Heessener Hausarzt ohne Nachfolger

Praxis zu verschenken: Dr. Briefs geht in den Ruhestand

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Dr. Hans-Joachim Briefs gibt seine Praxis in diesem Monat nach 34 Jahren auf. Einen Nachfolger gibt es bislang nicht für den Praxisstandort Am Hämmschen.

Heessen - Wenn Dr. Dr. Hans-Joachim Briefs am Mittwoch seine Arztpraxis für Allgemeinmedizin am Hämmschen schließt, geht er eigentlich mit einem guten Gefühl. 34 Jahre lang hat er an diesem Standort zuletzt mehr als 1000 Patienten medizinisch versorgt. Er geht aber auch mit Wehmut und Sorge in den Ruhestand, denn einen Nachfolger fand er nicht.

Es sind vor allem die Patienten, die bei ihm für ein gutes Gefühl am Ende des Berufslebens sorgen. „Ich habe viele tolle Rückmeldungen“, sagt er. „Da geht man mit einem Glücksgefühl nach Hause.“ Und das ist nicht nur ein ganz subjektiver Eindruck. Auf Bewertungsportalen im Internet schneidet er hervorragend ab – zum Beispiel auf jamedia mit der Note 1,2.

Briefs schätzt aber auch die große Vielfalt an Aufgaben, die ein Hausarzt hat. Das beginnt bei Routineuntersuchungen, geht über die Behandlung bei akuten Erkrankungen bis hin zu kleinen chirurgischen Eingriffen. Er besucht Patienten zu Hause und in den Seniorenheimen, ist Lotse im komplizierten Gesundheitssystem und muss auch Totenscheine ausstellen. „Inzwischen habe ich meistens sogar recht geregelte Arbeitszeiten. Ich komme um 8 Uhr in die Praxis und gehe um 18 Uhr“, sagt er.

Hammer Ärztesprecher befürchtet weniger Hausärzte

Das alles wäre Grund zu ungetrübter Freude, wäre auch die Nachfolge geregelt. So macht Briefs sich zunächst einmal Sorgen um seine Patienten. Viele Hausärzte in Hamm hätten einen Aufnahmestopp, weil auch sie bereits an der Belastungsgrenze arbeiteten, berichtet er. Die Situation werde sich in Heessen – aber auch in Hamm – in den kommenden Jahren noch verschärfen. Viele Ärzte seien Mitte 50, einige über 60. Er selbst habe schon anderthalb Jahre über die Rente hinaus gearbeitet. „Ich bin der Anfang einer Welle in Heessen“, sagt er.

Praxisstandort seit 65 Jahren

Dr. Briefs hängt seinen Kittel jetzt in den Schrank.

Dabei sind die Voraussetzungen für einen möglichen Nachfolger sehr gut. An diesem Standort gibt es bereits seit 65 Jahren eine Arztpraxis. Die Kartei zählt mehr als 1000 Patienten. Briefs ist gut vernetzt im Gesundheitssystem. Die Räume sind in Schuss und alle medizinischen Geräte vorhanden. „Ich habe immer in die Praxis investiert, nie in irgendwelche Geldanlagemodelle“, sagt er. „Ich würde die Praxis sogar verschenken, noch einmal mit einsteigen und ihn einarbeiten, wenn sich jemand melden würde.“ Auch eine der Mitarbeiterinnen wäre mit dabei, die anderen hätten neue Stellen gefunden.

Seine eigene Suche nach einem Nachfolger war beachtlich. Er habe natürlich die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und den Hausärzteverband angezapft, habe in Fachzeitschriften inseriert und sei mehr als zehn Jahre in der studentischen Ausbildung für die Uni Münster tätig gewesen. Auch eine Börse der KV habe er besucht. Ärzte, die einen Nachfolger suchten, hätten einen roten Punkt bekommen, und junge Kollegen, die eine Praxis suchten, einen grünen. „Da liefen nur alte Männer mit roten Punkten herum“, berichtet er.

Es wird viel zu wenig ausgebildet

Für den Mangel macht er vielerlei Gründe aus. Zum Beispiel werde viel zu wenig ausgebildet. Und an der Uni Münster stehe der Numerus clausus für Medizin derzeit bei 0,8. Weiterhin beobachtet er eine Angst vor der Selbstständigkeit mit all ihren Facetten. Natürlich sei es auch eine Herausforderung ein „Biotop“ mit mehreren Angestellten zu führen.

Schließlich habe auch das Image des Hausarztes gelitten. Es werde nicht mehr gesehen, dass sie eine attraktive Medizin machten. Ganz andere Kriterien seien wichtig geworden: Facharzt, Parkplatz vor der Tür, W-Lan im Wartezimmer und der gelbe Schein. Einen letzten Todesstoß habe die Kassenärztliche Vereinigung gesetzt. Im Juni seien die Sitze von Hausärzten im Ruhgebiet neu bewerten worden. Danach habe Hamm vier zusätzliche freie Sitze bekommen, zusätzlich zu den neun bereits bestehenden, für die eine Nachfolge gesucht werde.

"Ich brauche jetzt einen Hausarzt“

Dem Mangel an Landärzten folge schon bald der Mangel an Stadtärzten. Je weiter östlich man gehe, desto mehr verschlimmere sich die Situation. „Dortmund ist noch in Ordnung, in Hamm wird es kritisch, nach Bielefeld will niemand mehr“, ist seine Einschätzung.

Und was macht Hans-Joachim Briefs jetzt? Die Liste ist lang. Ganz oben steht das Enkelkind. Auch die Musik nimmt einen der oberen Plätze ein. Er spielt in der Band „Take Five“. Es folgen ehrenamtliches Engagement beim Lions Club, Gartenarbeit, Reisen, Fahrradfahren und Modelleisenbahn. Schließlich fügt er mit einem Lächeln hinzu, auch er müsse sich jetzt einen Hausarzt suchen.

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