Anrufe von verzweifelten Schwangeren

Hebammen müssen Schwangeren immer öfter absagen - Kritik an Studie

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Die Betreuung von Schwangeren und vor allem die Nachsorge durch Hebammen wird immer schwerer zu gewährleisten.

Hamm – Es mangelt an Hebammen in Hamm. Valentina Ganeva-Borrmann bekommt das immer wieder mit. Sie ist selbst Hebamme und muss oft Absagen erteilen. Dabei arbeitet sie längst an der Grenze der Belastbarkeit. Sie übt Kritik an einer aktuellen Studie, die ihrer Meinung nach überraschend positiv ausfällt.

Einige der Schwangeren, die bei Valentina Ganeva-Borrmann anrufen, sind richtig verzweifelt. Neun Hebammen hätten sie schon angerufen, keine hat Zeit. Auch Ganeva-Borrmann, die zehnte, muss ihnen absagen: Sie ist schon Monate im Voraus ausgebucht. Wer sich nach der fünften Schwangerschaftswoche meldet, kommt zu spät. Dabei arbeitet die 42-Jährige schon etwa zwölf Stunden pro Tag, fühlt sich oft am Ende ihrer Kräfte, wie sie sagt. Ihren Kollegen gehe es genauso. 

Ende November veröffentlichte die Hochschule für Gesundheit aus Bochum die Ergebnisse einer Studie zur geburtshilflichen Versorgung durch Hebammen in Nordrhein-Westfalen. Einige der Ergebnisse: Fast 70 Prozent der Hebammen müssen mehrmals pro Woche Anfragen zur Wochenbettbetreuung ablehnen, bei Ganeva-Borrmann sind es sogar drei bis vier pro Tag. Jede zweite Hebamme ist für die nächsten sechs Monate ausgelastet. Auch Schwangere und Mütter wurden befragt. Etwa eine von fünf musste mehr als sechs Hebammen anrufen, um eine Zusage für die Betreuung zu bekommen.

Zu wenige Frauen bei Studie mitgemacht?

Ganeva-Borrmann hat selbst bei der Studie mitgemacht – und findet das Ergebnis überraschend positiv. Laut Studie fanden am Ende lediglich knapp 7 Prozent der Frauen keine (passende) Hebamme für die Vorsorge in der Schwangerschaft, 3,2 Prozent hatten keine Betreuung im Wochenbett. „Ich habe viel Schlimmeres erwartet“, sagt Ganeva-Borrmann. Sie kritisiert, dass die Studie nicht breit genug angelegt war. So wurden in ganz NRW nur knapp 1.800 Frauen befragt – während allein in Hamm im vergangenen Jahr mehr als 2.400 Kinder auf die Welt gekommen sind. „Es sind für mich einfach viel zu wenige Frauen, die bei der Studie mitgemacht haben“, sagt Ganeva-Borrmann. 

Sie arbeitet seit 24 Jahren in ihrem Beruf. Vor allem die Hebammenbetreuung im Wochenbett findet die 42-Jährige extrem wichtig: Vor der Geburt könnten viele Schwangere noch auf ihren Frauenarzt ausweichen. Auch während der Geburt seien sie gut versorgt, schließlich haben in den Krankenhäuser immer Hebammen Dienst. „Das Problem ist, dass die Frauen,wenn sie nach ein paar Tagen nach Hause kommen, dort niemanden haben, an den sie sich bei speziellen Fragen wenden könnten“, sagt sie. „Ein Kinderarzt ist zwar oft da, aber nicht für alles zuständig, zum Beispiel für Still- oder Familienprobleme.“ Hier rieten viele Ärzte den Frauen, sich Hebammen zu suchen. Wenn sie keine fänden, seien die Familien auf sich allein gestellt.

Unterstützung online

Das Evangelische Krankenhaus bietet inzwischen einmal in der Woche eine Hebammensprechstunde auf Facebook an. Frauen können hier der Hebamme Jutta Schlick ihre Fragen stellen, sie antwortet dann – je nach Situation – öffentlich oder privat. So gibt sie im Internet Tipps zum Stillen oder dazu, wann und wie Eltern Beikost einführen können. Außerdem hält Schlick Vorträge, macht Infoabende und berät Schwangere am Telefon oder persönlich. 

Eine Sprecherin des Evangelischen Krankenhauses erklärt, sie wisse, dass das eine klassische Hebammenbetreuung nicht ersetzt. „Das Evangelische Krankenhaus hat eine Möglichkeit gefunden, die ganze Situation etwas aufzufangen“, sagt sie.

"zu wenig Zeit für die Arbeit"

Nach Meinung von Ganeva-Borrmann sehen Krankenkassen zu wenig Zeit für die Arbeit der Hebammen vor. Sie bezahlen pro Besuch 20 Minuten, die Hebamme bleibt jedoch meist dreimal so lange. Nur so habe sie neben der körperlichen Untersuchung von Mutter und Kind Zeit, die Familien zu beraten, zu trösten und zu beruhigen: „Da bleibt einem keine Zeit, eine Masse an Patienten zu betreuen.“ Ihren Beruf empfindet sie trotz aller Anspannung als Berufung. „Ich mache das total gerne“, sagt Ganeva-Borrmann.

Von Sofie Richter

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