1. wa.de
  2. Hamm
  3. Heessen

Missbrauch-Skandal um Pfarrer Booms immer größer

Erstellt:

Von: Frank Lahme

Kommentare

Pfarrer Heinz Booms bei einem Interview im Jahr 2003.
Pfarrer Heinz Booms bei einem Interview im Jahr 2003. © Henrik Wiemer (Archiv)

Der Missbrauch-Skandal um den früheren Pfarrer Heinz Booms in Hamm wächst sich aus. Quasi stündlich bricht das Denkmal des einst angesehenen Kirchenmanns weiter zusammen.

Hamm – Es war gegen 19.45 Uhr, als am Mittwoch im Pfarrheim St. Marien die Dämme brachen. „Ich bin auch betroffen“, sagte eine Frau ins Drahtlos-Mikrofon. „Er hat mich zwei Mal mindestens belästigt.“ Elf Jahre sei sie damals alt gewesen – und Ameland-Fahrerin. Heinz Booms habe sie von Kopf bis Fuß gewaschen. Auch im Intimbereich.

Sie reichte das Mikro zu ihrer Nachbarin weiter: die nächste Betroffene. Auch bei ihr geschah es Anfang der 1970er Jahre. Sie war für die Kinderschola aktiv und von Booms bei ihm zu Hause bedrängt worden. Ihre Schwester sei dabei gewesen und habe am Ende Schlimmeres verhindern können.

Ein Handy wurde gezückt und die Nachricht einer Frau verlesen. „Setzt Euch nicht beim Pastor auf den Schoß“, sei damals die Warnung gewesen, die unter Mädchen im Ferienlager die Runde machte und die sie nun in die Runde schickte. Eine andere Frau sagte mit Blick aufs Jahr 1986: „Ich sehe heute noch das rote Sofa vor mir.“

Heinz Booms: Denkmal bricht minütlich zusammen

Mit jeder Minute brach das Denkmal des bis vor wenigen Tagen noch hoch angesehenen und 2004 gestorbenen Dechanten mehr zusammen. Booms war offenbar ein Serientäter gewesen, der sich in den 1960er und 1970er Jahren anscheinend wahllos an jungen Mädchen verging. Ob bei der Autofahrt mit ihm zurück von Ameland oder bei sich zu Hause oder bei den im WA mit „Die dunkle Seite des Heinz Booms“ erstmals beschriebenen „Nachbeichten“: Gelegenheiten, wo der Geistliche seine (Macht-) Position gegenüber Teenagerinnen zu Beginn ihrer Pubertät schamlos ausspielte, gab es offenbar zuhauf.

Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster, räumte gegenüber den rund 50 Erschienenen ein, dass er schon viele Versammlungen dieser Art begleitet habe, dass er eine derartige Fallhäufung aus dem Plenum heraus aber noch nicht erlebt habe. „Es war also ein offenes Geheimnis?“, fragte Stefan Werding (Redakteur der Westfälischen Nachrichten) der die Moderation an dem Abend übernommen hatte, und erntete von vielen Seiten ein bestätigendes Nicken.

Der Fall Booms scheint mit Blick auf Betroffene aus Hamm eine noch größere Dimension zu haben als es 2018 beim Fall Pottbäcker in Bockum-Hövel der Fall war.

Heinz Booms: weiteres Nachbeichte-Opfer meldet sich

Pfarrer Christoph Gerdemann hatte bereits eingangs der Veranstaltung erwähnt, dass ihm noch ein weiterer Fall bekannt geworden sei. Eine Frau, die inzwischen außerhalb von Hamm lebe, habe ihn angerufen und berichtet, dass sie vor vielen Jahren ebenfalls von Booms zur „Nachbeichte“ einbestellt worden sei. Und am Donnerstag wurde die Liste noch um einen Fall länger. Gerdemann berichtete am Nachmittag dem WA, dass sich noch ein weiteres Nachbeichte-Opfer – dieses Mal per E-Mail – bei ihm gemeldet habe.

Bei diesen Nachbeichten kam es wohl zu den schlimmsten Übergriffen, die sich Booms geleistet hat. Die Mädchen meist aus streng katholischem Haus wurden von ihm einbestellt und gynäkologisch „untersucht“.

Dass er hierzu die Beichte benutzte, wurde von einigen in der Versammlung am Mittwochabend besonders geächtet. Man habe keine Chance gehabt, sich zu wehren, wurde von Seiten der inzwischen in die Jahre gekommenen Mädchen von damals erklärt. Das Weltbild „ein Pastor tut so etwas nicht“, sei in den Köpfen von Eltern und allen anderen in der Gemeinde manifestiert gewesen.

Heinz Booms: Fall eigentlich schon seit 2019 bekannt

Fehlende Transparenz, die Frage, warum die Übergriffe erst jetzt ans Licht kommen, bewegten ebenfalls viele der Erschienenen. Interventionsbeauftragter Peter Frings bestätigte, dass der Fall Booms seit 2019 bekannt gewesen sei, aber nicht nach Heessen kommuniziert wurde. „Eigentlich darf es nicht passieren“, räumte er ein und führte unter anderem die Vielzahl von Fällen in Münster und die fehlenden Personalressourcen als Erklärung an.

Auch die guten Seiten von Heinz Booms wurden erwähnt. Pfarrer Gerdemann hegte die Hoffnung, dass die Gemeinde durch die Enthüllung nicht gespalten werde. „So traurig das ist: Es ist gut, dass Sie alle gekommen sind.“ Am Donnerstagabend saß er wieder im Pfarrheim – in St. Stephanus – und wartete auf weitere Betroffene.

Stellungnahme von Caritas und KSD

Der Caritasverband Hamm und der Katholischer Sozialdienst (KSD) reagieren auf die Aufdeckung des sexuellen Missbrauches in Heessen. Die Verbände fordern durchgreifende Reformen. Mit Entsetzen, Wut und Fassungslosigkeit habe man die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs des Pfarrers Booms zu Kenntnis genommen, heißt es in einer Mitteilung der Vorstände Elmar Marx und Andreas Thiemann. Heinz Booms war in beiden Verbänden bis zu seinem Tod 2004 geistlicher Beirat. Er habe diese Ämter über Jahrzehnte wahrgenommen und regelmäßig an den Sitzungen der ehrenamtlichen Vorstände teilgenommen, so Marx und Thiemann.

Die Verbände hätten ihn als Priester wahrgenommen, der sich mit sehr großem Engagement nicht nur für die Arbeit in der Pfarrgemeinde, sondern darüber hinaus nachdrücklich für die Belange der Caritas und benachteiligter Menschen in der Stadt, in der Öffentlichkeit, in Politik und in der Verwaltung einsetzte. Entsetzlich und perfide sei die Form der Machtausübung, unermesslich das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen, ihnen gelte das Mitgefühl der Verbände.

Der Fall mache den Macht- und Vertrauensmissbrauch durch Kleriker in der katholischen Kirche erneut sehr deutlich und berühre die Arbeit der Caritas und des KSD als kirchliche Träger. Deswegen gehe es für die Verbände auch nicht allein um die wichtige Aufarbeitung vergangener Einzelfälle. Zu oft sei im kirchlichen Kontext sexueller Missbrauch geschehen, die Zahl der Opfer, die das Gutachten benennt, sei erschreckend und fordere ein entschiedeneres Vorgehen der kirchlichen Entscheidungsträger. Beide Träger fordern zudem mehr Einfluss der vielfältigen Akteure in der katholischen Kirche, damit die klerikalen Strukturen, die Machtmissbrauch begünstigen, ermöglichen und vertuschen, sich schneller und nachhaltiger verändern.

Auch interessant

Kommentare