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Parkidylle mit Pulverfass: Nordringpark eröffnet heute - Wie lange bleibt der Drogentreff noch?

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Von: Frank Osiewacz

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Der Nordringpark (Mitte) wurde aufwendig umgestaltet. Mancher bezweifelt, dass sich Familienidylle und Szenetreff vertragen.
Der Nordringpark (Mitte) wurde aufwendig umgestaltet. Mancher bezweifelt, dass sich Familienidylle und Szenetreff vertragen. © Hans Blossey

An diesem Samstag wird ab 11.30 Uhr der neue Nordring-Park als grüne Achse zwischen City und Kanalkante eingeweiht. Passend zu diesem für die Stadtentwicklung bedeutenden Ereignis schwelt die Diskussion, ob und wie sich Familienidylle und Drogenszene miteinander vereinbaren lassen.

Hamm – Soll die Szene bleiben oder muss sie gehen? Schwarz oder weiß? So einfach ist die Antwort wohl nicht. Mit der Fortschreibung des Wohnungsnotfallhilfekonzepts einher gegangen ist ein Bekenntnis von Politik, Verwaltung und Ordnungshütern zum jetzigen Szenetreff im Park. Ruhe ist damit allerdings nicht eingekehrt. Spätestens seit Bezirksbürgermeisterin Stefanie Baranski (SPD) öffentlich ihre Bedenken zu dem Standort neben Sandkasten und Picknick-Decke angemeldet hatte, köchelt das Thema.

Die Linke fordert Bericht zu Notfallhilfekonzept ein

Zwar rückte Baranski später ihre Aussagen ein wenig zurecht, doch fleißige Leserbriefschreiber machten sich von hier aus auf zu Hütern der öffentlichen Ordnung und forderten eine harte Hand. Die Linke wirft der Bezirksbürgermeisterin beharrlich ihren alten Vorstoß vor und unterstellt ihr gar wahlkampftaktische Winkelzüge. Zur nächsten Ratssitzung (21. Juni) hat die Fraktion der Linken von der Stadt einen Sachstandsbericht zur Umsetzung des Notfallhilfekonzepts eingefordert.

Geredet haben bisher viele, nicht zu Wort gekommen in der öffentlichen Debatte sind aber die Experten: die Kräfte, die täglich mit den Menschen vom Szenetreff zu tun haben, die sie kennen und versuchen, ihnen bei der Ordnung ihres Lebens Hilfe zu leisten. Denis Schinner, Geschäftsführer des Arbeitskreises für Jugendhilfe, und Ewald Wehner, Leiter des Drogenhilfezentrums, möchten gerne mit Bürgern in Austausch treten. Sie halten eine Diskussion, die nur „schwarz-weiß“ geführt wird, dabei aber für nicht zielführend.

Wohnungsnotfallhilfe: Bisher keine sichtbaren Fortschritte

Zentrale Notunterkunft, Drogenkonsumraum, aufsuchende Sozialarbeit: All das sind Punkte des Wohnungsnotfallhilfekonzepts. Sichtbare Fortschritte gibt es bisher nicht. Die Stadt hat auf Nachfrage eine Vorlage zur politischen Beratung angekündigt, in der es um zusätzliche Sozialarbeiterstellen gehen werde. Näheres dazu soll in der kommenden Woche öffentlich gemacht werden.

Ewald Wehner (links) und Denis Schinner sehen dringenden Handlungsbedarf.
Ewald Wehner (links) und Denis Schinner sehen dringenden Handlungsbedarf. © Andreas Rother

Man braucht allerdings kein Prophet zu sein, um vorherzusehen, dass die Stadt den Szenetreff räumen muss und wird, sobald sich hier der erste ernste Zwischenfall ereignet. Und das hätte kaum kalkulierbare Folgen, denn Alternativen anbieten kann die Stadt nach heutigem Stand nicht – weder räumlich noch personell.

Park ist da, Streetworker sind es nicht

Der Umbau des Parks wurde 2015 mit der Rahmenplanung Innenstadt als Ziel ausgegeben. Den Szenetreff gab es damals schon, den Bedarf an Sozialarbeitern auch. Jetzt ist der neugestaltete Park da, die „Streetworker“ nicht.

Denis Schinner und Ewald Wehner sehen massive Probleme auf die Stadt und die Suchtberatung zukommen, wenn nicht zügig Antworten gefunden werden. Die Handlungsfelder seien lange bekannt. Sie selbst sollten vor drei Jahren im Auftrag der Verwaltung ein Konzept für die Aufsuchende Sozialarbeit erarbeiten. Das Konzept liegt vor, wurde aber im Rathaus laut Schinner nie wirklich weiter verfolgt.

Das ist die Einschätzung der Gesamtsituation vor Ort von Seiten der Fachleute:

Notunterkunft / Drogenkonsumraum:

„Unsere Haltung war immer klar: Die Dortmunder Straße funktioniert nicht“, sagt Denis Schinner. „Sie ist für viele nicht erreichbar und nicht menschenwürdig. Wie will ich Menschen Hoffnung auf ein besseres Leben geben, wenn ich ihnen dies als Perspektive anbiete? Wir brauchen eine zentrale Übernachtungsstelle.“ Von der Wahl und dem Zuschnitt des Gebäudes hänge entscheidend die konzeptionelle Arbeit ab. Zum Beispiel, ob sich hier auch ein Drogenkonsumraum befindet, möglicherweise noch ein medizinisches Angebot hinzukomme. Bei der Standortwahl brauche es einen breiten politischen Konsens.

Sozialarbeit:

Schinner: „Wir benötigen jeweils mindestens zwei volle Stellen im westlichen und im östlichen Teil der Innenstadt, um eine Abdeckung zu erzielen. Es sollten Kräfte mit Erfahrung in der Suchthilfe eingestellt werden.“

Nordringtreff:

Ewald Wehner: „Mit dem umgestalteten Park hat sich der Gesamtkontext völlig verändert. Eine Art Selbstverwaltung der Szene wie bisher ist nicht mehr möglich. Konsummuster haben sich innerhalb von Monaten rasant verändert. Der stark wachsende Anteil von Crack sorgt für mehr Dynamik und erhöhte Aggression. Wir möchten den Treff erhalten, weil von hier aus eine starke Bindung an das gewachsene Hilfesystem besteht. Eine Auflösung würde statt Steuerung vieles unkontrollierbar machen.“

Schinner: „Die Stadt kann nicht auflösen, ohne etwas in der Hinterhand haben.“

Suchthilfe der Zukunft:

Schinner: „Wir brauchen dringend eine Projektwerkstatt, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Suchthilfe in Hamm künftig aussehen soll. Dafür müssen alle Akteure an einen Tisch. Sämtliche Maßnahmen wird es aber nicht zum Nulltarif geben.“

Wehner: „Der Schlüssel wird ein Mix aus sozialer Arbeit, medizinischer Versorgung und Ordnungspolitik sein.“

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