Bestand schon um 73 Prozent zurückgegangen

In der Heessener Lippeaue unerwünscht: Wie und wo kann sich die Zahl der Kiebitze in Hamm stabilisieren?

Kiebitz Hamm Lippeaue Vergrämung
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Der Umgang mit dem Kiebitz sorgt bei den Hammer Grünen für Unmut.

Der Kiebitzbestand in Hamm sinkt seit Jahren - zuletzt um 73 Prozent seit 2006. Dennoch soll sich der Vogel nicht überall niederlassen dürfen. Das stößt nicht überall auf Gegenliebe. Die Grünen fordern Erklärungen.

Heessen – Der Umweltausschuss wird sich in seiner kommenden Sitzung mit der Kiebitz-Vergrämung in der Heessener Lippeaue beschäftigen – vor dem Hintergrund weiter sinkender Kiebitz-Zahlen in der Stadt. Volker Burgard, Vorsitzende des Umweltausschusses und bündnisgrüner Ratsherr, hat das Thema nach der Berichterstattung des WA aufgegriffen. Der WA hatte berichtet, dass Stadt und Lippeverband mit rotweißen Flatterbändern verhindern, dass sich Kiebitze in den Lippeauen ansiedeln.

Burgard greift in seiner Anfrage zunächst die Zahlen auf. Noch im Jahr 2006, dem ersten Jahr der Bestandsaufnahme durch die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Hamm (OAG) seien rund 190 Kiebitz-Brutpaare gezählt worden, und seitdem gehe es beständig bergab: 2018 waren es noch 75, 2019 71 und bei der aktuellen Zählung sind es in Hamm noch 51 Brutpaare gewesen. „Das entspricht einem Rückgang um 73 Prozent in 14 Jahren“, schreibt Burgard in seiner Anfrage. Über diese Zahlen hatte auch wa.de kürzlich berichtet. Umso bedenklicher sei es, dass im Rahmen der Arbeiten zur ökologischen Aufwertung des „Erlebensraums Lippeaue“ Störflatterbänder zur Abwehr angebracht würden.

Was hinter der "Vergrämung" der Kiebitze steckt:

Hintergrund: Der Erlebnisraum Lippeaue soll, wenn er in etwa zwei Jahren fertig ist, unter anderem Naturschutz umsetzen. Dass man auf dem Weg dahin die Natur auch einmal behindern muss, zeigt sich an einer großen Anzahl von Eisenstäben samt Flatterbändchen, die den Bereich zwischen der Lippe und der Heessener Straße zieren. Kiebitze und andere Vögel sollen das gemachte Bett – also die offenen Bodenoberflächen – nicht nutzen. Damit das verhindert wird und keine Vögel oder deren Nester im Laufe der Arbeiten verletzt werden, hat der Lippeverband Maßnahmen ergriffen – Eisenstäbe mit dem Flatterband. „Vergrämung“ heißt der Begriff in der Fachsprache: Die Vögel sollen vergrault werden, auf dass sie sich anderswo eine offene Bodenoberfläche suchen. Die Vergrämung ist nicht nur erlaubt, sondern sogar vorgeschrieben: „Dazu sind wir gesetzlich verpflichtet“, hatte ein Stadtsprecher kürzlich gegenüber dem WA erläutert. „Durch die Stäbe mit den flatternden Bändern werden die Vögel gestört“ sagt der Sprecher der Stadt, „sodass sie die Flächen nicht als geeignete Lebensräume wahrnehmen.“

Burgard nennt noch weitere Negativbeispiele: Das Baugebiet Brandheide werde in unmittelbarer Nähe zu einer Kiebitzbrutkolonie vorangetrieben, und es gebe keine verlässlichen Aussagen, ob die Umsiedelung der Vögel aus dem Baugebiet „Beisenkamp“ zum Frielicker Weg erfolgreich sei. Burgard: „Es ist nicht nachvollziehbar, welche Strategie die Verwaltung hat, um das Kiebitzvorkommen in Hamm zu stabilisieren und langfristig wieder zu erhöhen.“

Und so will der grüne Umweltpolitiker Burgard wissen, auf welcher rechtlichen Grundlage die Stadt sich verpflichtet sehe, die Kiebitze in der Lippeaue zu vergrämen. Außerdem fragt er danach, was die Stadt bisher unternommen habe, um die Lebensräume für Kiebitze in Hamm zu sichern. Auch die Ergebnisse der Kiebitz-Umsiedlung an den Frielicker Weg will der Umweltausschussvorsitzende wissen. Schließlich erkundigt sich Burgard, ob Umweltverbände der Stadt schon Vorschläge gemacht hätten, wie man die Zahl der Kiebitze stabilisieren könnte, ob Geld für solche Maßnahmen zur Verfügung stände und ob es Förderprogramme gebe. Die Sitzung des Umweltausschusses ist derzeit für den 16. Juni terminiert.

Das ist der Kiebitz

Der Kiebitz ist etwa taubengroß und durch den Kontrast zwischen schwarzer Oberseite mit grünlich schimmernden Metallglanz und weißer Unterseite mit schwarzem Brustband sowie ein markant abstehendes Federbüschel am Hinterkopf auch für Laien gut zu erkennen. Als Lebensraum bevorzugt er offenes, flaches und feuchtes Dauergrünland, gerne nimmt er Überschwemmungsflächen. Er wurde aus seinem ursprünglichen Lebensraum durch Entwässerung und ähnliche Maßnahmen vertrieben. Zu den vorrangigen Schutzmaßnahmen für den Vogel zählt daher die Erhaltung naturnaher Lebensräume.

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