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Immer wieder Bombenfunde in Hamm: ein Blick in die Glaskugel

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Von: Boris Baur

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Sprengmeister Karl-Heinz Clemens und sein Team nach einer Entschärfung in der Lange Reihe im Oktober 2021.
Sprengmeister Karl-Heinz Clemens und sein Team nach einer Entschärfung in der Lange Reihe im Oktober 2021. © Begett

An vielen Stellen Hamms sind weitere Funde von Weltkriegsbomben zu erwarten. Wenige Tage nach der stundenlangen Entschärfungsaktion Hammer Norden haben wir Experten um einen Blick in die Glaskugel gebeten.

Hamm-Norden – 77 Jahre lag sie in der Erde, am Montagabend wurde die 250-kg-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg auf einem Privatgrundstück an der Seeburger Straße erfolgreich entschärft. Wieder mussten Menschen evakuiert werden, wieder gab es erhebliche Behinderungen des Verkehrs auf zentralen Wegen durch die Stadt. Damit wird es im Hammer Norden und in anderen Stadtteilen noch lange nicht vorbei sein, weiß Karl-Heinz Clemens, der Truppführer des Kampfmittelräumdienstes der Bezirksregierung Arnsberg. Niemand könne sagen, wie viele Blindgänger noch im Boden liegen und wann sie entdeckt werden.

Clemens war am Montag selbst vor Ort und machte die Bombe unschädlich. Alles habe seinen normalen Gang genommen. Die Evakuierung der etwa 350 betroffenen Anwohner sei sogar schneller als geplant erfolgt, obwohl die Feuerwehr bei ihrer Begehung mehr Corona-Infizierte und Personen in Quarantäne auffand, als zuvor angenommen. „Es ist nicht so schön, wenn die Entschärfung so spät angesetzt ist“, sagt Clemens. Während für die Hammer der Feierabendverkehr zum Nervenspiel geriet, wartet auf den Bombenexperten noch einiges an Arbeit, wenn die Autos längst wieder normal fahren: „Ich habe dann noch drei Stunden vor der Brust.“

Nach Hamm und in den Hammer Norden wird Clemens wohl noch einige Male kommen. „Es ist immer noch ein Thema“, sagt er zu möglichen Bombenfunden. Aktuell gebe es im gesamten Stadtgebiet Verdachtspunkte, die überprüft würden. Einer befinde sich zum Beispiel an der Ostenallee. Und nur weil rund um die Lippeauen zuletzt Blindgänger gefunden wurden, heißt das nicht, dass damit dort alle entdeckt sind. Nur ein paar 100 Meter weiter könne wieder ein Einsatz nötig werden. Clemens vergleicht das Ganze mit dem Blick in die Glaskugel.

Rangierbahnhof galt als Hauptziel für Bombenabwürfe

Die vielen Funde haben natürlich mit Hamms Geschichte zu tun. „Im 2. Weltkrieg sind hier viele Bomben runtergekommen“, sagt Franz Josef Nordhaus, der Ortsheimatpfleger. Hamms Rangierbahnhof war einst der größte in Deutschland, die dort angesiedelten metallverarbeitenden Unternehmen sowie die Brücke über Lippe und Kanal ebenfalls strategische Ziele. „Da wurde ein richtiger Teppich gelegt“, so Nordhaus. Dazu kommen über die Stadt verteilte Flakstellungen, die von den Alliierten aus der Luft beseitigt werden sollten. Und durch das Lippeauen-Projekt wurde nun eine große Fläche genauer untersucht. „Mich wundert nicht, dass man jetzt häufiger etwas findet“, sagt Nordhaus und rechnet mit weiteren Entdeckungen, wenn die Arbeiten weiter nach Norden Richtung Nienbrügger Berg und Radbodstraße vorangehen.

Über 100 Verdachtsfälle gebe es in Hamm jährlich, die die Feuerwehr untersuche, erzählt Fohrmann von der Kampfmittelräumung der Feuerwehr Hamm. Rund 95 Prozent seien jedoch Fehlauswertungen. Oft wurd eine Bombe entschärft, lange bevor damit begonnen wurde, die Altlasten aus dem Krieg zu erfassen. Die Untersuchungen nimmt die Bezirksregierung anhand von Luftbildern der Alliierten vor, die die Militärs im Nachgang einer Bombardierung machten, um sich über den Erfolg informieren wollten. Aktiv wird Arnsberg immer dann, wenn irgendwo neu gebaut wird oder Kanal- und Straßenarbeiten anstehen und das Gebiet noch nicht erfasst ist. Ein systematisches oder regelmäßiges Vorgehen gibt es nicht. Dazu reichen schlicht die Kapazitäten nicht aus.

Oft finden sich Dinge, die nichts mit Bomben zu tun haben

Laut Fohrmann wird bei jeder Überprüfung jedoch versucht, eine größere Fläche in die Untersuchung mitaufzunehmen und „nicht nur isoliert ein einzelnes Grundstück“. Wenn Arbeiten im Kreis von 20 Metern um eine potenzielle Einschlagstelle vorgenommen werden sollen, würden weitere Nachforschungen zu einem Verdachtsfall angestellt, erklärt Clemens. Dann wird mit verschiedenen Verfahren versucht, herauszufinden, ob es wirklich ein Gefahrenstück handelt und weitere Arbeiten nötig werden.

Oft findet sich eben aber auch nichts oder etwas anderes, was mit einer Bombe wenig zu tun hat, wie zum Beispiel ein Rohr. Erst wenn sich der Verdacht erhärtet, wird das Entschärfungsteam aktiv. „Es ist erst tatsächlich ein Blindgänger, wenn man ihn auch sieht“, sagt Clemens, der sich auch um die Entschärfung von Granaten und anderer Munition kümmert.

Auch Corona hat Einfluss auf die Entschärfungen

Dabei kann durchaus noch einige Zeit ins Land gehen, besonders wenn auf Privatgrundstücken ein Blindgänger entdeckt wird, dort aber keine akuten Arbeiten anstehen. Dann hängt es am Besitzer. „Jeder geht anders damit um, der eine kann nicht mehr ruhig schlafen, der andere stört sich weniger. Wir versuchen, immer auf die Bürger einzugehen“, sagt Fohrmann.

Zufallsfunde vermeiden

Bauherren müssen bereits im Baugenehmigungsverfahren eine Überprüfung des betreffenden Grundstücks durch den Kampfmittelbeseitigungsdienst der Bezirksregierung Arnsberg vornehmen lassen. Das schreibt die Bauordnung vor. Da dies mehrere Wochen dauern kann, empfiehlt die Feuerwehr Hamm, bei ihr rechtzeitig eine Auskunft einzuholen und rät weiter dazu, auch bei Eingriffen in den Boden wie zum Beispiel bei Bohrlöchern zur Grundwasserentnahme Kontakt aufzunehmen. So können Zufallsfunde vermieden werden.

Informationen gibt es unter der Telefonnummer 02381/903250 oder per E-Mail an feuerwehr-zs@stadt.hamm.de. Stößt man bei Arbeiten auf eine Bombe oder auch nur auf alte Munition, gilt es, das Fundstück nicht zu berühren, die Arbeiten sofort einzustellen, den Ort abzusichern und den Notruf 112 zu wählen.

Auch die Corona-Pandemie hat übrigens Einfluss auf die Bombenentschärfungen. Dabei geht es weniger um den Prozess an sich, sondern um die Vorbereitungen. Corona-Erkrankte können bei der Evakuierung schließlich nicht so einfach in einer Turnhalle untergebracht werden, sondern müssen für sich isoliert bleiben. Gleiches gilt für Personen in Quarantäne. „Wir müssen bei jeder Baustelle schauen, können wir uns eine Evakuierung erlauben“, erklärt Fohrmann. Dazu gebe es verschiedene Stufen der Gefährdungsabschätzung. So könnte eine notwendige Entschärfung durchaus verschoben werden, bis die Corona-Zahlen wieder fallen.

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