Begeisterter Fußgänger

Hindernislauf über den Bürgersteig: Werner Reumke zeigt Schwachstellen und lobt Pättkes

Hauptsache, die Fahrbahn ist frei: Dafür darf der Bürgersteig, wie hier am Wemhof, ganz legal zugeparkt vollgestellt werden.
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Hauptsache, die Fahrbahn ist frei: Dafür darf der Bürgersteig, wie hier am Wemhof, ganz legal zugeparkt vollgestellt werden.

Zu einer kleinen Wanderung durch Bockum-Hövel habe ich mich mit Werner Reumke verabredet.

Bockum-Hövel – Werner Reumke ist passionierter Fußgänger und drängt schon einige Zeit darauf, den Blick einmal auf die guten wie auf die schlechten Wege im Ort zu lenken.

Das Gehen hat er nicht erst durch die Corona-Pandemie entdeckt, doch durch die dadurch bedingten Kontaktbeschränkungen und Ladenschließungen hat er noch mehr Zeit gefunden, die Welt zu Fuß zu erkunden. Und Fußgänger starten mit dem ersten Schritt vor die eigene Tür.

Hindernislauf über den Bürgersteig: Erst einmal Theorie

Doch mit Werner Reumke einfach losgehen – das geht nicht. Wenn’s ums Gehen geht, kommt bei ihm erst einmal Theorie. Überschrift: Verkehrswende und wie sie zu erreichen ist. 60 Prozent der Wege in Hamm würden mit dem Auto erledigt. In der Regel sitze nur eine Person darin. Da müsse man nachfragen, welche Strecken gefahren würden und wie lange das Auto dann herumstehe. „Und es werden immer noch mehr Autos“, stellt Reumke fest.

15 Prozent der Wege würden auf dem Fahrrad zurückgelegt, im Schnitt 2,5 Kilometer. „Das ist wenig“, meint er. 14 Prozent entfielen schließlich auf Fußgänger. Strecke und Zeit seien in der Regel marginal. Den größten Anteil daran hätten nach seiner Beobachtung die Hundebesitzer, die mit ihren Vierbeinern Gassi gingen. Wer geht noch zum Arzt oder zur Arbeit? Früher hätten viele Menschen vor Schichtbeginn an der Ampel vor dem Hella-Werk gestanden, heute kämen sie mit dem Auto. Es gibt also viel Steigerungspotenzial.

„Wir wollen, dass sich die Menschen mehr bewegen. Dafür brauchen wir eine Lobby. Wir brauchen einen Fußgängerbeauftragten in Hamm“, lautet seine Forderung. 1961 sei Hamm zur autogerechten Stadt der Zukunft ausgerufen worden. „Das wurde nie zurückgenommen. So wird auch heute noch gedacht“, stellt er fest.

Natürlich hat Reumke auch positive Beispiele parat: Der Elternbus, auch Walking Bus genannt, bei dem Eltern die i-Männchen einsammeln und in Gruppen zur Schule begleiten. Das verhindert gleichzeitig das übliche Verkehrschaos vor den Grundschulen. Das werde in anderen Orten praktiziert, in Hamm aber noch nicht. Und vom Italienurlaub mitgebracht: „Passe giata“: Die Italiener gehen abends raus – übrigens bei jedem Wetter – spazieren durch die Straßen, treffen sich, halten Schwätzchen, pflegen soziale Kontakte und beleben so die Orte. Außerdem hat das Gehen sehr positive Wirkungen auf zahlreiche Erkrankungen: Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Probleme …

Hindernislauf über den Bürgersteig: Eine Runde durch Hövel

Genug Theorie, jetzt die Praxis. Nach den ersten Schritten werden direkt vor Reumkes Fachwerk auch schon an einer einzigen Stelle gleich mehrere Probleme deutlich. Ein Bürgersteig der Straße Am Wemhof ist zugeparkt. Das ist gewollt an dieser Stelle, ein Verkehrsschild fordert dazu auf, damit die Autos nicht auf der Straße herumstehen und den Verkehr behindern. Nur schlanke Fußgänger kommen dort noch vorbei.

Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig stehen Papier-Mülltonnen, dazwischen eingeklemmt riesige Kartons. Auch hier wird‘s eng. Zudem stehen die – zugegebenermaßen wundervoll blühenden – Kirschbäume und einige Laternen mitten auf den Gehwegen. Diese sind außerdem unbefestigt und holprig. Fazit: Fußgänger werden auf die Fahrbahn gezwungen. Könnten dorthin nicht die Autos und Abfalltonnen verbannt werden? Warum muss das Auto hier Vorrang haben? Wie kann der Straßenraum anders aufgeteilt werden? Gerade letztere Frage stellt sich permanent bei unserem Rundgang.

So auch keine zweihundert Meter weiter. Dort macht die Ermelinghofstraße eine Biegung und der Gehweg ist kaum einen Meter breit. Wenn hier ein Lkw um die Ecke fährt, wird es für den Fußgänger gefährlich. Reumkes Vorschlag: den Verkehr an dieser Stelle einspurig führen oder gleich eine Einbahnstraße einrichten. So entsteht Raum für einen anständigen Bürgersteig.

Problemstelle Grundstückseinfahrt: Kurze Strecken mit starkem Gefälle sind Gefahrenstellen für Rollatorfahrer wie Brigitte Mondery.

Hindernislauf über den Bürgersteig: Poller auf dem Bürgersteig

Kaum haben wir die Kreuzung an der Friedrich-Ebert-Straße erreicht, gibt es weitere Anlässe für Kritik: Die Poller, die die Fußgänger an der Kreuzung vor den Autos schützen sollen, stehen mitten auf dem Bürgersteig, ebenso wie der Ampelmast. Wenn sich hier ein Rollatorfahrer und ein Kinderwagenschieber begegnen, müssen sie sich erst einmal einigen, wer den Vortritt hat. Und wie sieht es mit den Ampelphasen für Fußgänger aus? Sind sie lang genug? Gibt es lange Wartezeiten?

Es gibt auch etwas Positives über diese Kreuzung zu sagen: Hier befinden sich vier Bushaltestellen in unmittelbarer Nähe. „Aber keine hat ein Wartehäuschen“, trübt Reumke dieses Bild sofort.

Im Verlauf der Horster Straße sind weitere Hindernisse auf dem Bürgersteig platziert: Poller, Laternen, dicke Masten für Straßenschilder und ein mobiles Straßenschild mit einem breiten Fuß als Stolperfalle. Reumkes Kommentar: „Sind die balla balla? Wer stellt so etwas hierhin? Das gehört auf die Straße!“

Dann endlich ein Highlight für Fußgänger. Wir erreichen den Fritz-Schumacher-Weg und Reumke gerät ins Schwärmen: Die Bockum-Höveler Pättkes, ein Alleinstellungsmerkmal für diesen Stadtbezirk, auch in Neubaugebieten werden sie neu angelegt, hier kommt man auf den Rückseiten der Gärten in wahre Oasen der Ruhe, hört Vogelgezwitscher, blickt auf schöne Pflanzen, riecht auch mal, wenn gegrillt wird, kann abseits vom Verkehrslärm den ganzen Ort durchqueren. „Es gibt sogar den Pättkesgruß. Hier wünschen sich Menschen einen guten Tag, die sich auf der Straße nicht grüßen würden“, berichtet Reumke aus eigener Erfahrung. „Man müsste einmal alle Pättkes erfassen und auf einer Karte aufzeichnen. Und wenn sie eine Straße queren, müsste ihr Verlauf farbig markiert werden, damit die Autofahrer vorsichtiger sind“, schlägt er vor.

Die Idylle ist vorbei, als wir auf den Zilleweg stoßen: Der Bürgersteig ist schmal und holprig: „Da geht man lieber auf der Straße“, so Reumke. Nach dem Verbindungsweg führt uns die Marinestraße – hier ist alles gut – ins Höveler Zentrum. „Teile davon sollte man als Fußgängerzone ausweisen“, schlägt Reumke vor. Und bevor wir auf die Hohenhöveler Straße stoßen, versperrt ein riesiger Sperrmüllhaufen fast den gesamten Bürgersteig. „Der liegt schon mehrere Tage hier“, weiß Reumke.

Hindernislauf über den Bürgersteig: Mit Rollator in Gefahr

Auf der Hohenhöveler Staße lauern neue Gefahren: Mäuerchen vor den Häusern ragen in den Weg: Stolperfallen für Menschen mit Sehbehinderung. Zudem stehen etliche Bäume mitten auf dem Bürgersteig. Der Wurzelbereich ist mit Metallgittern geschützt. „Es gibt überall eingelassenes Metall, Baumscheiben, Gullideckel, Abflüsse. Bei Nässe, Frost und Schnee rutscht man darauf sehr schnell aus“, sagt Reumke.

Dann geht es Richtung Hallohpark auf die Eichstedtstraße. Gerade will Werner Reumke am Beispiel der Grundstückseinfahrt zur Talschule das Problem mit dem zu starken Gefälle schildern, da kommt Brigitte Mondery mit ihrem Rollator. Sie hat die Stelle passiert und schildert, dass ihr sowohl das Längsgefälle als auch das Quergefälle vieler Fußwege große Probleme bereitet. Auf der Andreasstraße sei es besonders schlimm. Ich bitte sie, das kritische Stückchen Weg für ein Foto noch einmal mit ihrem Rollator zu gehen. Gerade noch schafft sie es, auf dem kurzen abschüssigen Abschnitt die Bremse zu betätigen und einen Sturz zu verhindern. Schlechten Gewissens muss ich mir eingestehen, dass ich Frau Mondery in Gefahr gebracht habe. Doch gleichzeitig legt die Szene das Problem offen: Fürs Auto wird alles geglättet und begradigt. Dass dabei Hindernisse für die schwächsten Verkehrsteilnehmer entstehen, spielt keine Rolle.

Werner Reumke hat für die Gestaltung des Bürgersteigs an dieser Stelle überhaupt kein Verständnis, nicht nur wegen der Absenkung. Er ist auch viel zu schmal. Sein Vorschlag: Ein Stück des Grundstücks der Talschule, das ja der Stadt gehört, zu nutzen, um einen breiten und ebenen Weg anzulegen. Vielleicht gelingt das ja irgendwann bei der dringend erforderlichen Sanierung der Eichstedtstraße.

Nach dieser Begegnung ist schnell der Hallohpark erreicht. Kurz weist Reumke noch auf den Arthur-Schauerte-Weg am Ende der Ludwig-van-Beethoven-Straße hin – auch eines dieser Pättken – bevor er über den Park als Oase für Fußgänger wieder ins Schwärmen gerät: Natur, Begegnungen, Kunst, Konzerte, Naherholungsgebiet mitten im Ort und vieles mehr. An die Radler hat er die Bitte, vorsichtiger und rücksichtsvoller zu fahren. Oben angekommen ist nach kurzer Strecke das Ehrenmal für die Opfer des Radbodunglücks erreicht. „Von hier aus immer geradeaus bergab erreicht man über den Lippepark nach anderthalb Stunden den Herringer Markt“, sagt er mit Begeisterung. Doch das ist dann eine andere Wanderung.

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