Bäcker-Sohn lebt schon lange in San Francisco

USA-Fan Holger Bürger aus Hamm: So erlebt er die Tage vor der Wahl

Auf Mountainbike-Tour mit Sohn Brandon: Holger Bürger lebt seit mehr als 20 Jahren in San Francisco.
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Auf Mountainbike-Tour mit Sohn Brandon, im Hintergrund die Golden Gate Bridge: Holger Bürger lebt seit mehr als 20 Jahren in San Francisco.

Holger Bürger lebt seit mehr als 20 Jahren in San Francisco. Bei der US-Wahl wird der Hammer Bäcker-Sohn für Joe Biden stimmen. Er tut das aber nicht ganz sorgenfrei.

Hamm/San Francisco – Sie sind die Helden seiner Kindheit: das A-Team, Lee Majors als der 6-Millionen-Dollar-Mann und natürlich David Hasselhoff in „Knight Rider“ und „Baywatch“. Wenn die Ami-Serien laufen, wollte der kleine Holger Bürger fernsehen, bis die Augen eckig werden. Zum einen wegen der Technik-Verrücktheit, die jedes Problem lösbar macht. Zum anderen, weil die Abenteuer in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, spielen.

„Ich glaube, damals hat es angefangen. Ich wusste einfach, dass ich dort einmal landen würde“, sagt der heute 47-Jährige, einst Wasserballer bei Rote Erde und wuschelmähniger Hobby-Musiker, dessen Eltern im Hammer Westen die bekannte wie beliebte Traditionsbäckerei Bürger betrieben.

Noch gut kann er sich an seine erste Reise in die USA erinnern: Zusammen mit Mutter Rosi ging es in die Häuserschluchten von New York – ein Wahnsinns-Abenteuer für den damals 21-Jährigen. Bürger lächelt bei dem Gedanken daran. Seit mittlerweile mehr als 20 Jahren lebt und arbeitet er in San Francisco, nahe des Silicon Valley, wo es für Informatiker wie ihn immer etwas zu tun gibt. Aktuell ist er zu Besuch in der alten Heimat.

Das erste Mal in Amerika: Holger Bürger, damals 21, und Mutter Rosi vor den Twin Towers in New York.

Für Papas 80. zurück nach Hamm

Nachdem die Eltern direkt im März eine Corona-Infektion durchlitten und heil überstanden hatten, stand für Sohn Holger ziemlich schnell fest, dass er die beiden in diesen unsicheren Zeit möglichst bald persönlich besuchen würde. Zwar versucht er, die Familie an seinem Leben am anderen Ende der Welt per Videos und Video-Chats teilhaben zu lassen, aber Begegnungen sind für ihn durch nichts zu ersetzen. Der 80. Geburtstag von Vater Helmut im Oktober, der in einem Hotel im Sauerland gefeiert wurde, bot den passenden Anlass. Erst einen Tag nach der US-Wahl wird Bürger zurückfliegen.

„Es tut mir wirklich leid, dass ich meine Frau in diesen Momenten allein lasse, aber das ist diesmal nun so“, sagt er und meint das ernst. Für Amerikaner gibt es kein gesellschaftliches Ereignis, das emotionaler aufgeladen wäre. Und Holger Bürger ist seit Herbst 2019 tatsächlich amerikanischer Staatsbürger mit doppelter Staatsbürgerschaft. Bevor er nach Deutschland geflogen ist, hat er zum ersten Mal gewählt und diesen Prozess für Freunde und Familie sogar in einem Erklär-Video verarbeitet.

„Außerhalb von Amerika wird es meist so dargestellt, als ob es lediglich um die Frage ,Trump oder Biden?‘ gehe. Aber das ist so nicht richtig. Es geht vor allem auch um die sogenannten Propositions, also um Volksentscheide zu Gesetzesvorhaben. Und die sind extrem wichtig. Der aktuelle Wahlzettel umfasst drei Seiten, die voll sind mit diesen Propositions. Da geht es um Gelder für Schulen oder Hilfen für die immer größer werdende Zahl der Obdachlosen, die in San Francisco mittlerweile in einer großen Zeltstadt leben“, erklärt Bürger.

Die Materie ist so komplex, dass Zeitungen und diverse Organisationen den Wählern mittlerweile Handbücher und Online-Tutorials an die Hand geben, um ihnen zu erklären, für was sie da eigentlich stimmen und was ein Ja- oder Nein-Votum an den einzelnen Stellen bedeutet. Mehrere Tage hat Bürger sich Zeit genommen, um die Wahlunterlagen gewissenhaft ausfüllen zu können. Alles andere als ein klarer Sieg mit einem großen Vorsprung für Biden direkt am Wahltag könne für große gesellschaftliche Unruhe sorgen, fürchtet er.

In San Francisco, wo Bürger mit seiner zweiten Frau, der Ärztin Dr. Dipti Agrawal, lebt, kommen viele Kulturen zusammen und das Klima ist liberal. Das zeigte sich besonders deutlich bei der Einbürgerungsfeier, die in einem gut besuchten Theatersaal stattfand. Nach feierlichen Worten wurden nacheinander alle Nationalitäten aufgerufen und sollten sich winkend bemerkbar machen. Ein multinationales Durcheinander und Miteinander, das die bunte Gesellschaft in San Franciscos spiegelte.

Buh-Rufe für Donald Trump

Später wurde eine Video-Botschaft von Donald Trump eingespielt. „You are all American citizens now“, rief der Präsident den Versammelten zu. Die Botschaft ging in Buh-Rufen unter. „Aber das ist San Francisco – in anderen Orten und Städten sieht es dann schon wieder ganz anders aus“, weiß Holger Bürger, der Trumps Propaganda-Kanäle wie etwa Fox News meidet. „Das will ich nicht in meinem Kopf haben, sonst fange ich an, mit mir selbst zu diskutieren“, sagt er.

Nicht umsonst ist er den amerikanischen Demokraten beigetreten. Diskriminierungen jedweder Art lehnt er ab, und eine unbändige Neugier treibt ihn immer wieder zu fremden Kulturen hin. Fast wirkt er ein wenig wehmütig, wenn er berichtet, wie er den Wahlsieg Obamas, des ersten schwarzen Präsidenten, in einem Pub gefeiert hat.

Holger Bürger hält sich ungern mit Rückblicken auf, er blickt lieber nach vorn und verlässt sich auf sein Bauchgefühl. Das war schon immer so. Noch während seines Diplom-Studiums an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen suchte er eine Praktikumsstelle in Amerika. „Dort herrschte damals ein Fortschrittsdenken, das es bei uns so noch nicht gab.“ Er weiß, dass die Sprache ihm nicht zufliegen wird, aber für seinen Traum ist er bereit, hart zu arbeiten. Facebook, Twitter und Co. waren damals noch nicht erfunden und die Welt war noch weit davon entfernt, zusammenzurücken.

„Ich habe in einem Forum gepostet, ob jemand wüsste, wie ich an einen Praktikumsplatz komme und – zack, hat sich der Chef von Match.com, einer der ersten Dating-Plattformen, gemeldet, dass ich in ein paar Wochen bei ihm anfangen könnte. Ich kannte niemanden in Amerika und schon gar keinen, der mir ein Zimmer vermietet hätte. Dann gehe ich auf eine Party in Gelsenkirchen und lerne zufällig eine Amerikanerin kennen, die sagt, sie hätte eine Freundin in San Francisco, die mir eine Unterkunft vermitteln würde. Da habe ich zum ersten Mal gedacht – das soll einfach alles so sein.“

Arbeitslos, als die Internetblase platzt

Während des Praktikums lernt Bürger seine erste Frau kennen, mit der ihn heute der 15-jährige Sohn Brandon verbindet. Er kehrt noch einmal für die Diplomarbeit und den Abschluss nach Deutschland zurück und ist bereits ein Jahr später verheiratet und kann sich vor Jobangeboten in Amerika kaum retten. Das geht so lange gut, bis die Internet-Blase platzt. „Das war 2000. Da war ich von heute auf morgen arbeitslos. Ein halbes Jahr erhält man in Amerika Arbeitslosengeld, aber das reicht nicht einmal für deine Miete. Also hab ich viele Jobs gemacht, um über die Runden zu kommen.“

Mental geht es Bürger damit nicht gut: „Aufrecht gehalten hat mich wohl der Gedanke, dass ich notfalls auch bei Rosi und Helmut ins Gartenhaus ziehen kann, wenn alles schief geht.“ Aber es kommen wieder bessere Tage. Heute ist es für Holger Bürger normal, dass kein Job für die Ewigkeit gemacht ist. „Meine längste Anstellung währte vier Jahre. Man kann morgens zur Arbeit kommen und bekommt einen Karton in die Hand gedrückt, in den man seine Sachen packen kann, weil es das Start-Up nicht mehr gibt. Aber dafür ergibt sich etwas anderes.“

Traumhochzeit in Neu-Delhi: Holger Bürger heiratete seine zweite Frau Dipti Agrawal nach indischer Tradition

Zweite Hochzeit in Neu-Delhi

Auch privat lief nicht immer alles glatt. Trennung und Immobilienverkauf auf Amerikanisch – „das braucht man alles nicht und es ist immer ein schwieriger, trauriger Prozess“. Seine zweite Frau Dipti Agrawal hat Holger Bürger auf der Hochzeit eines Freundes in Belgrad kennengelernt. Sie ist Amerikanerin mit indischen Wurzeln. Bis die beiden zusammenziehen konnten, verging eine Zeit, in der die beiden sich immer wieder prüften. Als sie schließlich „Ja“ zueinander sagten, taten sie das mit Freunden und Familien in Neu-Delhi. Und zwar nach indischem Brauch. „Dabei geht es weniger um das Paar selbst als vielmehr um die Zusammenführung zweier Familien“, beschreibt Bürger das große exotische Fest, das sich über mehrere Tage erstreckte.

Heute arbeitet Dipti als Fachärztin für seltene Krankheiten und Infektiologie in San Francisco und kümmert sich um Corona-Infizierte. „Natürlich machen wir uns Sorgen, dass etwas passieren könnte. Aber das geht sicherlich vielen Menschen derzeit so“, sagt Bürger, der hofft, irgendwann wieder unbeschwert reisen zu können. Ganz ausschließen, dass er einmal nach Deutschland zurückkehrt, mag er nicht. Die Hitzeperioden in Amerika würden von Jahr zu Jahr extremer, damit einhergehen Wassermangel und Waldbrände, die sich oft über mehrere Tage erstrecken.

„Dann liegt die Asche auf den Autos und wir müssen Masken tragen, wenn wir das Haus verlassen, weil die Luft voller Rauch ist. Meine Frau liebt Deutschland und Europa, die Kultur und die Geschichte, die deutschen Frühstücksbuffets, den Wein und die Weinanbaugebiete. Wir sind schon viel durch Deutschland, Italien, Frankreich gereist und auch für mich hat das eine neue Bedeutung gewonnen“, erzählt der Exil-Hammer, der mit seinem Sohn, wann immer es geht, Deutsch spricht und besonders Papas guten Kuchen und die deutschen Biere vermisst.

Ist er in Deutschland, reicht die Zeit oft auch für eine Bierlänge mit Freunden und den alten Wasserballkollegen von Rote Erde. Zu den Anekdoten, die Bürger dann von seinem Leben in Amerika erzählt, dürfte auch jene gehören, als er versuchte, in Amerika Wasserball zu spielen, Gleichgesinnte suchte und unwissentlich Mitglied in einem Wasserballclub für Schwule wurde. „Das hat man mir erst einige Zeit später erklärt – obwohl ich als Heterosexueller da nicht ganz rein passte, hat man mich aufgenommen und ich habe für mehrere Jahre mit dem Team gespielt“, sagt er und lacht. „Warum auch nicht?“

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