„Mehr Flexibilität“: Naturschutzbund kritisiert Grünpflege nach striktem Muster

Der Nabu kritisiert die städtischen Pflegemaßnahmen im Naturschutzgebiet Am Tibaum.
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Der Nabu kritisiert die städtischen Pflegemaßnahmen im Naturschutzgebiet Am Tibaum.

Für Naturschützer wie Jürgen Hundorf, Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) Hamm, sind sie ein Ärgernis

Herringen– Aus Hundorfs Sicht und der seiner Mitstreiter sind viele Pflegemaßnahmen am öffentlichen Begleitgrün, wie sie gerade im Frühjahr im ganzen Stadtgebiet durchgeführt werden, überflüssig – zumal die vergangenen Wochen sehr trocken waren und nur wenig wächst.

Hier erwartet Hundorf von allen Verantwortlichen „mehr Flexibilität und Fingerspitzengefühl“. „Im Sinne des Erhalts der Biodiversität brauchen wir ein angepasstes Pflegemanagement.“

Forderung nach Erhalt der Artenvielfalt

Seine Kritik betrifft quasi alle Träger öffentlicher Belange, angefangen von der Stadt und dem Lippeverband über das Wasser- und Schifffahrtsamt bis hin zum Regionalverband Ruhr und anderen. Zumindest aber bei der Stadt und dem Lippeverband gebe es hinsichtlich des Erhalts der Artenvielfalt langsam ein Umdenken, so Hundorf beim Gang durch das Naturschutzgebiet Am Tibaum.

Hier verläuft in Höhe der Tibaum-Brücke und des Kanals ein bis zu zweieinhalb Meter breiter Radweg, der Ende April Besuch von einem „Mähtrupp“ erhalten und der die Seitenstreifen auf einer Breite von jeweils einem Meter radikal gekürzt hat. Dadurch sei wertvoller Lebensraum für Tiere verloren gegangen, sagte Hundorf.

Eine Verkehrsgefährdung durch in den Weg wucherndes Gras habe nicht vorgelegen. „Hier ist Steuergeld verschwendet worden.“ Statt nach festen Plänen im Jahr zu mähen, sollten die jeweils Zuständigen dies nur nach Bedarf beziehungsweise nur im Herbst machen, so sein Vorschlag.

Zwei Mal im Jahr freischneidern

Im konkreten Fall war die Maßnahme allerdings auch zum jetzigen Zeitpunkt erforderlich, wie Stadtsprecher Lukas Huster sagte. In diesem Teil des Naturschutzgebiets ist die Stadt für den Weg zuständig. An anderen Stellen sind es die RWE und das Wasser- und Schifffahrtsamt. Wie Huster sagte, habe man den Rückschnitt machen müssen, um das Froschleitsystem auf eine Breite von etwa einem Meter freizuschneiden.

Daher müsse man künftig zweimal im Jahr an die Bankette ran. Zum Schutz von Flora und Fauna wolle man außerhalb davon aber nicht tätig werden.

Das Begleitgrün am Tibaum wurde vor kurzem von der Stadt „gepflegt“.

Viele Grünschnitte in Hamm

Einen großen Grünschnitt gibt es aber nicht nur an Radwegen, sondern auch auf den Deichen im Bereich von Kanal und Lippe. Hier blühe, wie Hundorf schilderte, unter anderen der Natternkopf. Nicht nur, dass das blaue Blütenmeer toll aussehe.

Viele Tierarten fänden hier auch Nahrung. Hundorf kann zwar verstehen, dass der Lippeverband aus „technischen Gründen“ die Deiche mähen muss. Aber auch von ihm erwartet er sich mehr Fingerspitzengefühl. Beispielsweise könnte ein Mähen in Abschnitten erfolgen. „Oder man lässt kleine Blühstreifen stehen.“

Kein Verzicht auf Freischneidern bei Deichen

Wie Anne-Kathrin Lappe, Sprecherin des Lippeverbands, erklärte, beschäftige man sich derzeit intensiv mit dem Erhalt der Artenvielfalt. Bei den Deichen handele es sich allerdings um technische Anlagen. Und die müssten aufgrund des derzeitigen Bewuchses regelmäßig freigeschnitten werden. Nur so könnten mögliche Defekte am Deich sichtbar werden.

Der Rückschnitt trage zudem dazu bei, dass sich die Grasnarbe immer weiter verdichte. Bis zu fünf Mal im Jahr müssten die Deiche in Herringen gemäht werden. Das könnte sich aber hier, so wie an anderen Stellen bereits geschehen, aber eines Tages ändern.

Alternativen zum Schutz der Artenvielfalt

Sollte man im Zuge von Instandsetzungsarbeiten sowieso an den Deich ran müssen, werde man das Ausbringen einer neuen, speziellen Saatmischung prüfen, sagte sie. Die sei weniger pflegeintensiv und fördere die Artenvielfalt.

RVR schon länger in der Kritik

Schon seit längerer Zeit hat der Nabu Hamm den Regionalverband Ruhr (RVR) im Visier. Ende 2019 hatte er ihn für einen Kahlschlag in der Geithe im Stadtbezirk Uentrop heftig kritisiert. Und auch jetzt wieder würden entlang der Wege Rückschnittmaßnahmen durchgeführt, die aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht erforderlich seien, so der Nabu-Vorsitzende.

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