Ein Blick zurück

So war das in den Sechzigern: Als auf das Kraftwerk Westfalen die VEW-Siedler folgten

VEW-Siedlung Hamm Uentrop Schmehausen am Kraftwerk Westfalen 1960er Jahre
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Ein Schmoisener Sommer in den Sechzigern: Das erste Haus der VEW-Siedlung war das von Günter Stutznäcker an der Ludwigstraße. Indes: Nicht jeder hatte damals einen eigenen Garten hinter dem Haus, in dem die Kinder Gelegenheit zum Toben hatten und die Erwachsenen beim Kaffee entspannen konnten.

Seit einem Monat ist Schluss. Am Kraftwerk Westfalen sind die letzten Blöcke endgültig vom Netz gegangen. Als es hier in Schmehausen vor knapp 60 Jahren mit der Stromproduktion in den ersten drei Blöcken losging, brauchten die VEW-Mitarbeiter bezahlbaren Wohnraum. Ein Blick zurück.

Uentrop – Raum zum Wohnen, den gab es damals exklusiv: Westlich der Hülshoffstraße, dort, wo früher Kälber weideten, schmiegen sich zahlreiche Reihenhäuser aneinander. Lange schon wohnen dort auch Familien, die nicht zum Mitarbeiterstamm der VEW gehören, aber damals, 1963, erzeugte diese Exklusivität ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl, daran erinnert sich Günter Stutznäcker gerne zurück.

Er sei der erste Siedler gewesen, denn sein Haus in der Ludwigstraße sei als erstes in der Siedlung fertig gewesen. Das Haus war der ganze Stolz des jungen Mannes und bot mit 74 Quadratmetern eine komfortable Größe für eine junge Familie. Noch heute lebt Stutznäcker mit seiner Frau Evelin dort. „Anfangs konnten wir von hier aus noch die Schiffe auf dem Kanal fahren sehen“, erinnert er sich. Aber das ist lange her und die freie Sicht durch weitere Häuser längst genommen.

Mit dem Moped durch den Schnee nach Schmehausen

In Dortmund aufgewachsen, absolvierte Stutznäcker seine erste Ausbildung zum Dreher bei der Firma Schlenger in Hamm. Nach Jahren beruflicher Tätigkeit bewarb er sich beim VEW-Kraftwerk in Schmehausen als Maschinist. Dort konnte man einen Mann, der sich mit allen Maschinen bestens auskannte, sehr gut gebrauchen. Auch heute, als 88-Jähriger, ist er noch voll im Thema und weiß genau, wie eine konstante Dampftemperatur zu halten war und wo welcher Schalter was bewirkte. Stutznäcker erinnert sich, dass er, als er noch in Ahlen wohnte, mit seinem Moped durch den Schnee zur Arbeit nach Schmehausen fahren musste. Ab September 1963 verkürzte sich der Weg dann erheblich, denn er zog in sein schmuckes Reihenhaus in Uentrop.

Dass die VEW-Siedlung von Hermann Mattern, einem der bedeutendsten deutschen Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts, konzipiert wurde, war den Uentroper Siedlern wohl bewusst: „Es sollte etwas Besonderes sein“, erinnert sich Stutznäcker. Und tatsächlich war Mattern durchaus ein Planer von Format. So war er zum Beispiel für die Gesamtplanung und künstlerische Leitung der Bundesgartenschau Kassel von 1955 verantwortlich.

Typisch für die Gestaltung durch Mattern war die Modellierung des Geländes, meist durch Aufschüttungen. Anekdote am Rande: Mattern soll bei seinen Berufskollegen den Spitznamen „Hügel-Hermann“ gehabt haben. Seine Partnerin Herta Hammerbacher, die zur Landschaftsgestaltung Vertiefungen bevorzugte, sei entsprechend „Mulden-Herta“ genannt worden. Stutznäcker sah eher die praktische Seite der gestalterischen Merkmale wie die Mauer, die sein Grundstück begrenzt: „Die war immer ein guter Lärmschutz.“

Asbestose als unangenehme Erinnerung

Dass mit einem Arbeitgeber VEW weitere Vorteile verknüpft waren, weiß er zu schätzen. Nachtstrom auf Lebenszeit sei das Deputat, das ihm auch nach dem Ende des Kraftwerks Westfalen zustehe. Andererseits muss er mit weiteren „Andenken“ an seine aktive Zeit fertig werden: Eine Asbestose, eine Art der bösartigen Staublungenerkrankungen, ist ständiger Begleiter. „Asbest war billig und besaß gute Dämmeigenschaften, deshalb wurde Asbest überall, auch in unserem Kraftwerk, verbaut“, erinnert sich Stutznäcker. Welche lebensgefährlichen Folgen dieses Material für die Lunge habe, sei damals noch nicht bekannt gewesen. Seit 1995 ist die Verwendung von Asbest verboten. Für den Bundesverband der Asbestopfer war Stutznäcker nach seiner Pensionierung in der Hammer Selbsthilfegruppe Ansprechpartner für Asbestose-Erkrankte und ihre Angehörigen. Als Helfer stand er in medizinischen und Behördenfragen vielen Leidensgenossen bei.

Zusammenspiel von Industrie und Natur - ein Blick auf das Kraftwerk Westfalen in Hamm-Uentrop  (ein Klick auf das Bild lässt das Bild im Originalformat anzeigen).

Schon lange brauche er keinen Gedanken mehr an sportliche Tätigkeiten zu verschwenden. Dabei sei er immer recht aktiv gewesen. Seine sportlichen Leistungen als Leichtathlet gehören mittlerweile aber zu den Erinnerungen. „Die 100 Meter bin ich als junger Mann in 11,2 Sekunden gelaufen“, erzählt er, aber das sei „lange, lange her“. Auch Tennis habe er gespielt. Der passende Tennisplatz an der Giesendahlhalle sei, wie auch die Giesendahlhalle selbst, von der Betriebssportgemeinschaft des Kraftwerks gebaut worden.

Auch wenn das Kraftwerk Westfalen nun endgültig Geschichte ist, so hat es in den fast sechs Jahrzehnten doch in und für Uentrop deutliche Spuren hinterlassen.

Das Kraftwerk Westfalen: 1963 bis 2021

Das Kraftwerk Westfalen entstand Anfang der 1960er-Jahre am östlichen Ende des Datteln-Hamm-Kanals im Ortsteil Schmehausen. Es nahm 1963 mit zwei 152-Megawatt-Blöcken (A und B) seinen Betrieb auf. 1969 kam ein weiterer Block (Block C) mit einer Nettoleistung von 284 Megawatt hinzu. Er war als erster Block für den alleinigen Einsatz von Steinkohle konzipiert, bei A und B war noch auf eine Mischfeuerung aus Kohle und Öl gesetzt worden.

2007 stellte die RWE Power AG einen Bauantrag für ein mit Steinkohle befeuertes Doppelblock-Kraftwerk mit je 800 Megawatt Leistung (D und E). Die Anlage wird auf dem Gelände des einst geplanten, aber nie verwirklichten Kernkraftwerks Hamm errichtet, direkt neben dem stillgelegten Hochtemperatur-Reaktor THTR-300. Block D wurde zum Pannen-Block, ging nie ans Netz, Block E wurde im Juli 2021 endgültig abgeschaltet.

Im Dezember 2020 hatte RWE Generation bei der ersten bundesweiten Stilllegungsauktion für Steinkohlekraftwerke Zuschläge sowohl für den 800-Megawatt-Block E des Kraftwerks Westfalen als auch für den 800-Megawatt-Block B des Kraftwerks Ibbenbüren erhalten. Seit Januar 2021 durfte RWE deshalb keinen Strom mehr aus diesen Anlagen vermarkten.

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