Nach Erdbeben

Hilfseinsatz in Haiti: Martin Biermann aus Hamm berichtet vom Leben zwischen Trümmern

Martin Biermann, Anästhesie- und Intensivpfleger in der St.-Barbara-Klinik Hamm, hat nach dem Erdbeben in Haiti geholfen.
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Martin Biermann, Anästhesie- und Intensivpfleger in der St.-Barbara-Klinik Hamm, hat nach dem Erdbeben in Haiti geholfen.

Martin Biermann aus Hamm gehörte zu dem Hilfsteam, das nach dem schweren Erdbeben in Haiti vor Ort geholfen hat. Mit dem WA sprach er über seine Erfahrungen und Eindrücke vor Ort.

Hamm – Vor vier Wochen wurde der Karibikstaat Haiti von einem verheerenden Erdbeben getroffen. Mindestens 2 200 Menschen starben, mehr als 12 000 Menschen wurden verletzt. Das Beben traf eines der ärmsten Länder der Welt. Internationale Hilfsorganisationen machten sich wenige Tage nach der Katastrophe auf den Weg in das Land, das sich noch immer nicht von einem schweren Beben aus dem Jahr 2010 erholt hat.

Einer der Helfer war Martin Biermann, Anästhesie- und Intensivpfleger in der St.-Barbara-Klinik Hamm. „Was die körperliche Belastung angeht, war das mein schwerster Einsatz“, sagte der vierfache Familienvater rückblickend.

Erdbeben in Haiti: Alarmierung um Mitternacht

„Erdbeben in Haiti. Einsatz EMT erforderlich. Rückruf erbeten.“ Das ist die Nachricht, die am 22. August gegen Mitternacht auf dem Handy von Martin Biermann aufploppt. Der 48-jährige Hammer hat eine spezielle Alarmierungs-App auf seinem Mobiltelefon installiert. Er muss nur den Eingang der Nachricht bestätigen und schon ist klar, dass er sich auf die 7700 Kilometer weite Reise machen wird.

Biermann bespricht sich kurz mit seiner Frau und drückt den Button. Auch sein Arbeitgeber hatte ihn sofort für den Hilfseinsatz freigestellt. Sowieso steht schon seit Jahren stets ein fertig gepackter Koffer in seinem Haus in Opsen. Manchmal muss es eben äußerst schnell gehen.

Hammer hilft in Haiti: Elf Tonnen Ausrüstung

Das erste Ziel ist der Flughafen in Köln-Bonn. Martin Biermann ist Teil eines 35-köpfigen Teams, das sich auf den Weg in die Karibik machen wird. Wie seine Mitstreiter tut er das Ganze ehrenamtlich. Einen Gutteil der Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern kennt er schon seit Jahren.

Der 48-Jährige ist seit 2012 Mitglied bei der deutschen Hilfsorganisation I.S.A.R. Germany e.V. (International Search and Rescue). Bislang hatte er an Auslandseinsätzen auf den Philippinen (2013), in Bosnien (2014) und in Nepal (2015) teilgenommen. Das 2010er Erdbeben auf Haiti war für ihn die Initialzündung, dem allein durch Spendengelder finanzierten und von der Weltgesundheitsorganisation für die Bereitstellung von medizinischen Notfallteams zertifizierten Verein beizutreten.

Das Camp von oben: Martin Biermann, Helfer aus Hamm, hat mit seinen Kollegen 800 Patienten behandelt.

Elf Tonnen Ausrüstungsmaterial wird in Köln-Bonn in eine Sondermaschine geladen. Dazu gehören neben OP-und Verbandsmaterialien auch Zelte, Generatoren und eine Wasseraufbereitungsanlage. Ein komplettes Camp ist in Kisten und Containern verpackt.

Am 26. August hebt die Maschine ab. Es ist ein neunstündiger Direktflug nach Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis. Das eigentliche Ziel der Helfer liegt sechs Stunden mit dem Schiff entfernt. Es ist die Insel Les Cayemitis – etwa 10 Quadratkilometer groß und fernab der Zivilisation.

Erdbeben-Hilfe aus Hamm: Schutz von Security und Polizei

Haiti leidet nicht nur unter den Folgen des Bebens. Der Inselstaat ist von politischen Unruhen gezeichnet. Drei Guerilla-Banden haben das Territorium unter sich aufgeteilt. Seit Jahren gibt es Reisewarnungen für Touristen. Der Tross der Helfer wird deshalb von schwer bewaffneter Security und Polizei begleitet.

Das nächste Problem: Les Cayemitis hat keinen Hafen. Das Schiff, mit dem das „EMT“ – die Abkürzung steht für „Emergency Medical Team“ (Medizinisches Notfall-Team) – unterwegs ist, kann nirgends anlegen. Das elf Tonnen schwere Equipment muss abermals von Biermann und seinen Mitstreitern per Hand auf kleine Fischerboote verladen und an Land gebracht werden. Bei Temperaturen von knapp 40 Grad ist das extrem anstrengend. Auch Martin Biermann ist mehrmals der Erschöpfung nahe.

Keine Autos und nur zwei Roller: Les Cayemitis ist eines der ärmsten Länder

Auf Les Cayemitis gibt es nicht viel, was durch das Beben noch hätte zerstört werden können. Steinhäuser sind Mangelware. Die Menschen leben in Wellblechhütten und haben viele davon wieder notdürftig aufgebaut. Das Leben findet auf der Straße statt, Geschäfte gibt es nicht. Auch keine Autos, lediglich zwei Inselbewohner haben ein Moped, welche man manchmal in der Ferne knattern hört. „Es ist tatsächlich das ärmste Land, das ich je gesehen habe“, sagt Martin Biermann.

Die Nachricht von der Ankunft der deutschen Helfer verbreitet sich trotzdem wie im Flug auf der Insel. Kaum ist das Camp aufgebaut, sind auch die Patienten da. Sie kommen zu Fuß und warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. 800 Patienten werden es am Ende sein, die Martin Biermann und seine Kollegen betreuen und versorgen werden.

12 Stunden am Stück bei 40 Grad: Helfer arbeiten am Limit

Besonders eingeprägt hat sich dem 48-Jährigen das Bild einer Frau, die quer über die Berge ins Camp gekommen war. Unter einem Holzstapel war sie während des Bebens begraben worden. Den Weg zum EMT-Team hatte sie zu Fuß bewältigt. „Sie hatte tatsächlich eine Rippenserienfraktur“, sagt Biermann. In Deutschland wäre man damit nicht einmal zehn Meter weit zu Fuß gegangen, sondern mit einem Rettungswagen angeliefert worden. Mit ihrem zwölfjährigen Sohn an der Seite war diese Frau kilometerweit marschiert.

Martin Biermann ist seit 2012 Mitglied bei der deutschen Hilfsorganisation I.S.A.R. Germany e.V. (International Search and Rescue). Bislang hatte er an Auslandseinsätzen auf den Philippinen (2013), in Bosnien (2014) und in Nepal (2015) teilgenommen.

Viele der Insulaner haben seit Jahren keinen Arzt mehr gesehen. Es gibt lediglich eine Krankenschwester auf Les Cayemitis. Abgesehen von Schnitt- und Brandverletzungen, die die Menschen durch das Beben davongetragen haben, werden auch gewöhnlich Krankheiten wie Magen-Darm- oder Blinddarm-Entzündungen von den deutschen Helfern behandelt. Auch zwei Babys werden unter der Regie der Deutschen zur Welt gebracht.

Jeder im Team arbeitet zwölf Stunden am Tag. Die Hitze tut ihr Übriges. „Ich habe acht Liter Wasser am Tag getrunken und musste kein einziges Mal zum Klo“, sagt Biermann.

Der Dank als Lohn

Nach einer Woche endet der Einsatz auf der Insel. Alle Patienten konnten versorgt werden, niemand steht mehr auf der Liste. Vier schwerst erkrankte/verletzte Patienten sind von der US-Navy mit einem großen Militärhubschrauber ausgeflogen und in anderen Landesteilen behandelt worden. Die haitianische Krankenschwester, die von dem Helferteam intensiv in die Behandlung eingebunden und fortgebildet worden war, erhält die übrig gebliebenen Medikamente und Verbandsmaterialien für die Nachversorgung.

Zurück in Port-au-Prince bedankt sich der deutsche Botschafter bei dem Helfer-Team. Bei der Ankunft in Köln steht der haitianische Botschafter vor der Truppe. Er hat Tränen des Danks in den Augen. Vereinbart wird, dass mittelfristig weitere humanitäre Projekte in Haiti vorangebracht werden sollen, Auch die Aus- und Fortbildung von Rettungskräften wird angeregt.

Dies alles sind bewegende Momente, die Martin Biermann und seine Mitstreiter zum Weitermachen antreiben. „Wenn man so etwas erlebt hat, wird man doch sehr nachdenklich“, sagt Biermann. „Man erkennt, worauf es im Leben ankommt. All die Probleme, über die wir hier in Deutschland klagen, erscheinen in einem anderen, doch ziemlich kleinen Licht.“

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