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Schildbürgerstreich?! Kahlschlag an Lärmschutzwall verärgert Anwohner

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Von: Peter Körtling

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Anwohner Günter Krause zeigt die nackte Betonwand auf dem Lärmschutzwall zwischen Lünener und Johannes-Rau-Straße.
Tristes Grau statt lebendigem Grün: Anwohner Günter Krause zeigt die nackte Betonwand auf dem Lärmschutzwall zwischen Lünener und Johannes-Rau-Straße. © Körtling

Viele Anwohner der Lünener Straße in Hamm meinen gerade einen Schildbürgerstreich zu erleben.

Herringen - Auf der nördlichen Seite begrenzt die Lärmschutzwand der Johannes-Rau-Straße die Aussicht. Aber wo durch das dichte Buschwerk aus wildem Wein und Efeuranken vom Kurzem noch ein idyllischer Anblick herrschte, befindet sich nun eine graue Betonwüste. Zu Kontrollzwecken wurde von einem beauftragten Unternehmen ein Streifen von gut 1100 Metern rigoros abgeholzt.

Auf Anfrage bestätigte der städtische Pressesprecher Tobias Köbberling, dass die grüne Bepflanzung an den Lärmschutzwänden in der Tat entfernt worden sei, da die sechsjährliche Hauptprüfung der Wände stattfinden musste. „Das ist leider nicht anders möglich, die Sicherheit geht hier natürlich vor“, erklärt der Pressesprecher. Das Grün werde aber sicherlich wiederkommen, da alles wohl nur zurückgeschnitten worden sei und sich die Wurzeln noch in der Erde befänden.

Diese Aussage wollen verschiedene Anwohner aber nicht unwidersprochen hinnehmen: „Es sind ständig Beschwerden über Vorgärten zu hören, die nur aus Steinen und Kies bestehen. Aktuell läuft auch noch eine Aktion, damit die Bürger Baumpatenschaften übernehmen“, sagt Anwohner Stefan Kampert. Das passe aber nicht damit zusammen, dass nun „mir nichts, dir nichts“ ein Unternehmen komme und all das über die Jahre gewachsene Grün kappe und entferne.

Alle schreien nach Umwelt, aber das Gegenteil passiert.

Dieter Husarek

Vorsichtigeres Vorgehen sei möglich gewesen

Niemand habe etwas gegen erforderliche Sicherheitskontrollen, führt der Anwohner aus. Doch angesichts des dort verwendeten Prinzips sei auch ein wesentlich vorsichtigeres Vorgehen möglich gewesen: „Die langen Betonmauer-Elemente sind wie in einem Nut/Feder-Prinzip in die vorstehenden Stützelemente eingelassen“, schildert Kampert seine Beobachtungen. Da hätte es sicherlich auch genügt, die Stützelemente freizulegen und dort mit der Kontrolle anzusetzen. So sei nicht nur eine viel zu umfangreiche Maßnahme beauftragt worden, sondern durch die Entfernung des Grüns auch ein wirkungsvoller Lärmschutzpuffer entfernt worden.

Dem pflichtet mit Günter Krause auch ein weiterer Anwohner bei, der schon von Berufs wegen etwas vom Fach verstehen muss. Krause ist Architekt. „Hätte sich irgendwas an der Lärmschutzwand verschoben, so wäre es schon an den oben abschließenden Glasscheiben zu erkennen gewesen“, sagt er. Die Mitarbeiter des Unternehmens hätten zudem noch erklärt, dass ein Gutachter die Wand abklopfen müsse. Das sei, meint Krause, „mit etwas gutem Willen auch so gegangen“.

Es war einmal: Ein Blick auf den Lärmschutzwall vor dem Kahlschlag.
Es war einmal: Ein Blick auf den Lärmschutzwall vor dem Kahlschlag. © Kampert

„Zugesichert, dass die Wand begrünt wird“

Krause betont, dass er selbst ein durchaus engagierter Bürger sei: So habe er selbst eine Absprache mit der Stadt, dass er entlang des Walls für die Bepflanzung und Pflege sorge. Er habe Forsythien, eine Robinie, Walnusssträucher, Lilien und Fette Henne gepflanzt, gepflegt und bewässert. Und während des Neubaus der Johannes-Rau-Straße war er, der seit 1978 dort lebt, auch Vorsitzender der lokalen Bürgerinitiative. „Damals wurde mir noch fest zugesagt, dass sich die Politik dafür einsetzt, dass hier alles gepflegt wird“, so Krause. Das sehe man ja nun, endet er lakonisch.

An dieses Versprechen erinnert sich auch Dieter Husarek noch gut. Der 79-Jährige hat sowohl die umstrittene Bauphase wie das Versprechen zur Grünpflege bestens in Erinnerung: „Nach den ersten Befürchtungen waren wir doch froh, dass mit der neuen Straße Ruhe einkehrte. Zudem wurde damals bei Bau zugesichert, dass die Wand begrünt wird“, so Husarek. Der jetzige Kahlschlag ärgere ihn insbesondere deshalb, da ein Turmfalken-Pärchen durch die Entfernung des Weins und Efeus sein Zuhause verloren habe.

NABU soll Notwendigkeit des Kahlschlags prüfen

„Ich bin von einer zu 80 Prozent eingeschränkten Staublunge betroffen“, sagt der frühere Revier-Steiger. Das Grün habe nicht nur für viel Sauerstoff gesorgt, Husarek habe es auch geliebt, das Falken-Pärchen stundenlang zu beobachten. Das sei nun nicht mehr zu sehen. „Alle schreien nach Umwelt, aber das Gegenteil passiert“, ärgert sich der Rentner. Er habe sich nun beim NABU gemeldet und ihm sei zugesichert worden, dass die Notwendigkeit des umfassenden Kahlschlags geprüft werde.

Auch Stefan Kampert ist enttäuscht: Stets werde der Natur- und Klimaschutz vor sich hergetragen, doch bei dem grünen Buschwerk, in dem auch Spatzen überwinterten, Wespen und wilde Bienen lebten, werde tabula rasa gemacht. Das passe alles vorne und hinten nicht zusammen. Jetzt könne er nur hoffen, dass sich die Natur ihren Raum schnell zurückerobert und er mit seiner Familie sich nicht noch lange vorkommt, als würden sie an einem Plattenbau leben.

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