„Die reine Leere“

Homeschooling als Stresstest: Eine Mutter aus Hamm berichtet

Die Mutter in unserem Beitrag macht sich große Sorgen um die Bildungschancen ihrer Söhne im Homeschooling.
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„Die reine Leere“: Die Mutter in unserem Beitrag macht sich große Sorgen um die Bildungschancen ihrer Söhne im Homeschooling.

Die Pandemie ist ein Stress-Test. Und Homeschooling bringt vor allem Eltern mehrerer Kinder an ihre Grenzen und lässt Schüler verzweifeln. Eine Mutter berichtet, was dieser Zustand mit ihr und dem Familienleben macht.

Hamm – Stefanie M. (*) hat drei Söhne, zwei davon im besten Teenager-Alter und der Jüngste ist elf, also definitiv noch zu jung, als dass man von ihm selbstständiges Lernen erwarten könnte. Das Trio verteilt sich auf ein Gymnasium und eine Gesamtschule in Hamm. In beiden Einrichtungen gibt es keine Anwesenheitspflicht beim Homeschooling.

„Wenn ich von anderen Schulen wie etwa der Konrad Adenauer-Realschule höre, dass dort um 7.55 Uhr der Unterricht beginnt und die Schüler vor dem Rechner sitzen müssen, dann frage ich mich, warum das nicht auch an anderen Schulen geht. Die erste Herausforderung des Tages besteht darin, meine Jungs aus dem Bett zu kriegen. Es gibt dafür ja keinen triftigen Grund – ihre Schulaufgaben können sie den ganzen Tag über erledigen. Dabei geht ihnen ihre Tagesstruktur verloren. Als ich gestern Abend um 23.15 Uhr ins Bett gegangen bin, sagte mein Mittlerer zu mir ,Ich mache dann jetzt noch Physik, Mama‘. Dass er dann nicht um 7 Uhr wieder aufsteht, ist auch klar.“

Auch die Kontaktpflege zu Freunden ist in Corona-Zeiten nicht einfach. Die Jungs bewegen sich viel im virtuellen Raum, spielen mit Freunden online Computer-Spiele und nutzen Video-Chats – und das teils zu ungewöhnlichen Tageszeiten. „Wir sind komplett raus aus dem alltäglichen Rhythmus – und das betrifft nicht nur uns, sondern viele Familien.“ Stefanie M. gibt sich alle Mühe, dafür zu sorgen, dass der Tag dennoch zu einer bestimmten Uhrzeit startet – ein Kraftakt, denn auch die Pubertät ist der Aufrechterhaltung der Struktur nicht gerade zuträglich.

Homeschooling in Hamm: “Oft einfach zu ungeduldig“

Vor Corona war der Tagesablauf im Hause M. unveränderlich: Aufstehen, Frühstück, Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, Schluss mit Schule. „Heute brüten wir manchmal noch um 19 Uhr über Matheaufgaben. Schule ist den ganzen Tag über Thema. Auch, weil plötzlich selbst Nebenfächer eine immense Bedeutung gewonnen zu haben scheinen. Mal eben 16 Aufgaben in Erdkunde zu lösen und mit den Ergebnissen drei DinA4-Seiten zu füllen, ist keine Kleinigkeit“, sagt die engagierte Mutter. Hinzu komme, dass Aufgaben der Klasse 5 für sie noch nachvollziehbar seien, aber ab Klasse 10 müsse sie sich auch erst einmal in den Stoff einlesen, das gelinge eben nicht immer.

Mit Blick auf Prüfungen und Abschlüsse werde ihr oft schwummerig, weil sie fürchte, dass das Durcheinander sich negativ auf die Zukunftsperspektiven ihrer Jungs auswirken könnte. „Ich bin keine ausgebildete Pädagogin, ich weiß nicht, wie man Lehrinhalte gut vermittelt. Oft bin ich einfach viel zu ungeduldig, was sicherlich auch meiner persönlichen Situation geschuldet ist.“

Homeschooling in Hamm: Aus Möhre Querflöte schnitzen?

Stefanie M. arbeitet drei Tage die Woche halbtags im Homeoffice. Normalerweise hätte sie zudem mittwochs einen Präsenzarbeitstag in ihrem Unternehmen. „Den habe ich mittlerweile gestrichen und nehme mir an diesen Tagen Urlaub, weil es nicht anders geht.“ Ihr Mann ist schwer erkrankt und fällt somit derzeit als Homeschooling-Hilfe komplett aus.

„Wenn ich Vollzeit arbeiten würde – ich hätte keine Idee mehr, wie das gehen sollte. Und dann gibt es so Momente, in denen ich beim Anblick der Schulaufgaben denke: ,Ernsthaft?‘ Ein Beispiel: Mein Jüngster erhält eine mehrteilige Aufgabe im Musikunterricht. Instrumente bestimmen – gut und schön. Aber: ,Versuche, aus Gemüse Musikinstrumente herzustellen? Und lass dir von einem Erwachsenen dabei helfen, damit du dich nicht verletzt?‘ Da muss ich einfach sagen: Ich habe so schon genug zu tun – da muss ich nicht noch versuchen aus einer Möhre eine Querflöte zu schnitzen“, findet die Mutter klare Worte.

Homeschooling in Hamm: Lehrer-Nachrichten nicht immer diplomatisch

Sie gibt den Lehrern oft ein Feedback, weil sie davon überzeugt ist, dass Dinge nur im Dialog verbessert werden können. Aber sie hat auch ständig Angst, dass sie ihren Jungs Schwierigkeiten bereiten könnte, wenn sie sich zu sehr aus dem Fenster lehnt und Pädagogen verärgert. Nicht immer gelingt es ihr, ihre Nachrichten diplomatisch zu formulieren. Dafür ist der Druck oft zu groß. „Aber sie müssen darüber informiert werden, welche Wege alltagstauglich sind und welche Aufgaben Familien überfordern. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass das auch für Lehrer eine schwierige Situation ist und die Probleme in den jeweiligen Familien sehr individuell sind“, sagt sie.

Morgens drubbelt es sich am Drucker: „Jeden Tag müssen wir seitenweise Aufgaben ausdrucken. Die werden meistens erst so gegen 7 Uhr von den Lehrern online gestellt. Warum geht das nicht schon am Abend vorher? Dann könnte ich sie in Ruhe ausdrucken und den Jungs morgens vorlegen. Stattdessen beginnt mein Arbeitstag mit einem Stau am Drucker. Für die Jungs ist das auch nicht gerade motivierend, wenn da Seite um Seite aus dem Drucker purzelt. Der Output ist enorm, der Papierverbrauch ist sehr deutlich gestiegen.“ Auf den Nachwuchs wirke das manchmal wie eine kaum zu bewältigende Flut von Aufgaben. „Und in Verbindung mit all den unterschiedlichen Abgabe-Schlüssen, die für die Aufgaben zu beachten sind, bekommen die Jungs oft das Gefühl, dass das alles kaum schaffbar sei.“ Die Arbeitsweise der Lehrer sei auch sehr unterschiedlich, stellt M. immer wieder fest: „Am Besten kontrolliert man jeden Tag alle Fächer, ob nicht doch noch irgendwo eine Videokonferenz terminiert oder Aufgaben eingestellt wurden. Da wird schnell mal was übersehen.“

Homeschooling in Hamm: Pensum in dieser Pandemie-Phase enorm

An einem Abend geriet Stefanie M. mit einem ihrer Söhne in Streit – sie hatte Aufgaben kontrolliert und wollte die Fehler mit ihm gemeinsam beheben. Der Junge brüllt: „Mama, es ist 18.30 Uhr – es muss doch irgendwann einmal gut sein mit Schule.“ Und Stefanie M. will etwas erwidern, holt Luft, schweigt und denkt: „Stimmt, er hat Recht.“

Das Pensum ist auch für sie in dieser Phase der Pandemie enorm: „Früher haben die Jungs die Aufgaben im Unterricht besprochen und sind dort auf Fehler aufmerksam gemacht worden. Es hat eben echter Unterricht stattgefunden! Das kann man überhaupt nicht mit dem vergleichen, was jetzt gefordert wird. Autodidaktisches Lernen quasi. Das ist ein ziemlicher Aufwand.“

Homeschooling in Hamm: Erwartungen widersprechen realem Leben

Sie sieht sich vonseiten der Lehrer mit einer Erwartungshaltung konfrontiert, die dem realen Leben widerspricht: „Ein gewisses Maß an selbstständigem Lernen – ja, das sollte man von Schülern in einem gewissen Alter erwarten können. Aber ein 16-Jähriger ist in Regel noch nicht studierfähig, sondern strebt einen Abschluss an, der ihn später dazu befähigt. Man kann von Teenagern nicht erwarten, dass sie die Schule vorantreiben als ob sie sich im Studium befinden. Also bleibt die Aufgabe an den Eltern hängen. Und wenn man mehrere Kinder hat und berufstätig ist, ist das eine Tagesaufgabe. Ich kenne mehrere Eltern, die längst an ihren Grenzen sind.“

Stefanie M. probiert es jetzt mit gemeinschaftlichem Lernen. Einer ihrer Söhne hat sich mit einem Freund zusammengetan und die Mütter wechseln sich in der Kontrolle der Aufgaben ab. Das widerspreche zwar den Mahnungen, die Kontakte zu minimieren, aber so wie bisher geht es auch nicht weiter.

(*) Name wurde von der Redaktion geändert

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