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Verhängnisvolle „Nachbeichten“: Die dunkle Seite des Heinz Booms

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Von: Frank Lahme

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Heinz Booms starb im Jahr 2004.
Das nächste dunkle Kapitel ist aufgeschlagen: Auch Dechant Heinz Booms steht auf der Missbrauchsliste des Bistums Münster. © dpa

Der Stern von Heinz Booms strahlt in Hamm auch heute noch bis weit über die Heessener Ortsgrenze hinaus. Doch inzwischen wurde bekannt: Auch der Dechant und Mitbegründer der Hospizbewegung steht auf einer Missbrauchsliste.

Hamm – Heinz Booms war in der Stadtgesellschaft hoch angesehen und ist für viele unvergessen geblieben. Jahrzehntelang war er Dechant in Hamm-Nord und einer der Mitbegründer der Hospizbewegung in Hamm. Booms starb im Mai 2004 im Alter von 74 Jahren. Dem Geistlichen zu Ehren wurde im September 2006 der Dechant-Heinz-Booms-Weg in Heessen eingeweiht. Aber Heinz Booms hatte auch eine dunkle Seite – und die wird nun auch vom Bistum Münster offiziell bestätigt. (Der Fall Heinz Pottbäcker nimmt in der Studie 19 Seiten ein.)

Booms ist einer der 197 Kleriker, die als Beschuldigte/Täter auf der Missbrauchsliste des Bistums stehen und bei denen inzwischen eine sogenannte „Anerkennung des Leids“ gezahlt wurde. Im Fall Booms flossen 15.000 Euro an ein Opfer aus Hamm. Das Bistum räumt damit ein, dass es zu Übergriffen gekommen ist.

Insgesamt sind es 4,5 Millionen Euro, die bislang allein im Bistum Münster zur Wiedergutmachung an Missbrauchsopfer ausgekehrt wurden. 197 Personen wurden bedacht. 40 weitere potenzielle Opfer warten aktuell noch auf eine Entscheidung in ihrem Fall. Aus Hamm ist niemand mehr dabei. Das sagte Stephan Baumers von der Stabstelle Intervention und Prävention im bischöflichen Generalvikariat in Münster unserer Zeitung.

Üble „Nachbeichten“

Mit dem Wissen von heute hätte das Denkmal des Heinz Booms erst gar nicht erbaut werden können. Booms kam 1960 als Kaplan der Gemeinde St. Stephanus nach Heessen. Wie der WA 2004 im Nachruf auf den Geistlichen schrieb, suchte er immer auch den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Aus heutiger Sicht spielte er seine Stellung dabei offenbar auf schamlose Weise aus.

Seine Masche war es, Mädchen zur „Nachbeichte“ einzubestellen. So jedenfalls in dem nun aktenkundig gewordenen und vom Bistum abgeschlossenen Fall, der auf das Jahr 1963 zurückgeht. Booms war damals Mitte 30, sein Opfer zwölf Jahre alt. Das Mädchen stammte aus streng katholischem Hause. Es hatte sich in der „normalen“ Beichte dem Pfarrer geöffnet und von den ersten romantischen Begegnungen mit den Jungs aus ihrem Umfeld berichtet. So steht es in dem Antragsschreiben auf Anerkennung des Leids.

Heinz Booms starb im Jahr 2004.
Heinz Booms starb im Jahr 2004. © Andreas Rother

Der Pfarrer hörte sich das Ganze wohl an, telefonierte später mit den Eltern und bestellte das Kind zur besagten „Nachbeichte“ ein. Die Eltern waren entsetzt, fragten ihr Kind, was es denn bloß angestellt habe. „Ich war mir keiner Schuld bewusst, musste aber trotzdem zum Pfarrer“, erinnert sich die heute 71-Jährige.

Mutter wollte nicht glauben

Beichtvater Booms schlüpfte im Pfarrbüro in die Rolle eines Gynäkologen und begann das Mädchen im Intimbereich zu untersuchen. „Aber das dürfen Sie doch nicht“, habe sie versucht zu protestieren. Booms soll entgegnet haben, dass er dazu berechtigt sei.

Zu Hause erzählte sie ihrer Mutter von dem Übergriff, aber die wollte ihrer Tochter nicht glauben. „Was erzählst Du für einen Quatsch. Ein Pfarrer tut so etwas nicht“, musste sich die Teenagerin sagen lassen. Der Weg für eine ganze Serie von Übergriffen war damit bereitet. Wie das Opfer berichtet, ordnete Booms Woche für Woche, Monat für Monat „Nach-beichten“ an, kam dabei immer schneller zur Sache und ging auch immer weiter. Etwa ein Jahr sei das so gegangen.

In ihrer Not wandte sich die Teenagerin schließlich an eine Freundin und schmiedete mit ihr einen Plan. Wenn Booms sich auch an der Freundin vergreifen würde, könnten sie gegenseitig als Zeuginnen bei der Polizei aussagen...

Mädchen „untersucht“

Tatsächlich soll Booms daraufhin beide Mädchen einbestellt und „untersucht“ haben. Danach offerierten ihm die Teenagerinnen, dass sie nun zur Polizei gehen könnten. „Aber wir hatten dabei natürlich entsetzliche Angst. Bei der Polizei hätte uns doch auch niemand geglaubt. Booms war damals doch schon stadtbekannt“, sagt die heute 71-Jährige.

Immerhin: Der Pfarrer ließ die beiden Mädchen fortan in Ruhe. Trotzdem hatten die Übergriffe bereits tiefe Wunden gerissen. Die Teenagerin wollte kein Mädchen mehr sein und keine Frau werden. Sie trug nur noch schwarz und einen Männerhaarschnitt. Ebenso wandte sie sich von ihrem Elternhaus ab und genauso von der Kirche.

Als sie Jahrzehnte später wegen einer chronischen Darmerkrankung in ärztlicher Behandlung war, überraschten sie die Mediziner mit folgender Frage: „Kann es sein, dass Sie in Ihrer Jugend sexuell missbraucht wurden?“

Doppelte Überprüfung

Psychotherapien und Medikamente waren die ständigen Begleiter auf dem Weg der heute 71-Jährigen. Ihr Leben wäre ohne die Übergriffe völlig anders verlaufen, sagt sie. Bis heute habe sie Booms’ Taten nicht vergessen können. Ihre Freundin von damals sei bereits gestorben. Und sie ist davon überzeugt, dass es noch weitere Mädchen in Heessen gab, die Opfer des Dechant wurden.

Bereits 2019 hatte der WA über den Fall berichtet. Die Hammerin hatte sich im Zuge des Pottbäcker-Skandals (siehe Infokasten) in der Redaktion gemeldet. Auch das Bistum Münster wurde damals vom WA über Booms Wirken in Kenntnis gesetzt. So lange dort das Verfahren zur Anerkennung des Leids nicht abgeschlossen war, blieb der Name Booms unter Verschluss.

Zweimal stellte die heute 71-Jährige einen Antrag. Zunächst 2019 mit dem Ergebnis, dass ihr 6 000 Euro bewilligt wurden. Anfang 2021 wurde das Verfahren zur Anerkennung des Leids reformiert. Alle Opfer erhielten ein weiteres Mal die Möglichkeit, ihren Fall überprüfen zu lassen. Weitere  9 000 Euro wurden der Frau im Mai 2022 bewilligt.

Über die Höhe der materiellen Leistungen entscheidet seit 2021 bundesweit die „Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen“ (UKA). Die Schwere der Tat und ihre individuellen Folgen sind für die Bemessung der Schadenshöhe maßgeblich. Man orientiere sich an der Obergrenze dessen, was in einem staatlichen Gericht in vergleichbaren Fällen als Schmerzensgeld gewähren würden, schreibt UKA-Vizevorsitzender Ernst Hauck, einst Richter am Bundessozialgericht, in einem Essay. Für die Begründetheit genüge es in dem Verfahren, dass die Tatschilderung des Betroffenen plausibel sei.

Reaktion aus Heessen

Das Verfahren sieht ferner vor, dass jedem aktuellen Pfarrer Bescheid gegeben wird, wenn es in der Vergangenheit Übergriffe in seiner Gemeinde gegeben hat. Das erklärt Stephan Baumers von der Stabstelle Intervention und Prävention. „In diesem Fall ist das aber nicht passiert. Dabei ist Pfarrer Booms dem Bistum seit 2019 als Beschuldigter bekannt gewesen“, so Baumers. Eine Meldung an Christoph Gerdemann, den leitenden Pfarrer der Kirchengemeinde Papst Johannes in Heessen, sei in all den Jahren nicht erfolgt. Man sei im Generalvikariat Münster offenbar davon ausgegangen, dass das schon 2019 in die Wege geleitet worden war. Nach der erneuten Anerkennung des Leids 2022 sei man dann nicht mehr tätig geworden.

So erfuhr Gerdemann erst am Dienstag, 8. November, von dem Fall Heinz Booms – weil der WA in der Angelegenheit recherchierte und eine Veröffentlichung plante. Wer das Heessener Opfer ist, wird der Gemeinde und ihrem Pfarrer nicht mitgeteilt. Diese Informationen verbleiben in der Interventionsstelle.

Am Mittwochabend rief Gerdemann den Kirchenvorstand zu einer spontanen Sitzung zusammen. „Wir sind alle entsetzt und verstört, fassungslos und tief bewegt“, sagte der Heessener Geistliche im Nachgang dazu. „Wir möchten nun die in den Blick nehmen, die jetzt betroffen sind. An erster Stelle diejenigen, die dieses unfassbare Leid erfahren haben“, sagte Gerdemann. Für ihn stehe außer Frage, dass die Schilderungen der Betroffenen glaubwürdig seien. Überhaupt nicht auszuschließen sei, dass es noch weitere Opfer gebe. Am kommenden Mittwoch werde es deshalb um 19 Uhr eine Versammlung im Pfarrheim St. Marien, Sulkshege 8, geben. Auch die Interventionsstelle aus Münster werde vor Ort sein. Jeder, der Fragen oder ein Informationsbedürfnis habe, sei willkommen.

Der Fall Heinz Pottbäcker

Heinz Pottbäcker (1937 – 2007) war ein Serientäter und nimmt in der im Juni 2022 fertiggestellten Missbrauchsstudie des Bistums Münster 19 Seiten ein. Mindestens 21 Betroffene gebe es, von einer hohen Dunkelziffer sei auszugehen, schreiben die mit der Studie beauftragten Wissenschaftler.

Vier Fälle recherchierte der WA Ende 2018 für Pottbäckers Bockum-Höveler Zeit (1968 – 1971). In zweien stellten die Hammer Opfer Anträge auf Anerkennung des Leids und bekamen in 2019 jeweils 8000 Euro zugesprochen. Der eine schenkte das Geld seiner Tochter („Soll ich mir davon etwa etwas Schönes kaufen? Ich wollte das nicht haben“), der andere hofft bis heute, dass es „irgendwann“ doch noch zu einer deutlich höheren Zahlung an ihn kommen werde.

Den Pottbäcker-Opfern – die meisten stammen aus dem münsterländischen Rhede, Pottbäckers nächster Station nach Bockum-Hövel – wurden Beträge von 5000 bis 100.000 Euro zuerkannt.

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