Roma-Familie nicht mehr länger in Deutschland geduldet

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Manuel (links), Gabriel (Zweiter von links), Daniel (Zweiter von rechts) und Zivanka (rechts) haben gute Aussichten, mit ihrer Hände Arbeit ihr Leben in Deutschland zu bestreiten. Aber den Roma droht die Perspektivlosigkeit im Heimatland Serbien.

Heessen - Seit mehr als zwei Jahren lebt eine aus Serbien eingewanderte, achtköpfige Roma-Familie in Hamm. Trotz positiver Prognosen für die Schulkinder soll sie abgeschoben werden. Die Duldung endet am Freitag.

Manuel möchte Tischler oder Busfahrer werden, seine Schwester Zivanka Friseurin. Das würden beide auch locker schaffen, sagt Gabriele Kreter, Leiterin der Karlschule. Nur bei Daniel, Bruder der beiden, ist sie sich nicht sicher, denn sein Berufswunsch lautet: Fußballer. Vierter im Bunde ist Gabriel, aber er hat mit seinen 13 Jahren noch keinen Berufswunsch. Nur: Trotz aller positiver Prognosen und Kreters Einschätzung wird voraussichtlich keiner der vier ein nützliches Mitglied der deutschen Gesellschaft werden. Denn das Quartett gehört zu einer aus Serbien eingewanderten Roma-Familie an und hat eigentlich keine Chance zu bleiben.

Alle Kinder sprechen gut Deutsch

 Die vier Karlschüler leben mit zwei weiteren jüngeren Geschwistern und ihren Eltern seit mehr als zwei Jahren in Hamm. Alle Kinder sprechen gut Deutsch und gehen mittlerweile in eine altersgerechte Regelklasse der Karlschule. Die jüngeren lernen die Sprache auch – und zwar ziemlich schnell. Alle strengen sich an und zeigen Ehrgeiz. Schulleiterin Kreter: „Es gibt Schüler, da wäre es angemessen abzuschieben. Bei diesen ist es nicht angemessen, denn sie sind fleißig und zielstrebig, und sie haben sich nichts zu Schulden kommen lassen.“

Asylantrag ist aussichtslos

Und doch endet die Duldung am Freitag, 16. Dezember. Dann könnte es sein, dass alle acht zurück nach Serbien müssen. Es sei denn, die Duldung wird noch einmal verlängert. Serbien gilt als „sicheres Herkunftsland“, ein Asylantrag ist aussichtslos. Die Familie wird seit zwei Jahren geduldet, weil der heute sechs Jahre alte Sohn Jovan bei einem Unfall schwere Verbrennungen erlitten hat. Eine Behandlung in Serbien war nicht möglich, die Familie kam nach Deutschland. Jetzt aber sind Operationen und Behandlung abgeschlossen.

Als Roma werden sie diskriminiert

In Serbien sieht der Vater keinerlei Perspektive. Er hat dort die Volksschule besucht, hatte keine Ausbildung und findet nur Arbeit, wenn er vorab dafür bezahlt. Die Sozialhilfe für die Familie beträgt 150 Euro im Monat. Und: Als Angehörige der Roma werden sie diskriminiert. Beim Arzt würden erst alle Serben behandelt, bevor ein Roma zum Arzt vorgelassen werde. Niemand gebe ihm einen Job, wenn er nicht vorher ein Bestechungsgeld gezahlt habe. Die Schule lasse es zu, dass seine Kinder gemobbt würden. Auf der Straße erlebe er Beschimpfungen und verbale Angriffe. Und wer sich wehre, bekomme es mit der Polizei zu tun.

"Fußball einfach weggenommen"

Ein älterer Sohn aus erster Ehe ist Fußballprofi in der zweiten norwegischen Liga, und er brachte vor einigen Jahren bei einem Besuch in Serbien einen hochwertigen Fußball als Geschenk mit. Das Spiel mit seinen Halbgeschwistern dauerte aber nicht lange – dann kamen Nachbarjungen und nahmen ihnen den Ball weg. Deren Eltern machten nicht einmal ihre Tür auf, und die Reaktion der Polizei war: „Ihr seid so arm, ihr könnt so einen teuren Ball gar nicht besessen haben.“

Menschenrechtliche Defizite in Balkanstaaten

Der Bundesromaverband bestätigt auf politischer Ebene die Erfahrungen der Familie – und verweist dabei auf UN und Europarat: „Offizielle Berichte, wie der des Komitee zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung der Vereinten Nationen oder des Menschenrechtskommissars des Europarats sowie zahlreiche Berichte von unabhängigen NGOs zeigen das ganze Ausmaß an menschenrechtlichen Defiziten in den Balkanstaaten und belegen die systematische Ausgrenzung der Roma, die eine lebensbedrohliche Armut zur Folge hat.“ Im einzelnen stellt der Verband fest, dass die Lebensbereiche Bildung, Wohnen, Arbeitsmarkt und Gesundheitsversorgung den Roma kaum zugänglich sind.

Wer kann, geht weg

Wer irgendwie kann, geht weg – und mancher schafft es dann auch. So wie Mane, der ältere Halbbruder der Kinder auf der Karlschule: Als Fußballprofi in Norwegen hat er mittlerweile einen norwegischen Pass und sucht jetzt in Deutschland einen Verein. Insofern ist der Berufswunsch von Daniel vielleicht doch nicht vollkommen unrealistisch.

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