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Millionenprojekt von Heessen aus: „3 R Solutions“ baut Fabrik für Saudis

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Von: Gisbert Sander

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Die Zentrale von „3 R Solutions“ ist an der Kleistraße in Heessen.
So sieht eine der Rohrfabriken aus, die Georg Schulze-Dürr und sein Team errichtet haben. Die Zentrale von „3 R Solutions“ ist an der Kleistraße in Heessen. © Reiner Mroß

Für über 33 Milliarden Euro wird zurzeit die „Ras al Khair Industrial City“, ein riesiges Zentrum für Großindustrie, aus dem saudi-arabischen Wüstensand gestampft. Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt ist die Firma „3 R Solutions“, die ihren Sitz in einem unscheinbaren Haus in Hamm hat. Sie baut für die Saudis eine automatisierte Rohrfertigung.

Hamm - Eher unscheinbar steht das Haus an der Kleistraße in Heessen – kaum zu glauben, dass dort Millionen-Umsätze gemacht werden. Die Software-Firma „3 R Solutions“ hat dort ihren Sitz, spezialisiert hat sie sich auf die Entwicklung automatisierter Rohrfertigungswerkstätten. Gefragt ist das Know-how der Heessener weltweit, aktuell bei einem Werft-Projekt im zweitstelligen Millionen-Euro-Bereich in Saudi-Arabien. Tätig geworden sind Geschäftsführer Georg Schulze-Dürr und sein etwa 25-köpfiges Team aber auch schon bei verschiedenen deutschen Werften, in Dubai, China und immer wieder in Asien und im arabischen Raum.

Schulze-Dürr ist gebürtiger Pelkumer. Mit elf Jahren hat der heute 49-Jährige angefangen zu programmieren – damals noch auf dem legendären C 64 von Commodore. Um mehr zu lernen, belegte er Programmierkurse bei der Volkshochschule. „Mit 16 stellte ich fest, dass man als Jugendlicher, der abends mal ausgehen möchte, Geld verdienen muss“, sagt Schulze-Dürr. Die Konsequenz für ihn damals: Er begann zu jobben, bei einer Firma mit dem heute wenig modern klingenden Namen „Rund um Rohr und Rechner“. Der Chef Gustav Niebig traute dem Jugendlichen schon seinerzeit eine Menge zu und band ihn in die Entwicklung von Software ein: Lebhaft erinnert er sich daran, dass er bei einem Auftrag für Blohm+Voss „nur eine Kleinigkeit“ in der Programmierung verändern musste, um deutlich mehr Effektivität zu bewirken. Der Anfang der Karriere war gemacht.

Lob vom Verband

Dass „3 R Solutions“ nach 33 Jahren am Markt über die entsprechende Erfahrung verfügt, hat sich auch zur Freude von Gerhard Draband, Leiter der Wirtschaftsregion Ruhrgebiet des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), international herumgesprochen. „Es ist einfach toll, eine derart wertschöpfende Firma in der Region zu haben, die auch noch Gewerbesteuern zahlt“, sagt er. Für Drabands Unterstützung in vielen Bereichen ist wiederum Schulze-Dürr dankbar. Ein Beispiel: „Finden Sie mal einen Anwalt für saudisches Recht...“

Die Anfänge in den 1990er Jahren

1991 folgte das Abitur am Märkischen Gymnasium, im selben Jahr begann Schulze-Dürr ein Informatik-Studium an der Universität Dortmund, das er 2014 an der Fernuni Hagen mit dem Diplom beendete. Gleichzeitig entwickelte sich die Computertechnik rasant: Als Microsoft Anfang der 1990er Jahre Windows auf den Markt brachte, stieg die Firma auf Schulze-Dürrs Empfehlung sofort auf das damals revolutionäre grafische Betriebssystem um. Alles, was er seitdem für „Rund um Rohr und Rechner“ entwickelte, wurde zu seinem geistigen Eigentum. Der logische Schritt war die Übernahme der Firma Mitte der 1990er Jahren und letztlich die Umbenennung in „3 R Solutions“.

Mitten im Wüstensand entsteht die Rohrfabrik, die „3 R Solutions“ realisiert.
Unglaubliche Dimensionen: Mitten im Wüstensand entsteht die Rohrfabrik, die „3 R Solutions“ realisiert. © Privat

Unternehmen ist weltweit gefragt

Schon sein alter Chef war weltweit tätig, Schulze-Dürr hat die Aktivitäten deutlich ausgeweitet. Eine Weltkarte in seinem Büro zeugt davon: Rote Nadelköpfe zeigen die Orte, an denen seine Firma Aufträge erledigt hat, die blauen Nadelköpfe in nicht geringerer Zahl stehen für private Urlaubsreisen. Und gelb sind künftige Ziele gekennzeichnet. Lust am Reisen muss man in dem Metier schon haben – und sie ist Schulze-Dürr nie vergangen: Rund ein Drittel des Jahres sind er und seine Mitarbeiter unterwegs – wenn die Corona-Pandemie da keinen Riegel vorschiebt.

Online sei zwar viel möglich, aber eben nicht alles: „Der persönliche Kontakt vor Ort ist unerlässlich, um Vertrauen aufzubauen. Das geht einfach nicht in einem halbstündigen Online-Meeting“, sagt Georg Schulze-Dürr. Vor Ort wird auch erkundet, was der Kunde wirklich wünscht: In Russland habe er mit einer Firma gearbeitet, die stolz darauf war, eine funktionierende Produktionsmaschine aus den 1930er Jahren zu besitzen, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs „mitgenommen“ worden war. Effiziente Arbeit nach heutigen Erfordernissen sei damit aber kaum mehr möglich. Auch darum seien die persönlichen Gespräche vor Ort so wichtig: „Ziel ist es, den Kunden dazu zu bringen, sich selbst von Erfordernissen zu überzeugen. Denn was er haben möchte, ist nicht unbedingt das, was er wirklich braucht.“

Sich 33 Jahre auf dem internationalen Markt nicht nur zu behaupten, sondern einen guten Namen erarbeitet zu haben, ist laut Schulze-Dürr auch ein Verdienst seiner Mitarbeiter, von denen viele schon lange Jahre für „3 R Solutions“ arbeiten: „Die meisten 3Rler haben schon als Schüler und während ihres Studiums bei uns programmiert, viele haben ihre Ausbildung hier absolviert und sind bei uns geblieben. Und ich bin immer auf der Suche nach motiviertem, programmierbegeistertem Nachwuchs – jungen Menschen, die gerne die Welt bereisen.“

Der persönliche Kontakt vor Ort ist unerlässlich, um Vertrauen aufzubauen. Das geht einfach nicht in einem halbstündigen Online-Meeting.

Georg Schulze-Dürr, Geschäftsführer 3 R Solutions

Rohre im Schiffsbau gefragt

Und warum Rohrfertigung speziell im Schiffsbau? Rohre gibt es überall in der Wirtschaft, ganz besonders in Schiffen. Je nach Größe seien in Containerschiffen 100 bis 150 Kilometer Rohre verbaut: Für Treibstoff, Hydrauliköl, Wasser, Abwasser – mit unendlich vielen Schweißpunkten. Kein Kreuzfahrtschiff kommt ohne Rohre aus: „Jeder will frisches Wasser in seiner Kabine haben, dazu gehören auch Leitungen fürs Abwasser.“

Schulze-Dürr vergleicht das mit einem menschlichen Körper: Jeder sieht die Hülle, aber darunter stecken unvorstellbar viele Meter Adern und Venen. Rund ein Viertel der Kosten für ein Schiff fließt in Rohre.

Blaue und rote Stecknadelköpfe.
Blaue und rote Stecknadelköpfe: Die roten zeigen die Orte, an denen 3 R Solutions tätig war, die blauen waren Urlaubsreisen. © Reiner Mroß

Mega-Projekt in der Wüste

Aktuell ist „3 R Solutions“ in ein Mega-Projekt in Saudi-Arabien eingebunden. Das Königreich sei im Umbruch, was seine Einnahmequellen betrifft: weg vom Öl, hin zur Großindustrie. In einen vergleichsweise kleinen Teil der „Ras al Khair Industrial City“ ist die Heessener Firma eingebunden. „Mitten in der Wüste“, so Schulze-Dürr, wird eine Industrie- und Hafenstadt am Persischen Golf aus dem Boden gestampft – mit weltgrößter Aluminiumschmelze, Walzwerk, Großkraftwerk und eben Werft, an deren Entwicklung die Heessener beteiligt sind. Die Gesamtinvestitionen sollen sich laut Wikipedia auf über 33 Milliarden Euro belaufen.

2017 habe es die ersten Gespräche gegeben, aktuell erfolgt die Umsetzung des Teilprojekts mit „3 R Solutions“. Dass die Heessener jetzt dorthin reisen müssen, ist laut Schulze-Dürr Politik: „Es geht ums Händeschütteln und Fotos machen.“ Zwischen 8 und 15 Monaten – je nach Größe – dauere es von der Vertrags-Unterschrift bis zur Fertigstellung eines Projekts.

Wer es nicht schon geahnt hat: Langeweile kommt bei Georg Schulze-Dürr nicht auf. Die Reise-Flaute während des Corona-Lockdowns hat er genutzt, um mit seiner Lebensgefährtin ein Psychologie-Studium zu beginnen. Denn Menschenkenntnis gehört mit zu seinem Beruf, und Menschen hat er viele kennengelernt. Entsprechend viele Anekdoten aus den verschiedensten Kulturkreisen kann er berichten, und darin werden nicht immer die üblichen Klischees erfüllt.

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