"Katastrophe" im Stall

Seniorenheime für Hühner: Wie ein Hammer tausendfach zum Retter wird

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Ein sichtlich geschwächtes Batteriehuhn sucht in seinem neuen Heim nach Futter.

Hamm - Der Hammer Hendrik Lutter gehört sicherlich zu den ungewöhnlichsten Mitstreitern in der Seniorenarbeit. Er ist seit vergangenem Oktober aktives Mitglied im bundesweiten Verein „Rettet das Huhn“. Er vermittelt den zu Tode geweihten Hühnern eine Heimat für ihre restliche Lebenszeit. Doch nicht nur im Verein sorgt sich Lutter um das Wohl von Tieren.

Hühner legen in der Regel ab einem Alter von 18 Wochen ein Ei pro Tag. Nach circa einem Jahr als „Hochleistungslegehennen“ legen sie nur noch drei bis vier Eier pro Woche. Das rentiert sich dann schon nicht mehr für viele Landwirte, sodass die „alten Legehybriden“ vom Hof weg müssen. Viele Bauern lassen die Vögel, die bis zu sieben Jahre alt werden könnten, schlachten, was der Verein „Rettet das Huhn“ mit Hendrik Lutter verhindern will. 

Der Verein kauft die Tiere von Höfen, die entweder schlecht gehalten werden oder die aufgrund ihres Alters geschlachtet werden sollen. „Was soll man anderes erwarten, wenn die Eier im Geschäft für nur 20 Cent pro Stück verkauft werden?“, kritisiert der 28-Jährige. 

Für die Lutters hört der Trubel nicht auf

Neben dem Verein „Rettet das Huhn“ ist Lutter seit 2016 im Tierschutzverein Iserlohn aktiv. Doch nicht nur das tierische Wohlergehen ist ihm wichtig, sondern auch das der Menschen. Er arbeitet seit 2011 im Rettungsdienst Kamen als Notfallsanitäter und seit April 2019 auch als Brandmeisteranwärter. 

Zuhause hört der Trubel für Lutter und seine Frau nicht auf: Auf rund 850 Quadratmetern Grundstücksfläche sorgen zwei Gänse, zwei Hühner, diverse Ziervögel und ein Hund dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Da Lutter selbst nicht auf den Verzehr von Eiern verzichten möchte, kauft er sie bei einem Bauern aus der Nachbarschaft. „Dort kann man sehen, wie die Tiere gehalten werden und ich habe ein gutes Gefühl dabei. Dafür zahle ich gerne auch etwas mehr.“

In Herringen haben die Hühner genügend Platz.

Lebendiger Abfall

Im Dezember sorgte Lutter gemeinsam mit rund 50 weiteren Ehrenamtlichen des Vereins bei einer Ausstallung für die Rettung von 1.360 Hennen von nur einem Hof. „Wenn man das mal selber gesehen hat, denkt man um. Es gibt kein Fenster in den Ställen, die Lüftung brummt vor sich hin und die Luft ist einfach grausam – eine Katastrophe...“ 

Pro Huhn, dass gerettet wird, würde der jeweilige Landwirt 10 Cent beim Schlachter erhalten. „Das ist für die Landwirte nicht immer lukrativer, als den lebendigen Abfall‘ leben zu lassen, denn durch die Transportkosten der Tiere zahlen sie oft drauf“, erklärt Lutter die Zusammenarbeit zwischen dem Verein und den Landwirten. Über 12.000 Hennen konnten so von den Ehrenamtlichen im vergangenen Jahr befreit und weiter vermittelt werden. „Bevor wir die Tiere abholen, suchen wir neue Unterkünfte, im Idealfall auf Lebenszeit. Das können sowohl Tierheime als auch Privatpersonen sein.“

Von Fängern und Läufern

Die Ausstallung der Tiere ist jedoch mit viel Arbeit verbunden. Nach dem organisatorischen Aufwand kommen die sogenannten Fänger zum Einsatz, die die Tiere aus den Käfigen holen und sie dann an die Läufer weitergeben. Die Läufer tragen die Hühner zu den Boxenbeauftragten. Bevor die Tiere in die Transportboxen kommen, werden die Tiere gesundheitlich durchgecheckt. Wenn nötig, erfolgt eine Behandlung durch einen ehrenamtlichen Tierarzt, manche Hühner müssen eingeschläfert werden.

Diejenigen, die fit genug sind, werden an Adoptanten vermittelt. Die zu kranken Tiere gehen an erfahrene Pflegestellen. „Für den Transport versuchen wir, möglichst kurze Wege einzuplanen. Umso weiter der Weg zur Vermittlungsstelle ist, umso eher fahren wir mit den Tieren ab“, sagte Lutter.

Rettung von 350 Hennen im Sauerland

Im Februar plant der Verein im Sauerland eine Ausstallung von 350 Hennen, die in Freilandhaltung leben. „Wir können zwar mit unserer Arbeit nicht die Welt ändern, aber wir können die Welt eines jeden geretteten Huhns verändern“, erklärt der Tierliebhaber seine Beweggründe, auch im Sauerland wieder tatkräftig mit anzupacken.

Der Verein und seine bisherige Rettungs-Bilanz

„Rettet das Huhn” wurde Ende 2007 auf Initiative von Katja Tiepelmann zunächst als nicht eingetragener Verein gegründet. Sie wollte den 3.000 Hennen in der Nähe ihres Wohnortes helfen. 2012 weitete sich das Projekt auf zehn Bundesländer aus, immer mehr Ehrenamtliche beteiligten sich. 2013 wurden rund 5.000 und 2015 8.000 Hennen gerettet. Seit 2015 ist „Rettet das Huhn“ ein eingetragener Verein. 2019 retteten die rund 50 Mitglieder des aus Spenden finanzierten Vereins 12.664 „ausgediente“ Hennen und 166 Hähne.

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