Tobias Tan Tihen beerbt Dr. Wiebringhaus in der Barbaraklinik

"Operieren braucht Entschlussfreude": Das ist der neue Heessener Chefarzt

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Tobias Tan Tjhen ist neuer Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der St.-Barbara-Klinik. Der 47-Jährige ist verheiratet und hat fünf Kinder. In seiner Freizeit treibt er viel Sport und spielt Klavier.

Hamm - Seit wenigen Wochen ist Tobias Tan Tjhen neuer Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der St.-Barbara-Klinik Hamm. Grund genug, ihn hier in Form eines Interview vorzustellen.

Der 47-jährige Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist der Nachfolger von Dr. Hermann Wiebringhaus. WA.de sprach mit Tan Tjhen über seinen Lebensweg und wie er die Klinik weiterentwickeln möchte:

Wollten sie schon immer Frauenarzt werden? 

Tobias Tan Tjhen: Nein, ursprünglich wollte ich Kinderarzt werden. Das war für mich nach dem Medizinstudium eigentlich klar.

Und wie kamen Sie dann zur Frauenheilkunde? 

Tan Tjhen: Ein Freund hatte mich auf eine freie Stelle in seinem Krankenhaus aufmerksam gemacht. Dort suchte man dringend einen Gynäkologen als Assistenzarzt. Da habe ich zugesagt. Der Chef dort hat mich sehr gefördert und die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Trotzdem bin ich dann doch erstmal wieder in die Kinderheilkunde gewechselt. Das war ja eigentlich mein großer Wunsch gewesen. Als Mann hatte ich mich bis dahin nie in der Frauenheilkunde gesehen.

"Meine Frau gab den Impuls"

Wie kam es dann zum erneuten Wechsel?

Tan Tjhen: Nach einem Jahr meldete sich mein alter Gynäkologie-Chefarzt und bot mir eine Stelle an. Da bin ich ins Wanken gekommen. Meine Frau hat dann den entscheidenden Impuls gegeben, als sie mir aufgezeigt hat, dass ich in der Gynäkologie viel zufriedener und glücklicher mit meiner Arbeit war.

Wie ging es dann weiter? 

Tan Tjhen: Ich habe das Angebot angenommen und als Assistenzarzt gemeinsam mit meinem Chef das Brustzentrum in Witten aufgebaut. Er ist für mich ein wichtiger Lehrmeister gewesen – auch was die Grundhaltung für das Operieren angeht. Auch wenn es sich ein wenig banal anhört, ist es doch ein Handwerk. Und das braucht eine gewisse Entschlussfreudigkeit – aber vor allem auch einen Sinn für Ästhetik.

Tobias Tan Tjhen: "Was ich hier vorfinde, bewegt sich auf einem richtig hohen Niveau."

Von dort ging ich an das Gemeinschaftskrankenhaus Witten/Herdecke. In Hagen habe ich dann einige Zeit lang den Spagat zwischen niedergelassener und stationärer Arbeit gemacht und über mehrere Stationen kam ich dann schließlich nach Dortmund. Dort habe ich als Leitender Oberarzt gearbeitet und mich im Bereich der Urogynäkologie (Anmerk. der Red.: Diagnostik und Therapie von weiblichen Beckenbodenfunktionsstörungen wie Harn- und Stuhlinkontinenz oder Gebärmuttersenkungen) und endoskopischen Verfahren spezialisiert.

"Ich traf die richtigen Leute"

Woran denken Sie gerne zurück? 

Tan Tjhen: An das Team und die Leidenschaft, mit der dort gearbeitet wurde. Und, wie es der Zufall will, habe ich dort die richtigen Leute getroffen, sodass ich angefangen habe, selbst OP-Instrumente zu entwickeln, um die OP-Techniken weiter verfeinern zu können.

Was kann man sich darunter vorstellen? 

Tan Tjhen: Zum Beispiel habe ich ein Nahtinstrument für spezielle urogynäkologische Eingriffe entwickelt. Gemeinsam mit einem Kollegen, der an der Charité tätig ist, haben wir darüber hinaus auch die OP-Verfahren weiterentwickelt.

"Ich wollte aus Dortmund nicht weg"

Und wie sind Sie dann nach Heessen gekommen?

Tan Tjhen: Mein Vorgänger Dr. Hermann Wiebringhaus hat meinen Chef gefragt, ob er nicht jemanden kennt, der seine Nachfolge antreten könnte. Das hat mir mein Chef dann gesteckt. Eigentlich wollte ich aber aus Dortmund nicht weg. Allerdings riefen in der gleichen Woche noch zwei befreundete Chefärzte an, die mir die Stelle weiter schmackhaft machten (lacht). Das hat mich dann doch neugierig gemacht und ich habe mich mit Dr. Wiebringhaus getroffen.

So einfach geht das? 

Tan Tjhen: Eigentlich schon. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch. Es hat sich richtig angefühlt. Ich gehöre zu den Menschen, die auf ihr Gefühl vertrauen und eine Gelegenheit ergreifen, wenn sie sich anbietet.

Dann haben Sie unterschrieben?

Tan Tjhen: So schnell ging das nicht. Ich habe mir Bedenkzeit erbeten und bin währenddessen mit meiner Frau inkognito in die Barbara-Klinik gefahren. Hier waren alle sehr nett, angefangen vom Empfang über die Cafeteria und auch auf der Station. Das hat die Entscheidung, nach Hamm zu gehen, bestärkt.

"In diesem Team macht es richtig Spaß"

Als Sie dann ankamen, was haben Sie angetroffen? 

Tan Tjhen: Was ich hier vorfinde, bewegt sich auf einem richtig hohen Niveau. Wir haben ein sehr gut aufgestelltes Brustzentrum mit einem gut strukturierten Team, das Hand in Hand arbeitet. Die Strukturen sind durchdacht, alle Kompetenzen sind gut abgedeckt, und in einem solchen Team macht es richtig Spaß, hier zu arbeiten. Und Spaß an und bei der Arbeit sind ganz wichtig. Wir leben alle nur einmal, das lernen wir hier täglich im Umgang mit unseren Patientinnen.

In welche Richtung möchten Sie Ihre Abteilung weiterentwickeln? 

Tan Tjhen: Den guten Ruf des Brustzentrums möchte ich gerne auf andere Fachbereiche meiner Abteilung übertragen und vor allem auch Spezialambulanzen ausbauen – so zum Beispiel für Patientinnen mit Beckenbodenfunktionsstörungen oder Endometriose, eine Unterleibserkrankung vieler Frauen. Da möchten wir die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten und den Patientinnen vertiefen. Das ist ein Bereich, in dem wir die ambulanten Strukturen mit unseren Möglichkeiten gut unterstützen und ergänzen können.

"Schmerzen unter der Geburt lindern"

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Geburtshilfe in der St.-Barbara-Klinik vor? 

Tan Tjhen: Auch in der Geburtshilfe habe ich in der St.-Barbara-Klinik sehr ausgereifte Strukturen vorgefunden, die ich gerne aufgreife. So liegt der Fokus hier sehr stark auf der Betreuung durch die Hebammen und wir gehen so weit wie möglich auf die individuellen Wünsche der Gebärenden ein.

Eine wichtige Rolle spielt dabei häufig die Linderung von Schmerzen unter der Geburt, für die wir hier möglichst maßgeschneiderte und schnell greifende Therapiemöglichkeiten anbieten. Die Gebärenden sollen sich so wohl und aufgehoben wie in den eigenen vier Wänden fühlen – allerdings mit der Sicherheit, die eine Klinik im Falle von auftretenden Komplikationen zusätzlich bieten kann. Und auch die kinderärztliche Betreuung von Neugeborenen ist nach wie vor gegeben.

"Guter Stand der Ausbildung"

Auch die Medizin leidet unter Nachwuchsmangel. Wie wollen Sie dem als Chef begegnen? 

Tan Tjhen: Das ist großes Thema und natürlich ist es angesichts des allgemeinen Nachwuchsmangels in einer Nicht-Uni-Stadt schwieriger, Studenten und Nachwuchsmediziner anzusprechen. Bislang ist meine Klinik allerdings gut aufgestellt. Wir haben einen guten Stand der Ausbildung – ich denke, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Darauf dürfen wir uns aber nicht ausruhen.

Die medizinische Behandlung ist ein Zusammenspiel aus den handwerklichen Fertigkeiten, die ein Mediziner mitbringt, und der Kommunikation mit den Patienten. Das muss früh gelernt werden. Ich habe viele Ideen, damit Studierende schon früh in den Alltag einer Station eingebunden werden. Jetzt muss ich allerdings erst einmal ankommen und die Patientinnen, Kollegen und das Umfeld kennenlernen.

"Hamm ist nicht so erdrückend"

Wie gefällt Ihnen Hamm? 

Tan Tjhen: Als ich das Angebot erhielt, bin ich mit meiner Frau von Witten - dort wohnt meine Familie noch - über Land nach Hamm gefahren. Was wir gesehen haben, hat uns erstaunt. Was mir richtig gut gefällt, ist, dass hier die Offenheit des Ruhrgebietes und das großstädtische Flair aufeinandertreffen. Dennoch liegt die Stadt am Rande des Ruhrgebietes und ist nicht so erdrückend. Außerdem bin ich schnell in der Natur.

Kurz-Infos:

  • 24 Jahre, 296 Monate, 1 291 Wochen oder 9 037 Tage – so lange war Dr. Hermann Wiebringhaus Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der St. Barbara-Klinik Hamm GmbH.
  • Seit dem 1. November ist Tobias Tan Tjhen sein Nachfolger. In Schwäbisch Hall geboren, wuchs er in Tübingen auf und studierte nach dem Abitur Medizin in München und Witten/Herdecke.
  • In der Geburtshilfe der Barbara-Klinik wurden im vergangenen Jahr 739 Geburten gezählt.

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