Bewährung statt Haft für Bus-Schlägerin

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Das Berufungsgericht gab der 22-Jährigen die Chance auf ein straffreies Leben.

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach einer ungemein brutalen Attacke in einem Linienbus ist die Angreiferin unter strengen Auflagen im Berufungsverfahren zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Das Jugendschöffengericht in Hamm hatte die zur Tatzeit 20-jährige im April vergangenen Jahres noch zu einem Jahr Jugendhaft verurteilt.

Hamm - Dieses Strafmaß wurde mit dem Urteilsspruch nun auf zwei Jahre zur Bewährung umgewandelt. Die Berufungsrichter am Dortmunder Landgericht unter Vorsitz von Dr. Alexander Donschen sahen so viele positive Entwicklungen im Leben der jungen Frau, dass sie ihr die Chance geben wollten, ein straffreies Leben mit regelmäßigen Drogen- und Alkoholkontrollen, therapeutischen Gesprächen und Begleitung durch einen Bewährungshelfer zu führen. 

Staatsanwaltschaft, Jugendgerichtshilfe und Verteidigung hatten wegen der positiven Entwicklung eine Bewährung beantragt. Das Gericht folgte dem Antrag. 

Die hochschwangere Frau mit adrettem Pferdeschwanz und modischer Streifenbluse passte von der äußeren Erscheinung her so gar nicht zu der zur Tatzeit stark angetrunkenen und wohl auch unter Drogen stehenden Angreiferin. Diese hatte im Streit um einen Sitzplatz am 18. August 2018 in einem Pendelbus nach einer Veranstaltung im Maxipark mehrere Fahrgäste verletzt, eine ältere Frau sogar krankenhausreif geschlagen. 

„Ich habe bis heute Alpträume, traue mich nicht mehr alleine in öffentliche Verkehrsmittel“, schilderte die mittlerweile 70-jährige als Zeugin die Folgen des Gewaltexzesses durch die junge, ihr völlig unbekannte Angreiferin. Durch Tritte und Schläge der offenbar völlig ausgerasteten Frau erlitt die Rentnerin eine Gehirnerschütterung, eine Platzwunde am Kopf sowie eine Prellung am Brustkorb, musste sich zudem mit schlimmsten Ausdrücken beleidigen lassen. 

Auch ihr Ehemann, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn, die der völlig panischen und wehrlosen Seniorin zu Hilfe eilen wollten, wurden durch die stark angetrunkene und enthemmte Angreiferin durch Bisse und Tritte verletzt und mussten ambulant versorgt werden. Offenbar hatte es zwischen den Fahrgästen Streit um einen Sitzplatz gegeben, den die Seniorin für ihren gesundheitlich eingeschränkten Ehemann freihalten wollte. Dabei rastete die seit Jahren Drogen konsumierende junge Frau völlig aus. 

„Sie hat bei der Tat ihren Lebensfrust und ihre Wut an der Rentnerin und deren Begleitern ausgelassen, zeigte sich gegenüber ihrem betagten Opfer völlig respektlos und gewalttätig“, fasste Richter Donschen in der Urteilsbegründung die desolate seelische Verfassung der brutalen Angreiferin zusammen. 

Angesichts der massiven Folgen für die Gewaltopfer könne man durchaus Verständnis dafür haben, dass diese die Entschuldigung der Angeklagten nicht annehmen mochten. Noch in der ersten Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht Hamm hatte sich die mehrfach vorbestrafte Hammerin uneinsichtig gezeigt, kein Wort des Bedauerns für ihr brutales und ehrverletzendes Verhalten geäußert. 

Im zweiten Prozess vor dem Dortmunder Landgericht dann die von vielen Tränen begleitete und glaubwürdig wirkende Kehrtwende: Die mittlerweile 22-jährige werdende Mutter akzeptierte das vom Amtsgericht Hamm festgestellte Tatgeschehen. In der Berufungsverhandlung bat sie ihr 70-jähriges Opfer um Entschuldigung. Die Seniorin nahm diese allerdings nicht an. 

Mittlerweile lebt die junge Frau nach eigenen Angaben drogenfrei, ist in therapeutischer Behandlung und wird betreut von Mitarbeitern des Jugendamtes und einer Mutter-Kind-Einrichtung. Von ihrem alten Bekanntenkreis hat sie sich losgesagt, vom Vater des Kindes getrennt. „Ich möchte meinem Kind eine bessere Mutter sein als ich es erlebt habe“, schilderte sie reuig ihre Motivation, aus eigener Kraft einen straffreien und drogenfreien Neuanfang für ihr Kind zu schaffen.

Hintergrund zum Verfahren

Die lange Zeit zwischen Tat, erstinstanzlichem Urteil und Berufungsverhandlung ist nicht ungewöhnlich, das Urteil auch nicht. 

Mancher Angeklagte nutzt die Zeit, um an sich zu arbeiten. Das hat die 22-Jährige nach Auffassung des Gerichts getan. Beurteilt wird in der Berufung nicht allein die Tat, sondern das aktuelle Täterbild. Und dies lässt laut Gericht – flankiert von strengen Auflagen – eine günstige Prognose zu. 

Eine Schwangerschaft allein reicht dabei nicht als Argument für eine Bewährungsstrafe. Der Wille zur Veränderung muss insgesamt glaubhaft und auch belegbar sein. 

Bleibt die junge Frau in ihrer Bewährungszeit nun ohne Verstöße, ergeht nach Ende ein Beschluss auf Straferlass. 

Im Jugendstrafrecht steht grundsätzlich der erzieherische Gedanke im Vordergrund. Aufgrund der Schwere einer Tat oder wenn andere Maßnahmen nicht mehr greifen, kann allerdings auch eine Jugendhaftstrafe verhängt werden. 

Für die Opfer, die nach einer Tat häufig unter massiven psychischen Problemen leiden, sind gerichtliche Entscheidungen wie diese oft schwer oder gar nicht nachvollziehbar. Aufgrund der sehr engen Auflagen und der Bewährung ist die Täterin aber kein freier Mensch, sondern steht unter ständiger Aufsicht. Und gerät sie mit dem Gesetz in Konflikt, muss sie ihre volle Strafe antreten.

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