So schwierig ist Abschiednehmen derzeit

Hygienisch herzlich in Hamm: Beerdigungen in der Pandemie

Mit Corona hat sich das Abschiednehmen verändert, wie Bestatter Frank Makiol in der Trauerhalle in Wiescherhöfen zeigt.
+
Zwölf Plätze statt 80 oder 90: Mit Corona hat sich das Abschiednehmen verändert, wie Bestatter Frank Makiol in der Trauerhalle in Wiescherhöfen zeigt.

Beerdigungen sind ohnehin traurige Ereignisse. In diesen Corona-Zeiten aber ist selbst das Abschiednehmen noch schwieriger als ohnehin. Eindrücke aus Hamm.

Hamm - Distanz zu wahren und Abstände einzuhalten auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber eine gewisse Nähe zuzulassen, mag paradox klingen, bringt die Schwierigkeiten von Hinterbliebenen beim Abschiednehmen von einem geliebten Menschen in Corona-Zeiten aber auf den Punkt. Wie schwierig es daher die Coronaregeln bei der Trauerarbeit und bei Beerdigungen machen, erleben der Wiescherhöfener Bestatter Frank Makiol und Pfarrerin Anette Stork von der Evangelischen Kirchengemeinde St. Victor Herringen seit Beginn der Pandemie vor einem Jahr immer wieder hautnah mit.

„Wir sind auf Herzlichkeit, Liebe und Nähe eingestellt, können das aber nicht machen“, erklärt Frank Makiol vom Bestattungsunternehmen Makiol. Um die Coronaregeln einzuhalten, aber dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen beim Abschiednehmen trotzdem einen würdevollen Rahmen zu geben, gehe man seit Beginn der Pandemie durchaus neue Wege.

Geändert habe sich beispielsweise der Ablauf von Beratungsgesprächen für eine Beisetzung. „Früher sind wir zur Beratung oft zu den Leuten hingefahren“, erklärt Makiol, der das 1949 gegründete Familienunternehmen zusammen mit seiner Schwester Corinna leitet. Heute dagegen würden die Gespräche in der Regel im Bestattungshaus stattfinden – und das auch mit nur wenigen Personen. Mittlerweile seien Beratungsgespräche aber auch per Skype und Zoom möglich.

Filmteam bei der Beisetzung

Die zunehmende Digitalisierung in Coronazeiten zeigt sich aber auch in anderen Bereichen: Damit sich die Menschen trotz Besucherbeschränkungen (siehe Infokasten) auch bei großen Beerdigungen verabschieden können, hat Makiol bereits mehrfach in Kooperation mit einem Filmteam die Beisetzung aufgenommen, sodass diejenigen, die nicht vor Ort waren, ebenfalls „dabei“ sein konnten. Neu seit einigen Monaten ist auch das digitale Kondolenzbuch auf der Internetseite. Hier können Trauernde etwas persönliches Schreiben, aber auch das Anzünden einer digitalen Kerze ist möglich. „Die Auftraggeber freuen sich darüber, welche Anteilnahme sie erfahren“, sagt Frank Makiol.

Regeln bei Beerdigungen in Hamm

Anders als die landesweite Verordnung es vorsieht, sind die für Hamm geltenden Coronaregeln bei Beerdigungen mehr im Sinne der Angehörigen ausgerichtet. Demnach sind aktuell bis zu 25 Personen bei einer Trauerfeier unter freiem Himmel erlaubt, bei Trauerfeiern in geschlossenen Räumen richtet sich die zulässige Personenanzahl an die Größe des Gebäudes. „Pro zehn Quadratmetern ist eine Person erlaubt“, erklärt Bestatter Frank Makiol. In Dortmund gibt es beispielsweise keine Besucherobergrenze bei Trauerfeiern unter freiem Himmel.

Weil Trauerfeiern wegen Corona immer häufiger unter freiem Himmel stattfinden, hat sich die Branche auch auf diesen Umstand eingestellt. Damit auch hier ein angemessenes Ambiente entsteht, setzen Frank und Corinna Makiol sowie ihre zehn Mitarbeiter auf stilvolle Dekorationen, wie ein Bild des Verstorbenen, sowie weitere Elemente. Aber auch eine Musikanlage sowie eine Bestuhlung wird mittlerweile oftmals genutzt.

Trauernde zeigen häufig Verständnis für Corona-Maßnahmen

Das Wichtigste bei allen Änderungen: „Die Leute gehen den Weg mit“, sagt Frank Makiol hinsichtlich des Verständnisses, dass die allermeisten Menschen für die Umstände aufgrund der Coronasituation mitbringen. Zu Beginn der Pandemie, als die Teilnehmerzahl bei Beerdigungen auf zehn begrenzt war, sei es aber schon sehr schwierig gewesen. „Das hat einem oft das Herz gebrochen“, sagt Makiol sichtlich bewegt.

Ergreifende Momente erlebt seit Monaten auch Pfarrerin Anette Stork von der Evangelischen Kirchengemeinde St. Victor Herringen. Und das meist auch schon beim Trauergespräch vor einer Beisetzung. Denn diese finden mittlerweile in der Regel in der Kirche statt und nicht mehr bei den Angehörigen zuhause. „Dort habe ich aber mitbekommen, wie der Mensch gelebt hat“, sagt Stork, die diesen Einblick mittlerweile nicht mehr so oft bekommt. Einerseits habe der Kirchraum zwar „etwas heilsames“, doch kämen die Menschen dort nicht so aus sich heraus, wie sie es zuhause tun würden.

Trauern auf Abstand: Menschen nehmen persönlich Abschied

Weil körperliche Nähe im Zusammenhang mit der Coronapandemie vermieden werden soll, sei die Teilnahme an einer Beisetzung auch für sie persönlich schwieriger. „Ich schaue den Menschen in die Augen und mache eine Verbeugung zur Begrüßung“, erklärt Stork, die den Angehörigen damit ihre Anteilnahme ausdrücken möchte. Was vielen Angehörigen zu schaffen mache, sei, dass nicht jeder persönlich Abschied nehmen könne. „Dabei ist Abschied nehmen wichtig – auch für das eigene Leben“, sagt die Pfarrerin. Für sie sei es außerdem bewegend zu sehen, wie Trauer derzeit ausgedrückt wird – denn das Tragen einer Maske macht den Umgang mit Emotionen besonders schwierig: „Der Abfluss von Trauer wird gehemmt – und das tut mir leid.“

Der Abfluss von Trauer wird gehemmt – und das tut mir leid.

Anette Stork, Pfarrerin

Umso wichtiger ist Pfarrerin Anette Stork, den Angehörigen ein Gefühl der Hoffnung und des Trostes mit auf den Weg zu geben – und zwar nicht nur durch Worte. „Man versucht, es besonders schön zu machen für die Menschen“, sagt sie und gibt sich daher bei Trauerfeiern ganz besonders viel Mühe, damit die Hinterbliebenen trotz aller Umstände ein positives Gefühl mitnehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare