Nach 120 Jahren übernimmt ein Filialist

Der Letzte seiner Art: Bäcker Bönkhoff hat ausgebacken

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Paul Heinz Bönkhoff in seiner alten Backstube. Die wurde 1901 errichtet und war bis vor kurzem in Betrieb – mit jeweils aktueller Technik, versteht sich. Jetzt werden Geräte und Backstube nicht mehr gebraucht.

Heessen - Nach grob gerechnet 120 Jahren ist jetzt Schluss: Die Bäckerei Bönkhoff an der Münsterstraße hat geschlossen. Brötchen gibt es an dem Standort gleichwohl noch, denn die Bäckerei Potthoff hat das Ladenlokal übernommen.

Paul Heinz Bönkhoff

Drei Generationen hatten Bönkhoff-Bäckermeister hier gearbeitet. Das Unternehmen war eines der letzten, das keine Filialen unterhielt und die Backstube direkt hinter dem Verkaufsraum hatte. Die letzten Jahre seien schwierig gewesen, sagt Paul Heinz Bönkhoff. Die Kostenstruktur habe sich so entwickelt, dass man ohne Filialen eigentlich kaum noch überleben könne. Und der Nachwuchs fehle seit Langem. Und doch ist er auch stolz: „Die letzten Brötchen, die ich verkauft habe, habe ich genauso gemacht wie unsere Bäckerei das vor 30 oder 40 Jahren auch gemacht hat.“ Das heißt: das Brötchen war handgeschnitten und bestand aus dem gleichen Teig.

Haus an der Münsterstraße 1901 gebaut

Im Jahr 1901 wurde das Haus an der Münsterstraße von Paul Heinz Bönkhoffs Urgroßvater gebaut – samt Laden und Bäckerei im Hof. Einer bruchlosen Bäckertradition stand allerdings der Erste Weltkrieg im Wege: Zwei seiner drei Söhne seien gefallen, und der dritte – Paul Heinz Bönkhoffs Großvater – habe kein Interesse am Bäckerhandwerk gehabt. Daher habe seine Familie Laden und Backstube von 1930 bis 1949 vermietet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Bönkhoffs Vater Josef wieder ein. Zurück aus britischer Kriegsgefangenschaft stand er vor der Frage: Was tun? Er entschied sich für eine Bäckerlehre, machte schon in jungen Jahren seinen Meister und belebte die Bönkhoff-Tradition an diesem Standort neu.

Die Bäckerei Potthoff hat das Ladenlokal von Bönkhoff an der Münsterstraße übernommen.

Paul Heinz Bönkhoff, Jahrgang 1953, lernte bei seinem Vater. „Ich habe nie auswärts gearbeitet“, sagt er. Bereut hat er diesen Entschluss nie. „Es war schwer, als junger Mann ins Bett zu gehen, wenn andere feiern“, sagt er, „besonders freitags, wenn ich schon um 22 Uhr anfangen musste.“

Mit 24 Jahren macht er seine Meisterprüfung, setzt später einen „Betriebswirt des Handwerks“ drauf und engagiert sich in Innung und Ausbildung: Als Sachverständiger für das gesamte Backhandwerk ist er tätig, und er arbeitet im Gesellen- und Meisterprüfungsausschuss mit. Ab 1989 ist er Chef. „Wir hatten hier schon glorreiche Zeiten“, sagt er.

Zweite Leidenschaft gehört dem Tennis

Neben seinem Beruf gilt seine Leidenschaft dem Tennis, er spielt auch in höheren Ligen. Seit einer Knieverletzung spiele er nur noch Doppel und hat das Rennrad als neue Leidenschaft entdeckt. Aber vielleicht wird sein Knie besser, wenn er sich im Ruhestand mehr darum kümmern kann – und dann klappt’s vielleicht auch wieder auf dem Tennisplatz.

Seit zehn Jahren keine Bewerbungen mehr

Ab dem Ende der Neunzigerjahre wird es wirtschaftlich schwieriger – in mehrfacher Hinsicht. Da ist zum einen der Nachwuchs – niemand will mehr Bäckerin oder Bäckereifachverkäufer werden. „Früher hatte ich sechs oder sieben Bewerbungen im Jahr“, sagt Bönkhoff, „seit zehn Jahren kommen gar keine mehr.“ Es sei schwer geworden, gute Mitarbeiter zu finden. Und einen Nachfolger habe er auch nicht in der Familie. „Das verstehe ich auch“, sagt Bönkhoff, „als Bäckermeister hat man viele Entbehrungen – es gibt angenehmere Jobs.“

Zum anderen: Auch der Markt hat sich verändert. Wenn Discounter Backwaren anbieten, überleben Bäcker nur, wenn sie Filialen eröffnen: „Wenn Sie von zehn Quadratmetern Backfläche nur drei füllen, haben Sie fast die gleichen Kosten, wie wenn Sie die ganze Fläche füllen“ sagt Bönkhoff. Er habe aber die Investition gescheut: „Ich hätte viel Geld in die Hand nehmen müssen, um Filialen zu eröffnen.“

Die letzten Brötchen so gut wie die ersten

Aber nicht alles sei schlechter geworden. Nachdem vor zehn, zwanzig Jahren Bäckereien zunehmend auf Backmischungen gesetzt hätten, gebe es mittlerweile den Gegentrend: Viele Bäckereien stellen wieder ihre eigenen Mischungen her. Das steigere die Qualität. Er habe die ganzen Jahrzehnte über den Teig selbst gemacht. Deswegen waren seine letzten Brötchen so gut wie die ersten.

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