Coronakrise wirkt sich auf heimische Landwirtschaft aus

Harte Zeiten auch für Landwirte: Zu viele Tiere, zu wenig Gewinn

Schweine in einem Schweinestall stehen eng beieinander Auswirkungen Coronakrise auf Landwirte in Hamm
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Da wird es eng im Stall: Weil die Schlachthöfe wegen Corona geschlossen waren, sind einige Bauern ihre Ferkel nicht losgeworden.

Mehr als die Hälfte der Fläche in Hamm wird landwirtschaftlich genutzt. Doch vielen Hammer Landwirten geht es schlecht - insbesondere den Schweinebauern.

Hamm – In einem Punkt hatten es die Hammer Landwirte im vergangenen Jahr gut – im Stall und an der frischen Luft war die Chance, sich mit dem Corona-Virus anzustecken deutlich geringer als in engen Büroräumen. Doch die Auswirkungen haben auch sie getroffen, manche mehr als andere.

„Die Auswirkungen von Corona waren zu Beginn massiv“, sagt Stefan Gerkamp. Der 44-Jährige ist Ferkelerzeuger in Heessen. „Als die Schlachthöfe geschlossen wurden, sind wir unsere Ferkel nicht mehr losgeworden. Normalerweise verkaufen wir sie, wenn sie 27 Kilo wiegen, jetzt hatten sie teilweise 38 Kilo. Da wird es im Stall schnell eng.“ Darunter leidet natürlich auch der Gewinn. (News zum Coronavirus in Hamm).

Kein leichtes Jahr: Ferkelerzeuger Stefan Gerkamp hat auf seinem Hof in Heessen rund 2 800 Tiere.

Mehr als die Hälfte des Hammer Stadtgebiets wird landwirtschaftlich genutzt, das zeigen Zahlen des Landesbetriebs IT NRW. Es gibt 245 landwirtschaftliche Betriebe in der Stadt. Wie viele im Haupt- und wie viele im Nebenerwerb arbeiten, zeigt die Statistik nicht. Zudem stammt die Zahl von 2016, eine aktuellere ist nicht verfügbar.

Gerkamp hat den Betrieb in Heessen vor zehn Jahren übernommen. Für ihn ist es normal, dass die Preise für die Tiere schwanken. Doch so gering wie aktuell habe er es noch nie erlebt, erzählt er. „Vor Corona lag der Grundpreis für ein Ferkel bei 82 Euro, jetzt ist er bei 22 Euro. Um Gewinn zu machen, brauche ich allerdings 56 Euro pro Ferkel“, erklärt der Landwirt.

Jeder weiß um die Situation des anderen und keiner nutzt sie aus.

Stefan Gerkamp

Dennoch habe er noch großes Glück: Gerkamp beliefert regionale Bauern, zu denen er ein gutes Verhältnis hat. „Jeder weiß um die Situation des anderen und keiner nutzt sie aus“, sagt er. Zudem haben die Bauern Verträge mit Schlachthöfen, die ihnen weitere Tiere abkaufen. „Anderen Betrieben geht es da deutlich schlechter“, sagt er.

Bauer hofft, dass Produkte wertgeschätzt werden

Aktuell lebt der Schweinebauer von seinen Rücklagen. „Das ist, als würde ich jedes Mal Eintritt bezahlen, wenn ich den Stall betrete“, erklärt er. Mit jedem Schwein verliert er in etwa so viel Geld, wie ein Kinobesuch kostet. Natürlich hofft er auf eine baldige Besserung der Situation. Dazu könne jeder beitragen: „Ich wünsche mir, dass die Bevölkerung die Produkte mehr achtet und wertschätzt. Wenn auf ganzer Linie mehr Akzeptanz da wäre, dann könnte man andere Verhältnisse schaffen“, sagt er. Und dann müsste Gerkamp bald kein Geld mehr zahlen, um weiter arbeiten zu können.

Ein negatives Fazit zieht auch der Landwirtschaftliche Kreisverband Ruhr-Lippe. „Geschlossene Schlachtbetriebe, der Ausfall der Gastronomie und die Afrikanische Schweinepest haben die Tierhalter, vor allem die schweinehaltenden Betriebe, in eine Krise gestürzt“, sagt deren Vorsitzender, Hans-Heinrich Wortmann.

Situation auf vielen Höfen extrem angespannt

Die aktuell ruinösen Erzeugerpreise für Schlachtschweine und Ferkel seien vielfach existenzbedrohend. Auch der Milchpreis befinde sich auf einem nach wie vor zu niedrigen Niveau. Dazu schwäche eine Reihe politischer Entscheidungen, wie die Verschärfung der Düngeverordnung und das geplante Insektenschutzgesetz, die heimische Landwirtschaft. Die Situation auf vielen Höfen sei extrem angespannt, heißt es in einer Mitteilung.

Deutlich besser fällt die Bilanz des Hofs Kottmann in Bockum-Hövel aus. Auch der Milchbauer hat zwar unter den Preisschwankungen gelitten, doch durch den Lockdown wurde der Hofverkauf angekurbelt. „Die Leute sind viel zu uns gekommen, weil sie hier kontaktlos einkaufen konnten“, berichtet Matthias Kottmann. In einer Holzhütte stehen dort Milch, Eier, Fleisch und andere Lebensmittel zum Kauf bereit. Durch die Steuersenkung konnten die Landwirte in einen Melkroboter und ein Hühnermobil investieren.

Das persönliche Highlight von Matthias Kottmann war allerdings die weihnachtliche Treckeraktion. „Es war toll, zu sehen, wie sehr sich die Leute gefreut haben“, sagt er.

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