Großes Geschäft auch in Hamm

"Idiotentest" - Echte Hilfe oder große Abzocke?

HAMM - Wenn der Führerschein entzogen wurde, dann ist das für Betroffene schon schlimm genug. Doch meistens steht dann auch noch ein "Idiotentest" an. Dieses Geschäft ist durchaus lukrativ für die Anbieter. Wir wollten anhand eines Beispielfalls aus Hamm wissen: Ist das jetzt eine echte Hilfe oder Abzocke?

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Wer seine Fahrerlaubnis retten will, der muss der Führerscheinstelle ein positives Gutachten dieser medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) vorlegen. Die Durchfallquote bei dieser Untersuchung ist hoch. Im Schnitt bestehen laut Bundesanstalt für Straßenwesen nur etwa 50 Prozent die MPU. Rund 100.000 medizinisch-psychologische Untersuchungen werden pro Jahr durchgeführt, etwas mehr als die Hälfte wegen Alkoholauffälligkeiten – ab 1,6 Promille werden Verkehrssünder zur MPU gebeten. Schon vor der Untersuchung fürchten viele Teilnehmer, dass sie ihren Führerschein niemals wieder sehen werden. Eine sorgfältige Vorbereitung ist deshalb wichtig, um die Fahrerlaubnis zurück zu bekommen.

Wie bereitet man sich auf eine MPU vor?

Ein Betroffener sollte sich zunächst intensiv mit seinem eigenen Fehlverhalten auseinandersetzen, um später überzeugend erklären zu können, warum er sein Verhalten in Zukunft ändern möchte oder dies bereits getan hat. Anschließend sollte er ein MPU-Vorbereitungskurs besuchen, da die Erfolgsaussichten ohne eine gewissenhafte Vorbereitung gegen Null tendieren. „Wenn man einfach hingeht und denkt ‘Ich bestehe das schon’, dann ist die Gefahr groß, dass man durchfällt“, so Verkehrspsychologe Haiko Ackermann.

Ob in Gruppen- oder Einzelgesprächen: Vorbereitung ist die halbe Miete. Wer sich für eine Verkehrstherapie entscheidet, muss laut Ackermann je nach Schwere des Falls acht bis 16 Stunden einplanen. Dabei wird neben der psychologischen Aufbereitung des Delikts auch der Ablauf der MPU durchgespielt. Glaubt man dem Verkehrspsychologen, kann eine individuelle Verkehrstherapie die Erfolgsaussicht bei der Prüfung auf 90 Prozent erhöhen.

Wie erkennt man unseriöse Anbieter?

Aus rechtlicher Sicht ist der Titel „MPU-Berater“ ein nicht geschützter Begriff. Jeder darf sich so nennen, egal welche Vorbildung er besitzt. Dies führt immer häufiger dazu, dass sich Firmen oder Einzelpersonen als MPU-Berater vorstellen, die in diesem Bereich weder aus- noch weitergebildet sind.

Die MPU-Vorbereitung unterliegt einem ungeregelten, teils aggressiven Wettbewerb. Führerscheinstellen legen zwar häufig Infomaterial von Anbietern der MPU-Vorbereitung aus, geben in der Regel aber keine konkreten Empfehlungen. Den Betroffenen bleibt es somit selbst überlassen, ob sie eine kompetente und zum langfristigen Erfolg führende Beratung finden. Das Problem hierbei: wie erkennt man unseriöse Anbieter? Eine unqualifizierte MPU-Beratung kostet nicht nur viel Geld, sondern kann auch die führerscheinlose Zeit im erheblichen Maße verlängern.

Einem Verkehrspsychologen auf den Leim gegangen

Genau das bekam auch ein Betroffener, der unerkannt bleiben möchte, zu spüren. Gegenüber dem Stadtanzeiger sagt er: „Die MPU kam für mich völlig überraschend. Ich habe vor über 13 Jahren Mist gebaut, das wurde mir Anfang dieses Jahres zum Verhängnis. Ich war gerade dabei, meinen Führerschein zu machen, da kam das Schreiben.“ Er habe sich daraufhin von seinem Fahrlehrer beraten lassen: „Der sagte mir, dass sich in den Räumlichkeiten seiner Fahrschule ein MPU-Vorbereiter, ein Verkehrspsychologe, eingemietet habe. Dem bin ich dann schließlich auf den Leim gegangen.“

Es sei sofort um Geld gegangen: „Für den Kurs wollte er 1200 Euro von mir haben, ich zahlte schließlich eine Anzahlung von 300 Euro. Im Kurs habe ich meine Vergangenheit aufgearbeitet, mehr aber auch nicht.“ Jede Stunde habe sich wiederholt: „Ich merkte, dass es nicht voran ging. Weil der Kurs nichts brachte, habe ich abgebrochen und bin einfach so zur MPU gegangen – und da bin ich natürlich durchgefallen.“

Auf die Frage, wie die MPU verlief, antwortet er: „Relativ professionell. Ich habe zunächst einen Fragebogen ausgefüllt, so eine Art Lebenslauf, und wurde dann zur Ärztin reingerufen.“ Die habe ein medizinisches Gespräch mit ihm geführt, über körperliche Beschwerden und Krankheiten zum Beispiel, und ein paar Tests zur Koordination gemacht. Auch Urin habe er abgeben müssen.

3000 Euro sind "futsch"

Danach kam der Psychologe ins Spiel. Der habe einen Fragenkatalog gehabt und diesen abgearbeitet. Auch hier seien wieder viele Fragen über seine Vergangenheit gestellt worden. „Er hat mich darauf festgenagelt, wieso ich keine Therapie gemacht habe, obwohl ich vor zig Jahren eine Straftat unter Alkoholeinfluss begangen habe. Der Psychologe hatte anscheinend den Eindruck, dass ich noch immer alkoholgefährdet sei.“ Insgesamt hat er schon über 3000 Euro für seinen Führerschein, die Vorbereitung und die MPU bezahlt: „Das ist jetzt alles futsch.“

Der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) bietet Hilfestellung beim Erkennen problematischer Anbieter. Abgeraten wird von Anbietern mit „Geld-zurück“-Garantien, unbelegten Erfolgversprechen oder Paket-Angeboten.

So sollte es mit der MPU klappen

„Die erste Anlaufstelle sollte immer die amtlich anerkannte Begutachtungsstelle für Fahreignung sein“, so ein Sprecher der Stadt. Dort würden im Rahmen individueller Beratungen Wege aufgezeigt, die ein Betroffener gehen kann, dort gebe es auch Kontaktadressen. Seriöse Vorbereiter bieten kostenlos unverbindliche Erstgespräche an, geben realistische Hinweise auf die Erfolgsaussichten, vermeiden Versprechungen und spezialisieren sich nicht allein auf einen MPU-Anbieter. Die Perspektive in der Vorbereitung sollte sich nicht allein auf das Bestehen der MPU richten, zum Beispiel durch Schauspielunterricht.

Empfohlen werden fachlich gut ausgebildete Berater, für gewöhnlich Diplom-Psychologen mit einschlägigen Qualifikationen, die sich einer Qualitätssicherung unterziehen. Qualifizierte Anbieter sind im Internet gut platziert und bieten einen transparenten Service und geeignetes Informationsmaterial an. Sie vermeiden zudem den abwertenden Begriff „Idiotentest“ und setzen nicht auf Werbeanzeigen. - max

Der allgemeine Ablauf einer MPU:

Wie eine MPU abläuft, hängt immer von der Straftat ab. Wer zum Beispiel wegen wiederholten Alkoholkonsum am Steuer erwischt wurde, wird nicht die gleichen Fragen gestellt bekommen, wie der Fahranfänger, der zu schnell oder über eine rote Ampel gefahren ist.

Die MPU dauert drei bis vier Stunden und besteht in der Regel aus drei Blöcken: einer medizinischen Untersuchung, einem Leistungstest und einem Gespräch mit einem Psychologen. Dabei sollen körperliche Mängel, die gegen eine Teilnahme am Straßenverkehr sprechen, ausgeschlossen werden. Wenn eine Alkoholabhängigkeit besteht, muss Abstinenz bewiesen werden. Zudem werden Sinneswahrnehmung, Reaktionsschnelligkeit und Belastbarkeit ermittelt. Laut ADAC muss es im psychologischen Gespräch, das in der Regel etwa 20 bis 30 Minuten dauert, zu einer „selbstkritischen Auseinandersetzung mit den Auffälligkeiten der Vergangenheit kommen.“

Je nach Fall belaufen sich die Kosten einer MPU auf 340 bis 740 Euro. Hinzu kommen 200 bis 250 Euro für die Neubeantragung der Fahrerlaubnis bei der Führerscheinstelle und 500 bis 1400 Euro für die jeweilige Verkehrstherapie. Für Laboruntersuchungen können mehrere hundert Euro hinzukommen. So belaufen sich die durchschnittlichen Gesamtkosten auf 1000 bis 2500 Euro, so der Automobilclub.

Anlaufstellen der MPU-Vorbereitung:

Betroffene können sich professionell vom Bund Deutscher Psychologen (BDP) beraten lassen: Telefon 030/209166740 oder E-Mail an fev-berater@bdp-verkehr.de. Weitere Informationen im Netz auf www.bdp-verkehr.de.

In der Führerscheinstelle des Bürgeramts Mitte steht ein Info-Ständer, in dem Flyer von seriösen Anbietern ausgelegt sind.

In Hamm gibt es folgende Begutachtungsstellen für Fahreignung (MPU-Stellen): TÜV Nord Mobilität, Westring 2 (City-Center), Telefon 02381/304658315 und TÜV Technische Überwachung Hessen, Bahnhofstraße 4, Telefon 0180/2883890.

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