Konzept „überörtliche Hilfen“

Strategie nach dem Kalten Krieg: Wie ein Hammer die Einsätze ordnete

Übung der Feuerwehr in Uentrop.
+
Verschiedene Einsatzkräfte erprobten das Konzept „Massenanfall von Verletzten“.

Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal und angrenzenden Regionen laufen Aufräum- und Hilfsaktionen. Doch wie werden diese koordiniert, wer hat das Sagen und die Steuerung? Schon vor Jahren wurde diesbezüglich ein Konzept erstellt - und zwar von einem Hammer Feuerwehrmann.

Hamm/Arnsberg/Düsseldorf – „Jeder soll etwas beisteuern, aber auch selber immer noch einsatzfähig bleiben.“ Mit diesen Worten umschrieb Berthold Penkert, Direktor des Instituts der Feuerwehr in Münster und ehrenamtlicher Angehöriger des Einsatzbereiches Rhynern der Feuerwehr Hamm, das Konzept der „vorgeplanten überörtlichen Hilfe“ im Bereich der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr das Landes Nordrhein-Westfalen. Dieses Konzept stellt zurzeit die Grundlage bei der Schadensbewältigung in den Hochwassereinsätzen im südlichen Teil von Nordrhein-Westfalen und im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz. Umgesetzt wird dabei die gegenseitige Hilfeleistung von Feuerwehr und Hilfsorganisationen.

Koordination der Einsatzkräfte in Eschweiler

So war unter anderem auch die 5. Bereitschaft des Regierungsbezirks Arnsberg, zu der auch die Stadt Hamm zählt, in Eschweiler in der Städteregion Aachen im Einsatz. Penkert selbst arbeitet währenddessen im Bereich des Ministeriums für Inneres des Landes Nordrhein-Westfalen im Zusammenhang mit der landesweiten Koordination der Einsatzkräfte mit.

Zusammenarbeit in größerem Maße nach Ende des Kalten Krieges

Dass das heutige Konzept der vorgeplanten überörtlichen Hilfe in Nordrhein-Westfalen so gut funktioniert, haben die Bürger vor allem Berthold Penkert zu verdanken. Penkert war von 1997 bis 2004 Feuerschutzdezernent bei der Bezirksregierung Arnsberg und entwickelte dort seit Anfang 2001 erste Konzepte. „Der Kalte Krieg war 1990 zu Ende, die meisten Strukturen des Katastrophenschutzes waren aufgelöst und es gab keine Konzepte, wie Zusammenarbeit in größerem Maße funktionieren kann“, fasst Penkert zusammen. Er stellte sich seinerzeit die Frage, was aber passieren sollte, wenn sich große Schadenlagen ereignen würde. Schon damals gab es Szenarien wie Sturm, Hochwasser oder Waldbrände, die gerade ein hohes Maß an Einsatzkräften binden.

Berthold Penkert

Daraufhin entwickelte Penkert als erstes ein Konzept für eine Brandschutzabteilung für den Regierungsbezirk Arnsberg. Neben einer Abteilungsführung sah schon das erste Konzept vor, dass sich immer zwei oder drei Kreise oder kreisfreie Städte zusammen tun sollten, um eine Bereitschaft mit circa 120 Einsatzkräften zu bilden. Zu dieser Bereitschaft sollten die Kreise und kreisfreien Städte dann immer gewisse Löschzüge als Teileinheiten entsenden, so dass am Ende eine Bereitschaft aus vier Löschzügen und einem Logistikzug mit Ergänzungskomponenten für besondere Lagen entstehen sollte.

Insgesamt zählt die Abteilung des Regierungsbezirks Arnsberg einschließlich der Abteilungsführung über 600 Einsatzkräfte. Aufgrund Penkerts Vorschlag arbeitete die Stadt Hamm mit den Kreisen Unna und Soest in der 5. Bezirksbereitschaft mit. Maßgebliche Aufbauarbeit für die Feuerwehr Hamm leistete damals Dirk Volle, der übrigens wie Penkert neben seinem beruflichen Feuerwehrdienst auch ehrenamtlichen Dienst im Einsatzbereich Rhynern ableistete.

„Erst einmal musste ich das Konzept im Regierungsbezirk verkaufen und die Verantwortlichen zum Mitmachen begeistern“, so Penkert. Es folgten zahlreiche Gespräche vor Ort, bevor das komplette Konzept stand. Auf Grundlage dieses Konzeptes fanden dann zwei Übungen statt. So gab es eine Übung, mit der das Heranführen der Kräfte zu einem ehemaligen Industriestandort in Dortmund erprobt wurde, und eine Waldbrandübung in der Senne.

Auch bei diesen Übungen waren Einsatzkräfte aus Hamm beteiligt. So stellte die Feuerwehr Hamm neben der Bereitschaftsführung mit dem ELW 2 auch den 1. Löschzug der Bereitschaft und Teile des Logistikzuges.

Penkert machte so auch das Konzept in ganz Nordrhein-Westfalen bekannt. Auch hier folgten Gespräche, vor allem mit dem Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Aber auch Gespräche mit den anderen Bezirksregierungen nutzte Penkert, um für die vorgeplante überörtliche Hilfe zu werben.

Wie Penkert gab es aber auch andere Bezirksregierungen, die bereits an dem Thema arbeiteten. So setzte unter anderem die Bezirksregierung Köln auf ein Konzept der Mobilen Führungsunterstützung. Schließlich wurden die Konzepte in ganz Nordrhein-Westfalen eingeführt und ständig erweitert. Neben dem Konzept der Brandschutzbereitschaft gibt es unter anderem eins für einen Behandlungsplatz 50, auf dem 50 Patienten autark behandelt werden können und einen Betreuungsplatz 500, wo 500 Betroffene, die nicht verletzt sind, betreut werden können.

Das neueste Konzept ist die Wasserförderung. Hier hat das Land Nordrhein-Westfalen Fahrzeuge mit Hochleistungspumpen und entsprechendem Schlauchmaterial beschafft, um Wasser über weite Strecken fördern zu können. Im Ergebnis wurden so auch die Hilfsorganisationen, wie das Deutsche Rote Kreuz, in das System integriert und leisten somit ebenfalls einen Beitrag für die gegenseitige Hilfe.

Eine erste Bewährungsprobe erlebten die Konzepte beim Weltjugendtag 2005 und bei der WM 2006 in Deutschland.
Seither folgten auch immer wieder Einsätze unterschiedlichster Art. So wurden unter anderem Bereitschaften aus dem Regierungsbezirk Arnsberg mit Hammer Beteiligung 2013 zum Hochwassereinsatz in Lüchodannenberg gerufen.

„Das besondere an dem System ist aber auch, dass die jeweiligen Einheiten auch immer eine eigene Führung haben, das macht sie zu eigenständigen Einheiten“, so Penkert. Durch die Vorplanung der Bereitschaften kennt auch jeder sein Aufgabengebiet und muss nicht erst eingewiesen werden. Darüber hinaus sind die Einheiten so aufgestellt, dass sie sich in den ersten 24 Stunden des Einsatzes sogar selbst versorgen können.

„Der Auftrag im Schadensgebiet wird erteilt und dann eigenständig abgearbeitet“, sagt Penkert. Auf dem Gebiet der Stadt Hamm mussten bisher nur überörtliche Kräfte aus dem Bereich „Messen von Schadstoffen in der Luft“ bei Großbränden eingesetzt werden. Darüber hinaus fanden aber auch zahlreiche Übungen statt, bei denen die Zusammenarbeit geprobt wurde. Diese fanden unter anderem auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne und im Gewerbegebiet Uentrop statt. Beide Male ging es um Übungen, bei denen es um den Massenanfall von Verletzten nach Chemieunfällen ging, so dass auch der ABC-Bereich (atomare, biologische und chemische Gefahren) an den Übungen teilnahm.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare