild: © Danny Lawson/dpa

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