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Scharfes Werkzeug für das Ahrtal: Hans-Peter Breer aus Hamm leistet mit altem Handwerk echte Hilfe

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Von: Peter Körtling

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Die Schmiede bei der Arbeit.
Flammen, Hitze, schwere Arbeit: Die Schmiede bei der Arbeit. © Soll

Hans-Peter Breer übt seit zwei Monaten ein ebenso aufreibendes wie hilfreiches Ehrenamt aus: Er ist einer der vielen ehrenamtlichen „Ahrtal-Schmiede“, die den Menschen in der Flutregion bei der Selbsthilfe Unterstützung geben. 

Hamm/Dernau - In der Ahrtal-Schmiede helfen Menschen aus ganz Deutschland, indem sie mit ihrem Können dringend benötigte Stemm-Meißel und andere Werkzeuge aufarbeiten und für die Handwerker vor Ort gangbar halten.

„Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man dort helfen kann“, sagt der 51-Jährige. Die Eindrücke vor Ort seien bis heute ein Wechselbad der Gefühle. Wenn man das selbst erlebt habe, wolle man immer weitermachen. Vor zwei Monaten war er zum ersten Mal im Ahrtal und hat ohne viel zu fragen mit angepackt. „Ich habe in meiner Ausbildung zum Industriemechaniker noch Schmieden gelernt, und das ist dort gefragter denn je“, so Breer. Tag für Tag stumpfen bis zu 500 Stemm-Meißel bei der harten Arbeit im Ahrtal ab, und er sowie seine 50 bis 60 ehrenamtlichen Kollegen arbeiten diese in kürzester Zeit wieder fachgerecht auf. „Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer schwankt natürlich“, so Breer. Zumeist seien sechs bis acht Schmiede parallel da.

Von den Spendengeldern sei nichts angekommen

„Das ist nicht so einfach, denn jedes Stück muss nachgeschmiedet, gehärtet und geschärft werden“, sagt Breer. Wenn das nicht richtig gemacht wird, so ist der Meißel nicht nur schnell wieder stumpf, sondern kann sogar bei der Arbeit brechen. „So ein Unfall kann lebensgefährlich sein“, erklärt der Fachmann. Obwohl seit der Katastrophe am 15. Juli so viele Monate vergangen sind, kann dort noch lange nicht von Alltag gesprochen werden, er klärt Breer. „Das gröbste an Schlamm wurde inzwischen beseitigt, aber die Häuser sind im Erdgeschoss noch am Trocknen, von den Spendengeldern ist nichts angekommen, und vieles wirkt auf die, die zum ersten Mal dort sind, immer noch gespenstisch“, so Breer.

Er hat nach seiner Ausbildung als Wagenmeister bei der Bahn gearbeitet, bevor er selbst Ausbilder wurde. Als er dann im Ahrtal eine weggerissene Eisenbahnbrücke gesehen hat, sei ihm gleich klar geworden, welch ungeheure Gewalt die Fluten hatten. „Natürlich gibt es mehrere Regionen, die von der Flutkatastrophe schwer betroffen sind“, so Breer. Doch in diesem schmalen Tal, wo viele Opfer zu Tode kamen und Tausende buchstäblich alles verloren hätten, da sei es doch etwas ganz Besonderes geschehen.

Ein Weihnachtsbaum aus Eisen geschmiedet

Die Schmiede habe ihren Platz einmal verlegen müssen und liege jetzt an der Bundesstraße bei Dernau. Eine besondere Hilfe sei die Unterstützung durch viele Schmiede-Zulieferer. Einmal hätten sie einen Berg von Hufeisen bekommen. Das sei ein Glückssymbol gewesen und dringend benötigter Rohstoff. 

ein Weihnachtsbaum aus Hufeisen
Stolz: Ahrtal-Schmied Hans-Peter Breer zeigt selbst gefertigte Kunstgegenstände – hier ein Weihnachtsbaum aus Hufeisen. © Körtling

Immer wieder erlebten Breer und seine Mitstreiter besondere Momente, die nichts primär mit Werkzeug zu tun haben: „So stand einmal eine Frau mit einem völlig verbogenen Messing-Kronleuchter da und fragte, ob der irgendwie zu retten sei“, sagt Breer. Dieser Kronleuchter sei das einzige gewesen, das ihr aus ihrem Leben vor der Katastrophe geblieben sei. Sonst habe sie alles verloren. Er sagte, da könne er nichts garantieren, doch bis auf einen winzigen Riss konnte er das symbolträchtige Stück retten. Die Schmiede haben auch einen Weihnachtsbaum aus Eisen geschmiedet, den sie den Menschen im Tal für eine Weihnachtsfeier zur Verfügung stellten. Dazu kommen gelegentlich, wenn es die Zeit hergibt, Kunsterzeugnisse. Diese werden versteigert oder gegen Spenden abgegeben.

Ahrtal-Schmiede hat ein eigenes Lied

„Damit werden die Kosten für den Betrieb der Hütte und Schmiede gedeckt und weitere Spenden generiert“, so Breer. Ein Höhepunkt war ein eisernes Kreuz, in dem ein Schmiedenagel für jeden Verstorbenen der Katastrophe getrieben war. Das konnte bei einer Auktion für 24.000 Euro versteigert werden. Trotz allem ist das nur immer ein kleiner Schritt angesichts des Elends. Er habe von einer Freundin von dieser besonderen Hilfe erfahren und sei dieser sehr dankbar: „Das Miteinander ist schier unglaublich. Wir haben sogar ein eigenes Ahrtal-Schmiede-Lied, und so lange die Feuer brennen, besteht Hoffnung“, sagt Breer. Er habe seine Ferien dort verlebt und im Auto geschlafen, eine junge Schmiedin habe ihre Meisterprüfung verschoben, um weiter vor Ort bleiben und helfen zu können – es sei einfach unglaublich, diese dringend benötigte Hilfe leisten zu können. 

Von den Spendengeldern ist nichts angekommen, und vieles wirkt auf die, die zum ersten Mal dort sind, immer noch gespenstisch.

Hans-Peter Breer

Parallel dazu werde auch auf anderer Weise geholfen: „Gestern habe ich noch einen Anruf bekommen, dass jemand zwei Elektro-Herde abzugeben hätte“, so Breer. Das sei sehr gut, denn dort könne wirklich alles gebraucht werden. Ob Heizkörper, Mobiliar oder warme Kleidung, alles sei Mangelware. Einmal sei eine Dame gekommen, die aus dem Geschäft ihres verstorbenen Vaters hochwertige, warme Lederwesten abgegeben hat. „Die waren richtig teuer, aber da steht nur im Mittelpunkt, dass sie strapazierfähig sind und warmhalten“, so Breer. Von den kleinen Geschichten gibt es viele, so etwa als Helfer unter Schutt einen Kinder-LKW gefunden hatten. 

Helfer bleiben so lange, wie es nötig ist

Der wurde gereinigt und im Internet die Besitzer gesucht. Tatsächlich meldeten sich diese: „Das Kind der Familie hatte bis zuletzt versucht, das Wasser aus dem Haus zu bringen. Nun ist dieses Spielzeug das Einzige, was ihnen von früher geblieben ist. Auch wenn wir für die Schmiede von keiner Stelle Geld bekommen, wir bleiben, so lange es notwendig ist“, so Breer. Inzwischen ist er wieder im Ahrtal und verbringt seine Feiertage dort.

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