Interview

„Die Klimakrise wartet nicht“: Anna-Lena Schrimpf und Mark Bönkhoff über Klima-Demos in Zeiten von Corona

Auch während der Corona-Zeit haben die Hammer Fridays for Future für das Klima demonstriert.
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Auch während der Corona-Zeit haben die Hammer Fridays for Future für das Klima demonstriert.

Im vergangenen Jahr haben sie mit Großdemonstrationen auf sich aufmerksam gemacht, in diesem Jahr war es coronabedingt stiller um die Hammer Klimaaktivisten. Aufgegeben haben sie aber noch lange nicht, im Gegenteil.

Hamm – Im Herbst 2019 waren es riesengroße Menschenmassen, die – aufgeweckt durch die „Fridays-for-Future“-Bewegung – global gegen die Klimasituation protestierten. Auch in Hamm waren viele junge Menschen auf die Straßen gegangen und hatten ihren Unmut geäußert. Die Corona-Pandemie hat in diesem Jahr allerdings die Klimaproblematik von der Tagesordnung verdrängt. Was es dennoch für Aktionen im Jahr 2020 gab, wie die Bewegung im neuen Jahr wieder in den Fokus rücken will und wie generell die Rolle der Jugend in Zeiten der Pandemie ist, hat Patrick Droste in einem Gespräch mit Anna-Lena Schrimpf (Fridays for Future) und Mark Bönkhoff (Parents for Future) erörtert.

Vor einem Jahr bestimmten die Klimasituation und die Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung weltweit die Schlagzeilen. Was haben Sie für Erinnerungen an diese Zeit, als Millionen von Menschen mobilisiert wurden und das Thema in den Medien sehr präsent war?

Schrimpf: Ich habe da sehr positive Erinnerungen dran. Denn endlich hat dieses Thema Gehör gefunden. Es wurde deutlich, wie groß unser Einfluss auf die Politik war und immer noch ist. Wir haben das Thema mehr in die Öffentlichkeit und in die Gesellschaft gebracht sowie in die Politik integriert. Das war ein Erfolg, den wir zu verzeichnen haben. Und es war auch ein cooles Gefühl, wenn man spürt, wie viele Menschen hinter einem stehen und für das Gleiche kämpfen. Denn es geht um nichts Weniger als um unsere Zukunft.

Bönkhoff: Es war äußerst beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen damals auf die Straße gegangen sind, um für den Erhalt der Zukunft unserer Kinder zu protestieren und damit dringend nötige Veränderungen in der Gesellschaft und in der Politik zu initiieren. Das stimmt mich zuversichtlich für die Zukunft. Es wäre wünschenswert, wenn dieser Funke weiter um sich greifen würde und mehr Menschen den Willen und den Mut zeigten, die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik dazu zu bringen, notwendige Maßnahmen zu treffen, die zur Einhaltung des 1,5 Grad Ziels führen können.

Mark Bönkhoff

Mark Bönkhoff, 41 Jahre alt, und bringt sich seit dem vergangenen Jahr aktiv in der Bewegung ein. „Mehrere einschneidende Erlebnisse vor einigen Jahren, die mein Leben auf Kopf gestellt hatten, brachten mich dazu, vieles zu überdenken und veranlassten mich dazu, neue Wege zu gehen. Auf der Suche nach einer sinnvolleren Beschäftigung unter Berücksichtigung der mich schon lange nicht zufriedenstellenden Situationen in Politik, Wirtschaft und Umwelt sprachen mich die Bilder der „Fridays-for-Future“-Demonstrationen 2019 sehr an, woraufhin ich beschloss mich ebenfalls dafür einzusetzen den Kinder und Jugendlichen einen Planeten zu hinterlassen, auf dem auch sie noch ein gutes Leben führen können mit Gestaltungsmöglichkeiten, die unsere Generation die letzten Jahrzehnte über genießen durfte“, erklärt Bönkhoff.

Dann aber hat die Corona-Pandemie die Klimaproblematik von heute auf morgen von der Tagesordnung gewischt und die Klimademonstrationen fast zum Erliegen gebracht. Wie bitter ist dies für Ihre Bemühungen und für Ihr wichtiges Anliegen?

Bönkhoff: Verdrängt hat Corona die Problematik ja nicht. Sie hat nur einen anderen Stellenwert eingenommen.

Schrimpf: Wir finden es falsch, Corona und Klima irgendwie gegeneinander abzuwägen. Bei der Coronapandemie handelt es sich um eine humanitäre Krise. Es sind viele Menschen davon betroffen. Die Klimathematik ist natürlich weiterhin sehr bedeutend.

Bönkhoff: Es sind im Prinzip zwei Seiten der selben Medaille. Das Eindringen in bislang relativ unberührte Gebiete bringt uns den dort existierenden Viren näher und umgekehrt. Den Austausch von Viren zwischen verschiedenen Spezies gab es schon immer und wird es immer geben. Unser invasives Vordringen in alle Bereiche bietet selbstverständlich einen Angriffspunkt und macht es Krankheitserregern leichter, uns als Wirt zu finden. Beide Probleme, Corona und Klima, sind akut. Die Wirkung von Corona ist nur schneller erfassbar.

Ist 2020 daher ein verlorenes Jahr für die Bewegung Fridays for Future, weil Sie die Klimaproblematik nicht wie zuvor in die Öffentlichkeit bringen konnten?

Schrimpf: Ich würde da nicht von verlieren oder gewinnen sprechen und das nicht in eine Kategorie schieben. Wir haben derzeit noch eine Priorisierung der Coronakrise. Aber fest steht, dass die Klimakrise und ihre Folgen schon bei Menschen in Regionen, die vom Klimawandel stark betroffen sind, angekommen sind. Wir haben es auch in diesem Jahr trotz der Pandemie mit Aktionen wie Onlinestreiks immer noch geschafft, öffentliche Aufmerksamkeit zu erhalten. Das sieht man zum Beispiel daran, dass dieses Jahr einige Wahlen anstanden und dass viele Wahlentscheidungen unter dem Klima-Aspekt getroffen wurden. Das ist natürlich sehr bedeutend für den kommunalen Klimaschutz.

Bönkhoff: Verloren ist es definitiv nicht. Es ist anders, es hat sich verändert. Fridays for Future hat gezeigt, dass sie ihre Verantwortung für ältere Generationen wahrgenommen hat. Und nichts anderes verlangt Fridays for Future ja von den Älteren, Verantwortung für das Klima und damit für die Zukunft derer zu übernehmen, die bleiben, wenn wir Älteren gehen. Dazu hat sich ja noch gezeigt, was die Politik leisten kann, wenn sie will. Corona ist natürlich momentan das primäre Problem, auch eine solche Tatkraft sollte für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels eingesetzt werden, um die katastrophalen Folgen, die bei Nichteinhaltung dieses Ziels drohen, zu verhindern.

Anna-Lena Schrimpf

Anna-Lena Schrimpf ist 18 Jahre alt und studiert nach ihrem im Frühjahr am Galilei-Gymnasium bestandenen Abitur in Dortmund. Seit März 2019 engagiert sie sich in der Bewegung „Fridays for Future“. „Mich hat es schon als kleines Kind ziemlich umgetrieben, dass zum Beispiel der Regenwald abgeholzt wurde und ich nichts dagegen tun konnte. Als die Bewegung aufkam, war es eine Gelegenheit für mich, meinen Unmut gegenüber der Politik zum Ausdruck zu bringen“, sagt Schrimpf.

Haben Sie Sorgen, dass aufgrund der immensen Summen, die aktuell in der Corona-Zeit für Konjunktur- und Hilfsprogramme aufgebracht werden, am Ende die nötigen Gelder fehlt für die Umwelt und das Klima fehlen?

Bönkhoff: Die finanziellen Ressourcen, die für die Bekämpfung der Coronakrise eingesetzt werden, stehen erstmal natürlich nicht für die Bekämpfung des Klimawandels zur Verfügung. Eine Kopplung dieser finanziellen Hilfen für Unternehmen an den Klimaschutz dienende Maßnahmen ist notwendig. Damit ist nicht der Bäcker oder der Einzelhändler um die Ecke gemeint. Doch großen Unternehmen wie Lufthansa zum Beispiel Milliardenhilfen zukommen zu lassen – ohne sie an Bedingungen zu knüpfen, die einerseits den Erhalt von Arbeitsplätzen garantieren, aber auch Umweltschutzmaßnahmen zugutekommen – ist in meinen Augen nicht nur grob fahrlässig, sondern regelrecht unverschämt.

Wie wollen Sie es schaffen, wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu kommen? Und warum muss jetzt gehandelt werden?

Schrimpf: Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde, die nicht gehandelt wird, ist sehr schlecht für uns und unseren Planeten. Denn wir rasen immer weiter auf die Kipp-Punkte zu und laufen erheblich Gefahr, das 1,5-Grad-Ziel zu verfehlen. Im Jahr 2020 hätte viel mehr passieren können und auch müssen. Die Klimakrise wartet nicht, sie schreitet immer weiter voran. Sie steht vor unserer Haustür und klingelt, klopft an.

Oft wird die Klimakrise heruntergespielt, es wird gesagt, die Klimakrise betrifft mich hier in Deutschland nicht. Das finde ich falsch. Die Klimakrise betrifft uns jetzt schon. Und es geht nicht immer um einen selbst, wir sollten die Augen öffnen und schauen, was in der Welt passiert, wofür wir mitverantwortlich sind. Wenn wir dies tun, dann sollten die Alarmglocken losgehen und wir würden gemeinsam gegen die Katastrophe ankämpfen.

Wir werden weiterhin protestieren und streiken. Es wird demnächst einen globalen Klimastreik geben. Wir werden weitermachen und nicht aufgeben. Wir können jetzt nicht weiter wegsehen. Wir sind immer noch wütend und werden weiter Druck auf die Politik ausüben, damit da endlich etwas passiert und die Regeln eingehalten werden, denn Ziele und Versprechungen bringen uns nichts, wenn diese nicht erfüllt werden.

Kann es am Ende durch die Corona-Krise auch Chancen für die Bewegung „Fridays for Future“ geben?

Bönkhoff: Wie bei einem Vulkanausbruch, auch wenn der schlimm ist, kann daraus wieder Neues erwachsen. Es bleibt zu hoffen, dass aus der Corona-Problematik für die Zukunft gelernt wird und man neue Wege gehen kann. Es ist sehr offensichtlich geworden, dass wir uns nicht länger als nationale Einheiten, abgetrennt von anderen, sehen dürfen, sondern den Planeten als Ganzes im Blick haben müssen. Dass Sachen, die auf der anderen Seite der Welt geschehen, uns nicht beeinflussen, hat sich eigentlich für jede und jeden offensichtlich als unwahr erwiesen, genauso zeigen Entscheidungen und Taten bei uns ihren Einfluss in anderen Teilen der Welt.

Schrimpf: Wir brauchen zur Eindämmung der Klimakrise keine Freiheitseinschränkungen. Aber wir brauchen eine Transformation, zum Beispiel in der Mobilität, in der Landwirtschaft und in unserem Wirtschaftssystem. Da sieht man schon gewisse Parallelen. Wir sehen, dass die Politik handlungsfähig ist und auf Grundlage der Wissenschaft handelt. Und dann muss sie auch in der Klimathematik auf Grundlage der Wissenschaft handeln, und zwar jetzt. Wir haben auf der Welt nur beschränkte Ressourcen. Wir können nicht immer nur nehmen, nehmen, nehmen. Mir persönlich ist es wichtig, dass wir nicht auf Kosten anderer leben, was wir aber momentan und schon lange tun. Das geht überhaupt nicht.

Auch wenn es durch Corona 2020 nicht zu den Massen-Protestaktionen gekommen war, macht es Ihnen für die Zukunft Mut, dass durch die „Fridays-for-Future“-Demonstrationen eine politisch aktivere Generation, die wieder auf die Straße geht, geboren zu sein scheint?

Bönkhoff: Allerdings. Ja, das macht mir sehr viel Mut. Das ist etwas, was ich an meiner Generation ein bisschen vermisst habe. Es hat ja funktioniert, man hat es sich ein bisschen bequem gemacht, hat es genossen und dabei verschlafen, das anzupacken, was die „Fridays for Future“ jetzt angepackt haben. Ich habe schon vor längerer Zeit gesagt: Verdammt, das hätten wir eigentlich schon vor 20, 30 Jahren machen müssen – auch wenn sie dafür mal die Schulen schwänzen beziehungsweise bestreiken. Denn in meinen Augen war es sowieso irrsinnig, sich über fünf oder sechs Schulstunden zu ärgern, die freitags ausgefallen beziehungsweise nicht besucht wurden, wenn es gleichzeitig durch Lehrkräftemangel immer wieder zu Ausfällen von Schulstunden kommt. Sich dann darüber aufzuregen, ist schon etwas vermessen.

Frau Schrimpf, wie sehen Sie derzeit die Rolle und die Position der Jugendlichen in der Corona-Pandemie?

Schrimpf: Es gibt überall Ausnahmen, wo sich Menschen nicht an Regeln halten und den Regeln nicht zustimmen. Das würde ich nicht an einer Generation festmachen. Meiner Meinung nach handelt der Großteil der Jugend sehr verantwortungsvoll, schränkt die Kontakte ein, trägt die Mund-Nase-Bedeckung und hält sich an die Regeln.

Wir Jugendlichen haben zum Teil unsere Lebensinhalte aufgegeben. Denn wenn man jung ist, trifft man sich mit Leuten, man ist viel unterwegs – und wenn ich mich jetzt zurückerinnere, was ich in diesem Jahr gemacht habe, war das komplett das Gegenteil. Ich war eher zu Hause und habe meine Kontakte reduziert. Und das habe ich nicht getan, weil ich es sollte, sondern weil ich es für verantwortungsvoll und notwendig halte. Ich als jugendliche Person leiste meinen Beitrag, dass sich die Corona-Pandemie nicht weiterverbreitet.

Was sind daher Ihre Strategien und Pläne für 2021, um die Klimaproblematik wieder mehr in die Öffentlichkeit zu bringen?

Schrimpf: Die nächste Großdemo wird kommen. Wir werden weiter mit Plakataktionen auf uns aufmerksam machen, wie wir es auch schon in diesem Jahr gemacht haben. Wir werden weiter Corona-konforme Streiks organisieren und den Druck auf die Politik erhöhen. Denn es kann nicht sein, dass Klimaziele verfehlt werden, dass für eine Autobahn ein Wald gerodet wird, dass ein neues Kohlekraftwerk in Datteln ans Netz gegangen ist, dass Kohleausstiegsgesetz, die Lufthansarettung, die Rettungsschirme, die nicht mit Klimaauflagen verknüpft sind, verabschiedet wurden – und die Liste ist leider noch lang.

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