Ansturm auf Ärzte

Hausärzte impfen gegen Corona: So lief der erste Tag in den Hammer Praxen - Telefonanlagen zusammengebrochen

In die bisher schleppende Impfkampagne soll mehr Dynamik kommen. Daher verabreichen seit Dienstag auch die Hausärzte in Hamm Corona-Impfungen in ihren Praxen.

Hamm - Die Nachfrage war seit der Ankündigung vor Ostern so groß, dass teilweise die Telefonanlagen ausfielen. Drei Ärzte aus Hamm erzählen. (News zum Coronavirus in Hamm)

StadtHamm
BundeslandNordrhein-Westfalen
Einwohner179.111 (2019)

Für den Internisten Dr. Andreas Kilhey war der Mittwoch ein stressiger Tag. Am Nachmittag wurde in der Gemeinschaftspraxis an der Ostenallee zum ersten Mal gegen das Coronavirus geimpft. 60 Impf-Dosen Biontech wurden in die Praxis geliefert. Verimpfen können hätten sie viel mehr „Die Nachfrage ist riesengroß“, sagt Kilhey.

Corona in Hamm: Verunsicherung über Astrazeneca - Ärzte klären auf

Das Telefon stand in der Praxis nicht still, nachdem klar war, dass nach Ostern auch die Hausärzte mit in die Impfkampagne eingebunden werden. Zahllose Fragen rund ums Impfen mussten er, seine Kollegen und die Mitarbeiter beantworten. Viele Patienten seien aufgrund des Durcheinanders rund um den Impfstoff von Astrazeneca verunsichert gewesen. „Hier konnten wir aufklären“, sagt Kilhey.

In der Praxis habe er mit seinen beiden Kollegen eine Rangliste erstellt und dabei festgelegt, welche Patienten im ersten Impfgang an die Reihe kommen und welche vertröstet werden mussten. Kilhey: „Das waren nicht immer leichte Entscheidungen.“ Berücksichtigt haben sie in der Praxis Menschen im Alter von über 80 Jahren und chronisch Kranke.

Der Impfstoff ist bereits am Dienstag über eine Apotheke geliefert worden. Am Vormittag wurde er aufbereitet und am Nachmittag kamen die Patienten, die einen Termin für die Impfung erhalten hatten.

Impfen beim Hausarzt: Am Mittwochnachmittag kümmerten sich Dr. Andreas Kilhey und Iris Sudohl um die Corona-Vorsorge. Notburga Schulte war froh über den Pieks in den Oberarm.

Für die kommenden Woche hat die Gemeinschaftspraxis wieder 60 Dosen bestellt – ebenfalls von Biontech. Welche Vakzin danach geliefert wird, steht noch nicht fest. „Darauf haben wir keinen Einfluss“, so Kilhey.

Corona in Hamm: Telefonanlagen brechen zusammen

In der Praxis von Dr. Carsten Grüneberg ist direkt nach Ostern die Telefonanlage zusammengebrochen. „Nachdem bekannt wurde, dass die Hausärzte impfen dürfen, haben viele meiner Patienten über alle Kanäle versucht, einen Termin zu bekommen“, sagt der Mediziner. Nach der Impfverordnung müssen chronisch kranke Patienten bevorzugt werden.

„Wir haben vor allem Patienten geimpft, die vor einer Chemotherapie stehen und nicht krank werden dürfen.“ 24 Dosen hat die Praxis an der Neufchateaustraße erhalten.

Am Mittwochnachmittag – außerhalb des normalen Praxisbetriebes wurde das Vakzin von den Ärzten verimpft. „Ich habe in dankbare und glückliche Augen geschaut“, sagt Grüneberg am Abend. In der kommenden Woche werden der Praxisgemeinschaft weitere 24 Impfdosen geliefert.

Corona in Hamm: Hoffen auf mehr Impfstoff

Grüneberg hofft, dass Mitte April mehr Dosen zur Verfügung stehen. Nach einem Jahr Pandemie seien die Menschen ungeduldig und hofften, dass es jetzt sofort losgeht, hat Grüneberg festgestellt.

Die Freude über das Impfen sei allerdings durch den bürokratischen Aufwand, der mit der Corona-Impfung verbunden ist, getrübt. So könnte seine Praxis die Kosten noch nicht abrechnen, weil die Abrechnungsstellen nicht in das System eingepflegt sind. „Das ist nervig“, so Grüneberg. Zudem müsse jeder Vorgang seitenweise dokumentiert werden. Das sei zeit- und nervenaufreibend.

Corona in Hamm: 18 Patienten in eineinhalb Stunden geimpft

Bei Dr. Matthias Bohle hatten sich bereits über 100 Patienten per E-Mail für die Warteliste gemeldet, bevor am Dienstag 36 Impfdosen in seine Praxis geliefert wurden. Die Hälfte davon verimpfte er am Mittwoch bereits – im Eiltempo von eineinhalb Stunden. Am Freitagmittag wird er dann die nächsten 18 Dosen verabreichen, sechs davon bei Hausbesuchen.

Für die kommende Woche hat Bohle 50 Einheiten bestellt. „Wahrscheinlich werden weniger geliefert, weil einige Kollegen wegen ihres Urlaubs im Moment noch nicht impfen“, mutmaßt er. Um möglichst vielen seiner Patienten zumindest den Basisschutz der Erstimpfung zu ermöglichen, wird er keinen Impfstoff für Zweitimpfungen zurückhalten.

Als erstes sind auch bei Bohle diejenigen dran, die über 80 Jahre alt oder aktuell von einer Chemotherapie betroffen sind. „Ich habe mir Gedanken gemacht, bei wem es knapp werden könnte, wenn er sich infiziert“, sagt der Vorsitzender des Ärztevereins in Hamm.

Corona in Hamm: Menschen sind „gallig aufs Impfen“

Schon am Mittwoch war allerdings Improvisation gefragt. Als eine Patientin kurzfristig doch nicht geimpft werden konnte, rief Bohle spontan einen Patienten zurück in die Praxis, der erst am Vormittag aus anderen Gründen bei ihm war und alle Impf-Kriterien erfüllte. „Der ist zu Hause natürlich sofort wieder in den Bus eingestiegen und hat sich gefreut, doch schon dran zu kommen. Viele waren auch schon deutlich vor dem eigentlichen Termin da, weil sie so gallig aufs Impfen waren.“

Dass nun endlich auch die Hausärzte zumindest langsam mit dem Impfen loslegen können, sei überfällig gewesen. „Wir kennen die Lebensbedingungen unserer Patienten und wissen, wer zum Superspreader werden könnte, weil er beruflich viel unterwegs sein muss“, erklärt Bohle. „Als Staat kannst du das nicht leisten und musst dich an formalistische Kriterien halten. Wir haben da mehr Freiheit und sind näher an der Lebensrealität der Menschen.“

Corona in Hamm: Gesamt-Überblick fehlt noch

Wie viele Impfdosen in den Hausarztpraxen in Hamm am Mittwoch insgesamt bereits verabreicht wurden, blieb unklar. Auch, wie viele Hausärzte tatsächlich Corona-Impfungen durchführen, war nicht zu ermitteln. Wer schon jetzt impfberechtigt ist, sollte sich für einen Termin beim eigenen Hausarzt melden. Sollte der nicht impfen, kann gegebenenfalls ein Vertreter benannt werden.

Rubriklistenbild: © Bruse, Frank

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