Empörung über Verweis auf Flutfolgen

Streikende Edeka-Mitarbeiter finden heftige Vorwürfe im Briefkasten

Ein höchst emotional und empört formulierter Brief des Aufsichtsrats von Edeka Rhein-Ruhr an die Mitarbeiter sorgt für hitzige Diskussionen innerhalb der Belegschaft - vor allem in Hamm.

Hamm - Weil der Tarifstreit zwischen der Gewerkschaft Verdi und den Arbeitgebern des Groß- und Außenhandels nachhaltig verhärtet ist, haben dutzende Edeka-Mitarbeiter des Zentrallagers in Rhynern am Montag zeitweilig die Arbeit niedergelegt. „Die Tatsache, dass die Umsätze im ersten Halbjahr 2021 um 7,8 Prozent gestiegen sind, hinterlässt im Anbetracht des Verhaltens der Arbeitgeberseite Wut und Fassungslosigkeit bei den Beschäftigten“, wetterte Verdi-Gewerkschaftssekretär Ortwin Auner im Vorfeld einer Solidaraktion.

Ort des Ausstands war am Montag die Firma Trinkgut an der Hafenstraße. Die T-Log Trinklogistik GmbH wendet den Tarifvertrag Spedition und Logistik an, gehört aber zum Edeka-Verbund. Insgesamt beteiligten sich dort in der Früh- und in der Spätschicht nach Verdi-Angaben insgesamt rund 160 Mitarbeiter am Streik.

Dutzende Mitarbeiter beteiligten sich an dem Warnstreik auf dem Trinkgut-Gelände.

Streik bei Edeka in Hamm: „Schlag ins Gesicht der Flutopfer“

Dass rund 75 Edeka-Mitarbeiter darunter waren, treibt Oliver Czajkowski und Reiner Schenke - dem Aufsichtsrats-Führungsduo von Edeka-Rhein-Ruhr - die Zornesröte ins Gesicht. Mit Blick auf die nachhaltig kritische Situation in den Flutgebieten haben sie zahlreichen Mitarbeitern harsch formulierte Briefe nach Hause geschickt. Vor allem der Zeitpunkt der Aktion habe „jeden Anstand vermissen“ lassen und sei „ein Schlag ins Gesicht der Flutopfer und aller Helfenden“. Sie seien „zutiefst bestürzt und beschämt, dass dies in unserer Genossenschaft möglich ist“, enden die Verfasser, von denen einer - Czajkowski - selbst im von der Katastrophe stark betroffenen Mülheim arbeitet.

Wortlaut des Briefs an die Edeka-Mitarbeiter

„ (...) im Juni hat sich in unserer Region eine Umweltkatastrophe mit fatalen Folgen ereignet. Ein Lichtblick - und für uns als Genossenschaft deigentlich selbstverständlich - war die enorme Hilfsbereitschaft bei Edeka Rhein-Ruhr. (...) Rasting und die Logistik haben zudem die Hilfsorganisationen massiv mit Lebensmitteln unterstützt.

Umso härter hat uns die Reaktion von 75 Kolleginnen und Kollegen in Hamm getroffen. Sie folgen mitten in den Aufräumarbeiten einem Streikaufruf. Damit wendeten sie sich von allen ab, die die Ärmel hochgekrempelt und angepackt haben.

Natürlich hat jeder Mitarbeiter das Recht auf Streik. Das ist Teil unseres Arbeitslebens und gesetzlich verbrieft. Der Zeitpunkt dieser Aktion aber ließ jeden Anstand vermissen und war ein Schlag ins Gesicht der Flutopfer und aller Helfenden.

Während die 75 Kolleginnen und Kollegen die Arbeit niederlegten, galten immer noch mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Lager Meckenheim und der Produktion bei Rasting als vermisst.

Während die 75 Kolleginnen und Kollegen die Arbeit niederlegten, zeichnete sich ab, dass weit über hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Zuhause und ihren gesamten Besitz veroren haben.

Es hat uns zutiefst bestürzt und beschämt, dass dies in unserer Genossenschaft möglich ist. (...) “

Streik bei Edeka in Hamm: „Portokosten besser gespendet“

Empört über die Form der Kritik, wandten sich Hammer Edeka-Mitarbeiter („Wir haben jahrelang keine Zuschläge bekommen“, „Uns wurde mit Kündigung gedroht, wenn wir auf unser recht bestanden haben“...) mit dem Brief an den WA. Zeitgleich verurteilte Verdi wiederum das Schreiben mit scharfen Worten: Die Not der einen gegen das Leid der anderen auszuspielen sei „unanständig“, heißt es in einer Stellungnahme - und: „Eine angemessene Bezahlung komme doch gerade auch den von der Flut Geschädigten zugute. Verdi: „Die Portokosten hätte Edeka besser gespendet.“

Darum geht es im Tarifstreit (unter anderem):

Verdi fordert für die rund 336.000 Beschäftigten im Groß- und Außenhandel NRW 4,5 Prozent und 45 Euro mehr Gehalt, Lohn und Ausbildungsvergütung, bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Außerdem fordert die Gewerkschaft von den Arbeitgebern die gemeinsame Beantragung der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge. Die Tarifverhandlungen waren am 10. September in Düsseldorf auch in vierter Runde ergebnislos geblieben. Vor allem „die Tatsache, dass die Umsätze im ersten Halbjahr 2021 um 7,8 Prozent gestiegen sind“, sorgt bei der Gewerkschaft für Unverständnis.

Streik bei Edeka in Hamm: nicht erster Brief an Mitarbeiter

Dass sich Edeka und streikende Mitarbeiter verbal besonders hart beharken, passiert nicht zum ersten Mal. Erst im Mai 2021 hatte sich Verdi öffentlich gegen Schreiben an Mitarbeiter zur Wehr gesetzt, die sich ebenfalls auf Streikaktionen in Hamm bezogen. Darin hieß es unter Androhung arbeitsrechtlicher Konsequenzen: „Sie sind – entgegen anderslautender Aufrufe der Gewerkschaft – verpflichtet, dem Arbeitgeber mitzuteilen, in welcher Zeit Sie sich an Streikmaßnahmen beteiligen. (...) Sie brauchen sich zwar nicht aus dem Zeiterfassungssystem auszubuchen. Aber Sie müssen in der oben bezeichneten Weise die Dauer des Streiks mitteilen, damit wir Kenntnis darüber erlangen, für welche Zeit wir Ihnen kein Entgelt zahlen.“ Verdi sprach damals von „rechtswidrigen Ermahnungen“, die einer Abmahnung gleichkommen. So solle erreicht werden, dass Edeka-Mitarbeiter sich eine Beteiligung am Streik zweimal überlegen: „An Dreistigkeit nicht zu überbieten.“

Rubriklistenbild: © Patrick Seeger

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