Jungtier am Heessener Wald gefunden

So kompliziert kann die Rettung eines Waldkauzes sein

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Immer an den Beinen halten: Alexandra Willner bringt den geretteten Waldkauz zum Auswildern zurück in den Heessener Wald.

Heessen - Eigentlich sollte es nur ein Spaziergang am Heesener Wald werden, dann stieß Alexandra Willner auf einen jungen, hilflosen Waldkauz. Was tun? Hier gibt es die Antwort!

Theo will aus den Brennnesselbüschen nahe des Heessener Waldes gar nicht mehr weg. Der Hund schnüffelt, dringt immer tiefer in die Brennnesseln ein und ist unruhig – so lange, bis seine Halterin Alexandra Willner mal nachschaut, was da ist. Und sie findet einen Vogel, der zwar offensichtlich Angst hat, aber auch nicht wegfliegt. Nicht wegfliegen kann. 

„Er saß da und bewegte nur die Augen“, sagt Willner, „ich dachte, er liegt in den letzten Atemzügen.“ Erst geht sie mit ihrem Lebensgefährten Carsten Altwasser ein paar Schritte weiter – aber dann bleibt die Tierliebhaberin stehen: „Ich konnte den doch nicht einfach da sitzen lassen...“ Beide holen ihre Smartphones raus. Trotz schlechter Verbindung – ein paar Schritte näher am Heessener Dorf ist der Empfang besser – recherchieren sie.

Experten am Sonntag nicht zu erreichen

Alt findet heraus, welcher Vogel dort in den Brennnesseln sitzt: vermutlich ein Waldkauz. Willner googelt nach Natur- und Vogelschützern. Das Problem: Es ist Sonntag, und bei keiner der Telefonnummern hebt jemand ab. Irgendwann stößt sie auf Regina Krautwurst, eine Tierschutzexpertin in Werl – und die ist zuhause, kennt sich mit Vögeln aus und kann den Kauz aufnehmen.

So lässt sich ein Vogel aufnehmen

Krautwurst ist Mitvorsitzende von „Kitina“, ein Verein für Wildtierschutz, der auch Tiere aufnimmt und gesund pflegt. „Als Frau Willner anrief, war sie ganz aufgeregt – da liegt ein Vogel auf Rücken, sagte sie, und regt sich nicht mehr“, berichtet Krautwurst, „und dann habe ich ihr erklärt, wie sie den Vogel aufnehmen und transportieren kann.“ Und das geht so: Decke drüberwerfen und den Vogel an den Beinen packen. Denn: „Viele Vögel wehren sich durch Schlagen mit den Füßen, und das kann sehr weh tun.“ 

So ist der Plan

Erst spät am Abend kommen Willner und Altwasser bei Regina Krautwurst in Werl an. Die Expertin schaut sich den Waldkauz noch am gleichen Abend genau an: Sie findet keine Verletzungen, die Reflexe funktionierten, der Ernährungszustand ist „zwar nicht top, aber gut“, es ist ein junger Vogel. Wurmkur, aufpäppeln, wieder aussetzen – so ist der Plan.

Waldkauz ist beringt

Allerdings entpuppt sich das Aussetzen als etwas komplizierter. Der Waldkauz ist beringt, die Vogelwarte auf Helgoland, zuständig für den norddeutschen Bereich, kann die Nummer auf dem Ring auch zuordnen – will aber die Telefonnummer des Beringers nicht rausgeben: Datenschutz. Aber nur er weiß, wo der Vogel wieder ausgewildert werden muss. Man einigt sich darauf, dass Krautwurst ihre Telefonnummer an die Vogelwarte und die sie dann weiter an den Beringer gibt. 

Nistplatz Nummer 83

Der Beringer heißt Frank Ruhnke, arbeitet mit Alfons Nagel zusammen, der diesen Job seit Menschengedenken in Hamm und Umgebung macht, und er weiß schnell, wo die Eltern des Kauzes hausen: im Nistplatz Nummer 83 in einem Wäldchen unmittelbar am Heessener Wald. Als Frank Ruhnke, Alexandra Willner und Carsten Altwasser sich treffen, ist alles sehr unkompliziert. Mit dem Auto an den Waldrand, zu Fuß in den Wald, Ruhnke hat dabei seine lange Ausziehleiter auf der Schulter. Die legt er an dem Baum an, an dem der Nistkasten 83 hängt, greift sich den Greifvogel und bringt ihn nach Hause. Die Eltern sind gerade nicht da. Und: Sie werden den Jungvogel wieder annehmen.

Wieder daheim: Beringer Frank Ruhnke setzt den jungen Waldkauz wieder in das Nest.

Wie viele Artgenossen können sie nicht riechen und merken gar nicht, dass ihr Nachwuchs weg war und andersartigen Kontakt hatte. Alexandra Willner dagegen hat sich in den Jungvogel verliebt und macht sich Sorgen: Was, wenn er wieder zu weit wegläuft von seinen Eltern?

Ästlinge lassen sich fallen

Ein Waldkauz verlässt in einem Alter von 29 bis 35 Tagen die Bruthöhle. Beim Sprung aus der Höhle fallen viele Waldkauzjungen auf den Erdboden. Sie versuchen dann, laufend zu einem Gestrüpp oder einem dickborkigen Baum zu kommen, an dem sie hochklettern können. Als sogenannte Ästlinge werden sie dort von den Elternvögeln versorgt. Ästlinge sind noch nicht flügge gewordene Jungvögel, die Nest oder Bruthöhle zwar verlassen haben, jedoch auf Ästen sitzend von den Altvögeln weiterversorgt werden. Im Besonderen wird der Terminus bei Greifvögeln und Eulen angewendet

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