Spaziergang mit Ortsheimatpflegerin Inge Block-Löher rund um Heessen

Geschichte in Geschichten: Die Riesenwelle aus der Lippe

Selfie mit Mund-Nasenschutz: Ortsheimatpflegerin Inge Block-Löher mit Redakteur Michael Girkens beim Spaziergang durch die Kleingartenanlage Schoppenkamp-Langenhövel.
+
Selfie mit Mund-Nasenschutz: Ortsheimatpflegerin Inge Block-Löher mit Redakteur Michael Girkens beim Spaziergang durch die Kleingartenanlage Schoppenkamp-Langenhövel.

Sie werde einen kleinen Spaziergang rund um Heessen zusammenstellen, hatte Inge Block-Löher versprochen, und dabei Teile der Geschichte Heessens erzählen, die noch nicht überall bekannt seien. Ihre Versprechen hält die Ortsheimatpflegerin: Die Tour führt durch einen wenig beachteten Kleingarten mit spannender Geschichte, über die Marktplätze und über den Sundernfriedhof mit dem Gedenken an eine Französin. Nur die Bezeichnung „kleiner Spaziergang“ ist eine fette Untertreibung: Es ist eine kleine Wanderung über rund sechs Kilometer und über 150 Höhenmeter.

Inge Block-Löher wartet schon an der Bäckerei Ridder, „hier war früher der Marktplatz“, sagt sie, der alte „Thie“. Hier fanden Festmärkte statt. Der Platz verlor seine Bedeutung, als 1912 Pläne für den Bau des Rathauses geschmiedet wurden. Die Geschichte des neuen Marktplatzes erzählt Block-Löher, wenn wir dort vorbeikommen.

Für den Gang zum nächsten Ziel hat sie einen Weg ausgesucht, der fernab der Straßen auf einem Gehweg verläuft, der zwischen den alten und neuen Häusern des Heessener Dorfes verläuft. Wir kommen an einer Schafswiese vorbei – und das werden nicht die einzigen Tiere bei unserer Tour bleiben. Heraus kommen wir am Langenhövel, gehen die Kleistraße entlang und biegen auf einen Feldweg ab, der Richtung Dolberger Straße führt. Kühe sind hier auf der Weide, und sie sind extrem neugierig. Geschlossen traben sie auf uns zu, obwohl wir sie gar nicht locken. Wahrscheinlich ist sonst wenig los auf dem Weg.

Mitten im Dorf grasen die Schafe

Ziel des Abschnitts ist die Kleingartenanlage Schoppenkamp-Langenhövel. „Nach dem Krieg, am 20. Dezember 1946, hat es eine Interessentenversammlung gegeben, und gefragt wurde, ob jemand an Pachtgärten interessiert ist“, sagt Block-Löher, „und es kamen gleich 80 Interessenten.“ Die Gemeinde habe das Grundstück südlich der Dolberger Straße von den von Boeselagers gepachtet, 40 Kleingärten entstanden hier. Die Nachfrage aber war so groß, dass Heessen ein Jahr später ein Gelände nördlich der Dolberger Straße zu Verfügung stellte, 27 Parzellen entstanden hier.

Heute ein König: Ein Gartenzwergfrosch regiert die Kleingartenanlage.

Was fehlte, war ein Vereinsheim. „Die Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat spendete aus irgendwelchen Abrissen Holz und Steine“, sagt die Ortsheimatpflegerin, „damit haben die Kleingärtner gebaut.“ Fertig wurde es 1960. Eine Unannehmlichkeit besteht bis heute: Der südliche Teil, der Schoppenkamp, wird vom nördlichen, dem Langenhövel, durch die viel befahrene Dolberger Straße getrennt, „und es gibt auch keinen vernünftigen Übergang“, sagt Block-Löher.

Wer durch die Anlage spaziert, hat nicht den Eindruck, dass hier der Verkehrslärm herrscht. Es ist ruhig, die Parzellen sind groß, und fast jeder Pächter hat etwas besonderes aus seinem Stück Land gemacht. Viele Flaggen wehen über den kleinen Gebäuden, es ist international hier.

Vereinsheim: Aus Schutt entstand völlig Neues

In seiner Anfangszeit setzte der Verein Maßstäbe in Sachen Jugendarbeit. „1955 nahmen Gemeinde und Kleingartenverein an einem Wettbewerb teil, der hieß ,goldener Erntekranz‘, und man holte auf Landesebene den zweiten Platz“, sagt Block-Löher, „dafür bekam man ein Preisgeld von 500 Mark.“ Der Verein steckte das Geld in ein Ferienlager im Sauerland. Die Idee funktionierte, im ersten Jahr nahmen 16 Kinder daran teil, im Jahr darauf schon 45. Und auch die Gastgeber waren offenbar begeistert, sagt Block-Löher, „und man stellte dem Ferienlager die Schützenhalle zur Verfügung, damit die Kinder nicht so abhängig vom Wetter waren.“

 „Wissen Sie eigentlich, dass im Schloss Heessen mal ein Altersheim war? Das zwischen 1905 und 1908 erbaute Schloss war seit 1925 nicht mehr Wohnsitz der von Boeselagers, und es wurde ab 1935 als Herberge des nationalsozialistischen Studentenbundes genutzt. Nach dem Krieg – genauer: ab 1949 – richtete die Stadt Münster dort ein Altersheim ein.

Inge Block-Löher, Ortsheimatpflegerin

Beim Verlassen des Kleingartens werden wir von einem Schwan begleitet, und weder die Ortsheimatpflegerin noch ich selbst fühlen uns wohl, da das Tier uns offenbar näher kommen will. Mein Opa hatte mich vor der Aggressivität der Tiere gewarnt und vor der großen Kraft, die sie in den Flügeln haben, und die so groß ist, dass sie einem Erwachsenen die Arme brechen könnten. Block-Löher geht es genauso, und wir brauchen unsere Arme noch. Wir gehen schneller, und der Schwan verliert das Interesse.

Über das Schloss Heessen ist eigentlich alles bekannt: Seit 1957 beherbergt es Schule und Internat. Aber: „Wissen Sie eigentlich, dass dort mal ein Altersheim war?“, fragt Block-Löher. Ich weiß es nicht. Das zwischen 1905 und 1908 erbaute Schloss war seit 1925 nicht mehr Wohnsitz der von Boeselagers, berichtet die Ortsheimatpflegerin, und es wurde ab 1935 als Herberge des nationalsozialistischen Studentenbundes genutzt. Nach dem Krieg – genauer: ab 1949 – richtete die Stadt Münster dort ein Altersheim ein.

Gänse brüten versteckt in den Auen

Dann kommen wir nahe des Schlosses an der Pferdekoppel vorbei, und die Tiere dort sind auch neugierig – oder erwarten sie, dass wir Futter vorbeibringen? Angst vor Pferden habe ich auch, mein Vater wurde mal gebissen, als ich noch klein war. Block-Löher teilt diese Angst nicht. Am Ende der Koppel biegt Block-Löher links und hinter der Brücke wieder nach rechts ab.

Diese Ansicht ändert sich bald: Ortsheimatpflegerin Inge Block-Löher ist gespannt, wie die alte Schlossmühle saniert aussehen wird.

Auf diesem Weg Richtung Fährstraße liegt rechts die Schlossmühle, die von der Baufirma Heckmann saniert werden soll. Zu sehen gibt es auch links etwas. Block-Löher zeigt auf die saftig-grüne Lippewiese: „Sehen Sie, da…?“ Ich seh‘ erst nichts, aber ihr Hinweis auf Gänse hilft und ich staune nicht schlecht: Überall schmale Hälse. Gut versteckt im hohen Gras brüten die Tiere.

Wenig später erreichen wir das Hexendenkmal, 2017 an diesen Standort nahe Dolberger und Fährstraße versetzt. Marianne Heimbrock schuf die Skulptur 1991. Block-Löher fragt, ob ich die Geschichte vom Hexenteich kenne. „Zur Zeit der Hexenverbrennungen sollte eine Hexe verbrannt werden“, erzählt die Ortsheimatpflegerin, „und als das Feuer schon loderte, kam eine Riesenwelle aus der Lippe und löschte es – und als die Welle wieder abfloss, ließ sie den Hexenteich zurück.“ Dann schmunzelt Block-Löher und sagt: „Die Geschichte stimmt wahrscheinlich nicht, es ist eher eine Sage, denn in Heessen wurden nie Hexen verbrannt.“

Spaziergang ein Mal rund um Heessen: Aus vielen Persoektiven zeigt sich der Kirchturm des „Doms“, der Kirche St. Stephanus im Dorf.

Über die Schlägelstraße gehen wir Richtung Heessener Markt und lassen so den Autolärm hinter uns. Am Markt angekommen, führt Block-Löher aus: Als das Amtshaus 1914 auf der grünen Wiese gebaut wurde, hätten die Heessener gesagt: „Die sind doch meschugge, was soll denn hier auf dem Feld ein Rathaus.“ Aber dann hätten sich in den Dreißigerjahren Post und Sparkasse angesiedelt, in den Fünfzigerjahren sei die andere Seite des Marktes bebaut worden. Und so entstand eine „neue Mitte“. Wo heute das Gebäude mit Café und Apotheke stehe, habe früher ein Pavillon gestanden, Fünfziger-Jahre-Stil mit Lottoannahme und Zeitschriftenverkauf.

Französin stirbt bei Bombenangriff

Jetzt geht es bergauf. An der Barbaraklinik vorbei betreten wir den Sundernfriedhof und erreichen eine Gedenkstätte für die Opfer der Kriege. „An dieser wird auch an eine Französin aus Lothringen erinnert, die während des Krieges nach Heessen kam“, sagt Block-Löher, „sie war mit einem deutschen Soldaten liiert, hieß Marie Jeanne Hiebel und war unter schwierigen Umständen nach Heessen gekommen. 1944 kam sie bei einem Bombenangriff ums Leben, im Haus Sommerkamp 1,, wo sie Verwandte ihres Verlobten besucht hat.“

Und die Ortsheimatpflegerin gibt zum Schluss eine Leseempfehlung: „Heinz Weischer hat das Schicksal von Marie Jeanne Hiebel erforscht und ein Buch daraus gemacht, im ersten Teil mit den Fakten zu ihrem Leben und im zweiten Teil als Novelle „Die Türkisohrringe der Marie Jeanne H.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare