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„Müssen Sie erstmal beweisen“: Hätte Fall Booms zu Lebzeiten aufgeklärt werden können?

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Von: Frank Lahme

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Die Sonne scheint hinter den Bäumen und eine Kreuz des Alten Nördlichen Friedhof. In Bayern feiern die evangelischen Christen Buß- und Bettag.
Der Fall Heinz Booms schlägt auch über Heessen hinaus weiter hohe Wellen. © Felix Hörhager/dpa

Die Missbrauchstaten des Heessener Dechanten Heinz Booms hätten bereits zu dessen Lebzeiten aufgeklärt werden können. Die neusten Entwicklungen.

Hamm - Wie der WA erst jetzt erfuhr, hatte sich eines der Opfer, das von dem bis vor einer Woche noch stadtweit hoch angesehenen Geistlichen in den 1960er Jahren zu den verhängnisvollen „Nachbeichten“ einbestellt wurde, bereits Anfang der 2000er Jahre an das Bistum Münster gewandt und dort seine Erlebnisse geschildert. Die Reaktion damals: „Das sind ungeheuerliche Vorwürfe, die Sie erst einmal beweisen müssen“, erinnert sie sich an das Telefonat mit dem Bistum.

Mutmaßliches Opfer schaltet sogar Anwalt ein

Mit wem sie seinerzeit telefoniert hatte, wisse sie nicht mehr, sagt die heute 71-Jährige. Jedenfalls sei das Gespräch für sie tatsächlich Anlass gewesen, nach weiteren Opfern zu suchen, die im Teenageralter von Booms bei dessen Nachbeichten gynäkologisch „untersucht“ worden waren.

Sie habe damals sogar einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der sie bei den Recherchen unterstützen sollte – wohlwissend, dass in ihrem Fall aus Anfang der 1960er Jahre bereits Verjährung eingetreten war. Als Heinz Booms dann aber 2004 plötzlich im Alter von 74 Jahren verstorben war, sei ihre Mission gescheitert gewesen und von ihr beendet worden.

Bistum: Kein Aktenvermerk, kein Protokoll gefertigt

Im Bistum Münster wurde nach dem Telefonat von vor gut 20 Jahren jedenfalls nichts unternommen. Kein Aktenvermerk wurde angelegt und kein Protokoll gefertigt. Es war auch da wohl noch die Zeit, dass die Kirchenoberen „Mitleid“ mit den übergriffig gewordenen Geistlichen hatten. „Die armen Männer sind doch schon genug bestraft, war die Devise unter Bischöfen und Generalvikaren. An ihre hilflosen Opfer wurde nicht gedacht.“ So wurde es auch am Mittwochabend bei der Versammlung zum Fall Booms im Pfarrheim St. Marien dargestellt.

„Die Akte Booms ist hinsichtlich der Missbrauchs-Taten leer“, hatte der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, in der Versammlung erklärt. Die selbe Auskunft hatte der WA bereits im Vorfeld der Berichterstattung „Die dunkle Seite des Heinz Booms“ (12. November) erhalten.

Pfarrer erst im Zuge der Berichterstattung informiert

Bekannt war der Fall Booms in der Interventionsstelle aber seit 2019, als dem ersten Opfer eine so genannte „Anerkennung des Leids“ über letztlich 15.000 Euro zugesprochen wurde. Nach Heessen wurde das nicht kommuniziert, erst als die WA-Berichterstattung bevorstand, wurde der aktuelle Pfarrer Christoph Gerdemann in Kenntnis gesetzt.

Wie berichtet, haben sich in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Booms-Opfers gemeldet – viele von ihnen in der Versammlung am Mittwoch. Die Taten haben sich in den 1960er und 1970er Jahren zugetragen – aus den 1980er Jahren und später ist (bislang) nichts bekannt. Der am Donnerstag im WA erwähnte Fall aus 1986 trug sich tatsächlich 1968 zu (ein Zahlendreher der Redaktion).

„Anerkennung des Leids“ auch für andere Betroffene?

All die Betroffenen dürften ebenfalls einen Anspruch auf „Anerkennung des Leids“ haben. Ob entsprechende Verfahren bereits angedacht sind, ließ sich am Freitag nicht mehr in Münster in Erfahrung bringen. Immerhin hatte Bischof Genn aber am selben Tag erklärt, dass selbst „Handlungen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit“ mitumfasst seien.

Ein katholischer Geistlicher, der wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material aus seiner Gemeinde in Hamm abgezogen worden war, hat dort kürzlich eine Taufe durchgeführt - inklusive Auftritt eines Kinderchores.

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