Reisen statt Arbeitsalltag

Aussteigen extrem: Zwei Hammer leben ab sofort im Wohnmobil

Leben im Wohnmobil: Yvonne und Sascha Klesse
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Yvonne und Sascha Klesse verbringen ihr Leben künftig auf wenigen Quadratmetern.

Raus aus dem Alltag und alle Sorgen vergessen - davon träumen wir alle ab und an. Für Yvonne und Sascha Klesse wird dieser Traum nun Wahrheit. Und zwar in beeindruckender Konsequenz.

Hamm – Die gemütliche Altbauwohnung von Yvonne („Vivi“, 42) und Sascha Klesse (44) im Herzen Hamms ist leer geräumt. Möbel und andere Besitztümer: verkauft oder verschenkt. Jobs: gekündigt. Seit kurzem leben die beiden auf 10 statt auf 125 Quadratmetern. Ein betagtes Hymer Wohnmobil, augenzwinkernd auf den Namen „Walter“ getauft, ist das neue Zuhause des Paares. Anfang August geht’s los: mit kleinem Gepäck auf große Reise; erst mal gen Süden. Petra von der Linde sprach mit den Klesses über ihren Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und die Vorteile eines minimalistischen Lebensstils.

Frau Klesse, Sie sind als Tagesmutter mit innovativen Ideen erfolgreich – Stichwort: plastikarmes Spielen und vegane Ernährung der betreuten Kinder. Ein breites Publikum kennt Sie als Moderatorin des Hammer Poetry Slams und als Sängerin des Duos „Caressing Souls“, in dem Ihr Mann Gitarre spielt. Was hat Sie dazu bewogen, Ihr bisheriges Leben komplett hinter sich zu lassen?

Vivi Klesse: Diese Idee besteht schon ganz lange. Meine Mutter ist mit 54 an Krebs verstorben. Das hat viel in mir ausgelöst und mich zum Nachdenken angeregt. Daraus ist dann vor etwa zehn Jahren mein Traum entstanden, in einem Bus zu leben und zu reisen. Damals waren meine Kinder allerdings noch zu jung, um das umzusetzen.

Sascha Klesse: Mein Denken hat sich durch Yvonne sehr gewandelt. Wir sind jetzt seit viereinhalb Jahren zusammen. Ich komme aus – wie man so sagt – „geordneten Verhältnissen“. Da ging es immer darum, einen guten Job zu haben, viel Geld zu verdienen, ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen. Das ganze Programm. Alles war so, wie man das halt so macht. Viele Dinge haben sich bei mir inzwischen geändert.

Vivi Klesse: Wir sprechen viel über unsere Träume. Und irgendwann war uns bewusst: Wir wollen nicht mehr so leben wie wir leben. Wenn man einen so großen Wunsch hat, muss man ihn in die Hand nehmen und umsetzen. Im Sommer 2020 haben wir uns 23 Tage Zeit genommen und sind insgesamt 7500 Kilometer durch Europa gefahren. Da konnten wir in das Gefühl reinschnuppern, auf kleinem Raum zusammen unterwegs zu sein.

Raus aus dem alten Leben, rein ins Hymermobil: Im Hintergrund steht das neue Zuhause von Yvonne und Sascha Klesse

Wenn das alles für Sie schon lange ein Thema war: Was hat dann letztlich den Ausschlag gegeben, Ihre Träume zu verwirklichen?

Vivi Klesse: Eigentlich wollten wir erst 2022 los. Doch als letztes Jahr im Februar die großen Bäume vor unserem Balkon gefällt wurden, wusste ich plötzlich: Ich muss hier weg! Als Sascha an dem Tag von der Arbeit kam, habe ich zu ihm gesagt: „Nächsten Sommer will ich los.“

Sascha Klesse: Wir hatten beide das Gefühl, unser Leben nur noch abzuarbeiten. Man kommt von der Arbeit nach Hause, ist kaputt und am nächsten Tag geht alles von vorne los. Früher habe ich gedacht, das muss so sein.

Vivi Klesse: Wir sind, auch als Resonanz auf unseren Blog und unsere Social-Media-Kanäle, mit vielen Menschen in Kontakt gekommen, die unglücklich mit ihrem Leben sind. Leider neigen viele dazu, dafür anderen die Schuld zu geben. Ich finde, wenn ich unglücklich bin, muss ich was ändern. Ich möchte meine Zeit sinnvoll nutzen und ein selbstbestimmtes Leben führen.

Sascha Klesse: Es ist wichtig, sich selbst zu reflektieren und sich nicht selbst zu belügen. Wir wissen nicht, was kommt. Wie lange wir reisen werden ...

Vivi Klesse: ... vielleicht gefällt es uns irgendwo besonders gut oder es ergibt sich die Möglichkeit, Teil einer Gemeinschaft zu werden. Oder wir sind in einem Monat zurück (lacht). Unsere Entscheidung ist nicht in Stein gemeißelt. Aber es liegt in unserer eigenen Verantwortung, glücklich zu sein. Wir reden ganz viel darüber und halten uns da auch gegenseitig den Spiegel vor. Deswegen haben wir keine Angst vor der Zukunft. Wir wissen, es wird immer irgendwie weitergehen.

Aussteiger Yvonne und Sascha Klesse

Aussteiger Yvonne und Sascha Klesse
Aussteiger Yvonne und Sascha Klesse
Aussteiger Yvonne und Sascha Klesse
Aussteiger Yvonne und Sascha Klesse
Aussteiger Yvonne und Sascha Klesse

Gilt das auch für Ihre finanzielle Situation? Macht es Ihnen keine Sorgen, nicht zu wissen, wovon Sie künftig leben werden?

Sascha Klesse: Wir haben lange gespart und allen unseren Kram verkauft, dadurch haben wir ein Startkapital. Doch es ist auch eine Frage der Ansprüche. Wir brauchen unterwegs nicht viel Geld. Je weniger Ausgaben man hat, desto unwichtiger wird das Thema Geld. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, Straßenmusik zu machen oder mit meinen Fotos Geld zu verdienen. Über YouTube kommt auch was rein.

Vivi Klesse: Ums Geld mache ich mir keine Sorgen. Ich bin zuversichtlich, dass wir Einnahmequellen finden. Wir sparen ja auch eine Menge. Allein von den 1000 Euro Miete, die unsere Wohnung gekostet hat, können wir jetzt zwei Monate leben. Wir könnten unterwegs auch House-Sitting machen (lacht).

Auf Ihrem YouTube Channel „Savikunterbunt“ erzählen Sie von Ihren Ideen für ein erfülltes Leben. Welche Lebensphilosophie steht hinter Ihrem Aufbruch?

Vivi Klesse: Materielle Dinge bedeuten für viele Menschen Sicherheit. Doch letztlich sind wir dadurch blockiert und entwickeln viele Ängste. Die meisten Sachen stehen nur rum. Man benutzt sie im Alltag gar nicht. Es geht uns auch um das Loslassen von Gewohnheiten und alten Glaubenssätzen, die wir mit uns rumschleppen und die uns belasten. Wenn man erst einmal aus der Komfortzone raus ist, fühlt es sich richtig gut an.

Sascha Klesse: Ich fand es total befreiend, alles loszuwerden. Anfangs war es schwer, zu entscheiden, was gehen kann, zum Beispiel bei meinen Schallplatten, den CDs und Büchern. Doch es ist immer leichter geworden loszulassen. Damit bin ich viele Ängste losgeworden. Weil ich Triathlon mache, hatte ich ein teures Rennrad – und die ständige Angst, es könnte mir geklaut werden. Inzwischen ist es verkauft und ich muss mir keine Sorgen mehr darum machen, dass es wegkommen könnte (lacht).

Unter dem Motto „Lebe dein Leben und sei frei“, bloggen Yvonne („Vivi“) und Sascha Klesse auf ihrer Website www.savikunterbunt.de. Dort heißt es unter anderem:

„Seit Februar 2017 sind wir ein Paar, kennen uns aber schon seit einigen Jahren. Wir waren beide verheiratet, haben Kinder bekommen, in einem Haus mit Garten gelebt und Unmengen an Geld für Konsumgüter ausgegeben. Wir waren unzufrieden, haben Löcher gestopft, um kurze Zeit zufrieden zu sein, das Glück im Außen gesucht. Wir haben zwei komplett verschiedene Leben geführt und doch auch so gleich. Nie hätten wir gedacht, einmal zusammenzufinden. Wir leben beide schon seit einigen Jahren zum größten Teil vegan und träumen von einem Leben außerhalb Deutschlands. Minimalismus und den Moment genießen, die Zeit, die wir haben ‘sinnvoll’ nutzen sind Themen, die uns sehr beschäftigen. Besonders ein anderes Leben zu führen, aus dem sogenannten Hamsterrad auszubrechen, ist unser gemeinsamer großer Traum.“

Von ihrem Leben und ihren ausgefallenen Ideen erzählen die beiden auch auf YouTube und Instagram.

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