Luftangriffe vor 75 Jahren: Historiker findet neue Aspekte zur Bombardierung von Heessen

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Ein Moment des Angriffs: Zeche und Bahn verschwinden hinter der Staubwolke, das Zwangsarbeiterlager im Vordergrund ist noch intakt – hier sterben wenig später 82 Zwangsarbeiter. Insgesamt kostete der Angriff 157 Menschen das Leben.

Vor 75 Jahren kamen die Bomber und fügten Heessen den schlimmsten Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs zu. Historiker Dr. Ulrich Heitger hat sich seit Jahren mit dem Tag beschäftigt und jetzt noch einmal neue Aspekte gefunden.

Heessen - Da ist zum Beispiel ein Foto, das anscheinend bislang unveröffentlicht ist und aus dem Stadtarchiv stammt. Offensichtlich zeigt es den genannten Bombenangriff der Royal Air Force auf die Zeche und das Zwangsarbeiterlager II an der Sandstraße. „Ich habe es stundenlang bearbeitet, damit man darauf gut etwas erkennen kann“, sagt der Historiker. 

Zu erkennen ist im Hintergrund eine riesengroße Wolke. Hier wird gerade die Zeche bombardiert, von der Zeche selbst ist nichts zu erkennen. Die Bahnlinie aber zeichnet sich vor der Wolke ab. Und im Vordergrund sind Baracken des Zwangsarbeiterlagers zu sehen. 300 von ihnen leben dort, 82 werden bei diesem Angriff getötet, wenn kurz nach der Aufnahme des Fotos auch hier die Bomben einschlagen. 

Die Bilanz des Todes lautete: 60 Heessener, 15 deutsche Soldaten und 82 russische Gefangene verloren ihr Leben. Und noch Jahre später wurden sterbliche Überreste von russischen Zwangsarbeitern in der Umgebung des Splittergrabens gefunden. Dazu wurden zahlreiche Gebäude der Zeche und der Wohngebiete in Heessen zerstört. 

Dr. Ulrich Heitger hat neue Erkenntnisse zum Bombenangriff vor 75 Jahren.

Damit erhebt sich die Frage des Kontextes der Kriegführung. Im Februar 1945 hätten die Alliierten damit begonnen, das Ruhrgebiet einzukesseln, um die Produktion der Kriegsgüter vom Rest des Deutschen Reiches abzuschneiden. Dabei erfolgte am 16. Februar der bis dahin schwerste Luftangriff auf die Gemeinde, bei dem 87 Heessener sowie drei russische und drei polnische Zwangsarbeiter starben. Neu ist auch die Einordnung des Angriffs durch den Historiker Heitger in einen größeren Zusammenhang. Am selben Mittag wurde auch Bönen aus der Luft attackiert, Heitger fragt „War das vielleicht ein Angriff mit verschiedenen Zielen?“ Vieles spreche dafür. Und nicht nur das, in den späten Nachmittagsstunden desselben Tages wurde Paderborn von 500 amerikanischen Fliegenden Festungen weitgehend zerstört. 

Ende März schloss sich der Kessel

Die alliierten Truppen stießen am 1. April bei Lippstadt aufeinander und am selben Tag eroberten sie Paderborn. Der Angriff vom 27. März machte Eisenbahnstrecken und die Reichsstraße 1 für Wochen unpassierbar. Heitger vermutet, dass auch in Heessen die Eisenbahnstrecke das eigentliche Ziel des schweren Angriffs war, nicht die Zeche. 

Auffällig auch: Die Alliierten marschierten ebenfalls am 1. April in Heessen ein – schon fünf Tage vorher, am Tag des Angriffs, befanden sich die Spitzen der britischen Truppen in den Bauernschaften Dasbeck und Frielick. Das sieht sehr nach einem koordinierten Vorgehen der verschiedenen Waffengattungen aus. Warum werden diese möglichen Zusammenhänge erst 75 Jahre nach dem Tag des Bombenangriffes klar? 

Heitger vermutet, dass die Geschichte einzelner Bombenangriffe – wie den in Heessen – eher von Lokalhistorikern betrachtet wurde, und die interessierten sich insbesondere für die lokalen Zusammenhänge und Folgen. 

Die Angriffe aus der Luft wurden immer schlimmer 

Beim Betrachten der Fakten und Fotos von den Bombenangriffen auf Heessen ist dem Historiker Dr. Ulrich Heitger etwas klar geworden: Nicht nur die Art der Bombenangriffe änderte sich im Verlauf des Kriegs, sondern auch die Art, wie die Heessener mit ihnen umgehen. Zu Beginn des Krieges habe es auf deutscher wie auf britischer Seite den Befehl gegeben, keine Bomben auf Feindesland zu werfen, sagt Heitger. Das habe sich schlagartig mit dem Beginn der deutschen Westoffensive am 10. Mai 1940 geändert. 

Noch am gleichen Abend warfen englische Bomber einige Bomben auf Mönchengladbach. In der Nacht zum 12. Mai fielen auch über Hamm die ersten Bomben, und am 20. Juni folgt der erste Angriff auf Heessen. Dabei wurde ein Mensch getötet und sechs Häuser getroffen. In den nachfolgenden Nächten gab es weitere Angriffe mit mehreren Toten. 

Bombenangriffe 1940: Die Heessener staunten eher, als dass sie sich ängstigten.

Diese Art des Angreifens aus der Luft blieb lange erhalten: Lange Alarmzeiten, wenige feindliche Bomber, begrenzte Schäden. „Das hatte vermutlich die Funktion, den Alltag zu stören und Verunsicherung zu verbreiten“, sagt Heitger. 

Ab 1942 verschärften die Alliierten den Bombenkrieg: Nachts kamen die Engländer und bombardierten die großen Städte. Dafür hatten sie eine ganz spezielle Angriffstaktik entwickelt: In einer ersten Welle deckten die Detonationen der schweren Sprengbomben die Dächer ab, dann folgten Zehntausende kleiner Brandbomben, die einen Feuersturm entfachten. 

Bevölkerung reagiert mit erstaunen

Im Unterschied dazu bombardierten die Amerikaner in Tagesangriffen vorwiegend wichtige Rüstungseinrichtungen und die Verkehrsinfrastruktur. Die zerstörten Häuser der ersten Luftangriffe nahm die Heessener Bevölkerung eher staunend wahr. „Von den Bombentreffern des Juni 1940 gibt es einige Fotos, auf denen die Bevölkerung die Schäden betrachtet“, sagt Heitger. Geradezu auffällig seien die Abbildungen mit Kindern. Möglicherweise sollten diese die britischen Bomben als besonders verwerflich brandmarken. 

Bombenangriffe 1940: Auf historischen Fotos sind oft Kinder zu sehen, die Schäden anschauen – hier Häuser am Bockelweg.

Zweck der Bilder: Propaganda. Ende 1940 setzte im Deutschen Reich einer massiver Ausbau des Luftschutzes ein: Während Heessen als nicht so wichtig galt, begann in Hamm der Bau von Hochbunkern. So blieb es der Zeche Sachsen vorbehalten, ab März 1943 zwei Luftschutzstollen zu bauen, um eine große Anzahl von Menschen besser schützen zu können. 

Dennoch forderte der Bombenkrieg seinen Tribut: Beim Luftangriff vom 16. Februar 1945 erhielt einer der Stollen einen Volltreffer. Im Laufe der Zeit gerieten diese Schutzräume weitgehend in Vergessenheit. „Die Eingänge kann man heute noch finden“, hat Heitger im Rahmen seiner Recherche von älteren Heessener Zeitzeugen erfahren. 

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