1. wa.de
  2. Hamm

Verein hilft gewaltbereiten Jugendlichen - und zwar so...

Erstellt:

Von: Frank Osiewacz

Kommentare

Ibrahim Isamail (links) und Werner Bergerbusch helfen Jugendlichen.
Ibrahim Isamail (links) und Werner Bergerbusch helfen Jugendlichen. © Reiner Mroß

Der Verein Padaia gibt kriminellen Jugendlichen eine neue Perspektive. Der Vorsitzende Ibrahim Ismail und Werner Bergerbusch vom Hammer Jugendamt erklären, wie das geht.

Hamm – Der Verein arbeitet unaufgeregt, weitgehend abseits der Öffentlichkeit und offenbar höchst effektiv. So ist es schriftlichen Berichten und den Ausführungen des Vorsitzenden Ibrahim Ismail zu entnehmen. Paidaia mit Sitz am Sachsenweg in Heessen bringt – salopp gesagt – auffällige und kriminelle Jugendliche zurück in die Spur. Die Arbeit mit kriminellen Jugendlichen und Intensivtätern ist neben anderen Angebotsfeldern eines von mehreren Standbeinen des Vereins. Mehrfach ist Paidaia für die Stadt tätig gewesen, und diese ist voll des Lobes für die geleistete Arbeit. Aber wie lassen sich kriminelle Jugendliche läutern, denen vorher so ziemlich alles egal war?

Jugendliche Täte im Bahnhofsviertel

Rückblende: Im Februar 2018 stellen Stadt, Polizei, Bahn und Politik das Präventionskonzept für das Bahnhofsviertel vor. Mit im Fokus: rund 30 auffällige und kriminelle Jugendliche rund um den Bahnhof und in der Zentralbibliothek. Teils handelt es sich um sogenannte Intensivtäter – und -täterinnen. Irgendwann – nach dem Einsatz von Paidaia – ist die Gruppe verschwunden.

Im März 2021 sorgt wieder eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen – der Jüngste ist gerade zwölf Jahre alt – für negative Schlagzeilen. Sie kesseln in der Innenstadt zwei Mädchen ein, berühren sie unsittlich. Zwei Tage später prügeln einige von ihnen an der „Insel“ auf einen Busfahrer ein. Auf der Polizeiwache geben sich die mutmaßlichen Täter unbeeindruckt, markieren in ihren jungen Jahren den dicken Max. Aber auch diese Gruppe wird in ihrer Struktur keinen Bestand haben. Auch hier heißt die Lösung Paidaia.

Die Stadt arbeitet mit mehreren Trägern zusammen

Der Verein ist einer von mehreren Trägern, mit denen die Stadt regelmäßig zusammenarbeitet. „Jeder Träger hat sein spezielles Können“, sagt Werner Bergerbusch vom Jugendamt der Stadt Hamm. „Paidaia hat besonders für diese Problemlagen sein Können.“ Die Ergebnisse, die der Verein vorweist, bestätigen dies.

Aktive Willensbildung statt moralisieren und bestrafen lautet eine simple Formel, die die Arbeit von Paidaia prägt. „Wir müssen handlungsfähig sein, nicht nur exekutiv, sondern pädagogisch“, sagt Vorsitzender Ibrahim Ismail. Hier liegt der Schlüssel dazu, warum Paidaia nicht nur in Hamm Erfolgsgeschichte schreibt.

Menschen mit Worten gewinnen

Ismail spult die Worte nicht ab wie eine Formel. Aus seiner Stimme und seiner Gestik spricht Überzeugung und Tatendrang. Er ist einer, der Menschen mit Worten gewinnen kann. Raus aus der destruktiven Spirale, hin zur Selbsterfahrung, Perspektivenerweiterung und Selbstachtung: Das ist das, wofür der Vereinsvorsitzende eintritt. Es klingt so leicht, wenn Ismail es sagt. Aber wie kann das funktionieren?

In einfachen Worten gesagt, tritt Paidaia dann in Aktion, wenn es irgendwo brennt. Voraussetzung ist ein Auftrag der Stadt. Paidaia ist kein „Dorfsheriff“ und Aktionismus gehört nicht zum Handlungsprofil. Präventiv und anhaltslos ist der Verein ebenso wenig unterwegs. Ist ein Auftrag erteilt, sind die Mitarbeiterteams aber innerhalb kürzester Zeit handlungsfähig und suchen beteiligte Personen und Eltern gegebenenfalls unverzüglich auf, um weitere Schritte vorzubereiten.

Gewalt in der Bibliothek

Beispiel 1: Gewalttätige Jugendliche am Bahnhof und in der Zentralbibliothek. Körperverletzung, Verstoß gegen das Waffen- und das Betäubungsmittelgesetz, Raub und Diebstahl stehen zu Buche. Das Sicherheitsgefühl der Bürger leidet extrem. Paidaia erhält den Auftrag, neben akuter Krisenintervention eine nachhaltige pädagogische Antwort auf das destruktive Verhalten zu finden.

Zunächst findet in Zusammenarbeit mit Ordnungspartnern und Jugendamt eine Analyse der Gruppe und der unterschiedlichen Akteure statt. Um intensiv mit den Jugendlichen arbeiten zu können, wird das Instrument der „Sozialen Gruppe“ gegründet. Das Jugendamt weist nach Absprache mit der Polizei jugendliche Täter und Intensivtäter den Gruppen zu. Die Gruppengröße liegt zwischen vier und neun Personen (im Verlauf insgesamt 24 Teilnehmer). Binnen 48 Stunden wird den Jugendlichen und ihren Erziehungsberechtigten die freiwillige Möglichkeit (Ausnahme: richterliche Auflage) der Teilnahme an diesen Gruppen eröffnet. Gearbeitet wird nach dem „bildungsprozessorientierten Förderansatz“.

Die Situation entspannt sich

Ziele: Bindung entwickeln, soziale Kompetenzen fördern, sich auf einen verbindlichen Wertekanon verständigen, Persönlichkeit stärken, Kompetenzen in Wissen und Alltag erweitern, neue Selbstwahrnehmung durch Produktivität.

Ergebnisse: Innerhalb eines Jahres ist die Situation am Bahnhof behoben. Es gibt keine Strafanzeigen beziehungsweise in Teilen deutlich rückläufige Zahlen unter den Teilnehmern, Drogenkonsum und Alkoholkonsum sind eingestellt, Schule und Ausbildung werden wieder aufgenommen, Verbindungen zu anderen destruktiven Gruppen sind aufgelöst.

Übergriffe in der Fußgängerzone

Beispiel 2: Übergriffige, gewalttätige Kinder und Jugendliche in der Innenstadt. Eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen greift an der Oststraße zwei Mädchen an und prügelt zwei Tage später an der Insel auf einen Busfahrer ein.

Paidaia gleicht mit Jugendamt und Polizei die handelnden Personen ab. Der „Leader“, der noch im Kindesalter ist, weist bereits ein hohes Anzeigenaufkommen auf. Er gibt sich martialisch, sein Verhalten ist stark sexualisiert und auflehnend. Kräfte von Paidaia agieren spontan und suchen unverzüglich am späten Abend das Elternhaus auf.

Gespräche werden mit Respekt geführt

Der Plan: Um den Jungen aus der Gewaltspirale herauszulösen, soll er für ein pädagogisches Angebot an einen weit entfernten Ort abseits von seinen bisherigen Kontakten gebracht werden. Das alles aber nur mit Einverständnis des Jugendlichen.

Ergebnis: Das Gespräch mit Eltern und Jugendlichen wird nicht moralisierend, sondern mit Respekt geführt. Die Mitarbeiter machen deutlich, dass dies eine Chance für den Jungen ist. Zwei Tage später ist er weit weg von Hamm. Der Kontakt mit seinen Betreuern und ihm läuft über Videokonferenzen und Telefonate. Am Standort erhält er ambulante erzieherische Hilfen. Auch Besuche aus Hamm vor Ort gibt es. Die Zeichen für den Jungen stehen so gut wie vielleicht lange nicht mehr.

Es wird polizeilich ermittelt

Erfolgsmeldungen wie diese beiden klingen nach einem Paradies für jugendliche Delinquenten. Doch der Weg ins „Paradies“ setzt harte Arbeit voraus. „Grundsätzlich gilt: Bei einem Tatbestand wird natürlich polizeilich ermittelt“, sagt Werner Bergerbusch vom Jugendamt. „Es gibt bei uns keine Kumpanei“, ergänzt Ibrahim Ismail. Im Impulszentrum am Sachsenweg, wo der Großteil der Maßnahmen stattfindet, gelten verbindliche Regeln. „Konsumgüter wie Handys oder Tablets sind hier tabu. Es geht um Kreativität und aktive Willensbildung.“ Die Jugendlichen hielten sich im Wesentlichen daran, so Ismail.

Am Sachsenweg sind die Teilnehmer unter anderem handwerklich tätig, gestalten Räume nach eigenen Vorstellungen, nutzen Sportangebote, erhalten Zugang zu Bildung und Literatur und werden in unterschiedlichste Prozesse eingebunden.

Das Gefühl, abgehängt zu sein

„95 Prozent von ihnen suchen Liebe und die Bestätigung, selbst etwas zu können“, sagt Ibrahim Ismail. Werner Bergerbusch spricht von noch jungen „Modernisierungsverlierern“. „Irgendwo spüren sie es, dass sie abgehängt werden. Das Gefühl, nichts zu können, verfestigt sich zu einem Habitus. Über Geld, Macht und Gewalt versuchen sie dies zu kompensieren und sich den Status des Erhabenen zu verschaffen. Lange glauben sie, damit durchzukommen und zu beeindrucken.“

Maßnahmen wie die beschriebenen zeigten aber durchaus Wirkung. „Das waren klare Signale, die für Irritation gesorgt haben“, so Bergerbusch. „Der Staat hat Einfluss genommen. Es gibt Grenzen, und wir leben nicht in einem Zustand der Anarchie.“

Auch interessant

Kommentare