Kein dringender Tatverdacht mehr

"Vergewaltigung" in Dolberg: Haftbefehl gegen Flüchtling aufgehoben

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Dolberg/Münster - Der zweite Tag im Prozess am Landgericht Münster um die mutmaßliche Vergewaltigung einer 15-Jährigen in Dolberg endete mit einer wichtigen Vorentscheidung: ein Etappensieg für die Verteidigung.

Die 1. Große Strafkammer hob den Haftbefehl gegen den Angeklagten in dieser Sache auf. Nach der Aussage des inzwischen 16-jährigen Mädchens und ihrer Mutter sah das Gericht keinen dringenden Tatverdacht mehr gegen den 25 Jahre alten Flüchtling aus Nigeria. Die Einlassungen des Mädchens waren offenbar zu widersprüchlich.

Zu Beginn des Tages hatten sich die Beteiligten zunächst in Verfahrensfragen verhakt. Der Rechtsanwalt des inzwischen 16 Jahre alten Mädchens beantragte nicht nur den Ausschluss der Öffentlichkeit während der Vernehmung seiner Mandantin. In einem zweiten Antrag forderte er auch die Entfernung des Angeklagten aus dem Saal. Seine Mandantin könne und werde in dessen Beisein nicht aussagen.

Zur Untermauerung legte er ein Attest des Hausarztes vor, wonach das Mädchen auf das traumatische Erlebnis am 8. November 2017 mit autoaggressiven Handlungen reagiert habe und in einer Klinik behandelt werden musste. Das Gerichtsverfahren würde die Jugendliche so stark beunruhigen, dass es zu Rückfällen kommen könnte.

Über diese Videoanlage wurde der Prozess gestern in einen Nebenraum des Gerichtssaals übertragen, in dem der Angeklagte während der Aussage der Nebenklägerin Platz nehmen musste.

Der Verteidiger des 25-jährigen aus Nigeria stammenden Angeklagten wies die Anträge der Nebenklage zurück. Der Ausschluss des Angeklagten aus dem Gerichtssaal sei ein weitreichender Eingriff in ein Grundrecht.

Das Gericht stufte das Wohl des Mädchens höher ein als das Anwesenheitsrecht des Angeklagten. Der wurde daraufhin zusammen mit seinem Dolmetscher in einen bewachten Nebenraum geführt. Dorthin wurde der Prozess während der langen Zeugenaussage der Nebenklägerin mit Ton und Bild übertragen.

Hinter den nun für Presse und Zuhörer verschlossen Türen wird es vermutlich mit harten Bandagen zugegangen sein, was im Vorfeld einige Prozessbeteiligte prophezeit hatten.

Richter ermuntert zu tabuloser Offenheit

Schon zum Auftakt am Dienstag hatte der vorsitzende Richter mehrfach dazu ermuntert, offen auch über Dinge zu reden, die einem sonst schwer über die Lippen kommen: „Wir sind hier die Jugendschutzkammer und haben schon alles gehört, was vorstellbar ist.“

Nur durch tabulose Offenheit kann die Kammer aufzuklären versuchen, was zwischen der Klägerin und dem Beklagten wirklich geschah. Das ist bei Sexualvorwürfen oft nicht zu verhindern, weil es meist keine weiteren Augenzeugen gibt und weil es um sehr viel geht. Immerhin sitzt der 25-jährige Flüchtling seit fünf Monaten in Untersuchungshaft.

Die Anzeige des Mädchens, die ihn dort hingebracht hat, muss das Gericht deshalb auf Herz und Nieren prüfen. An ihrer Glaubwürdigkeit hatte am Dienstag ein Zeuge Zweifel geäußert. Laut Aussage dieses Nachbarn passe der Lebenswandel der Jugendlichen und ihr Umgang mit Männern nicht zu dem Vergewaltigungsvorwurf.

Der Prozess wird am 15. Mai fortgesetzt.

Der Angeklagte bleibt wegen einer anderen Sache in Untersuchungshaft.

Matthias Münch

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