Ein Opfer des Systems?

Ein Opfer des Systems? Frau sucht vergeblich nach Krankenkasse - Medizin zahlt sie selbst

Verzweifelte Suche: Brigitte Hugendick und ihre Mutter Margret Schulte bemühen sich um einem Versicherungsschutz für die Seniorin.
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Verzweifelte Suche: Brigitte Hugendick und ihre Mutter Margret Schulte bemühen sich um einem Versicherungsschutz für die Seniorin.

Eine Frau aus Hamm ist krank. Doch zum Arzt kann sie nicht gehen. Sie hat keine Krankenversicherung. Ist sie ein Opfer des Systems?

  • Eine gesundheitlich angeschlagene Frau aus Hamm (NRW) steht seit Herbst ohne Krankenversicherung da.
  • Durch zusätzliche Einnahmen aus der Mütterrente flog sie aus der Grundsicherung der Stadt.
  • Bislang scheiterten alle Versuche der Familie, die letzte Pflichtversicherung zu ermitteln.

Hamm - Der 83-jährigen Margret Schulte aus Hamm geht es nicht gut. Seit Wochen leidet die 83-jährige Hammerin unter Schmerzen in den Beinen. Morgens nach dem Aufstehen sind ihre Zehen fast taub und es dauert lange, bis sie einigermaßen laufen kann. Doch sie kann nicht zum Arzt - sie hat keine Krankenversicherung.

Vergebliche Suche nach Krankenkasse: Ein komplizierter Fall

Unter hohem Blutdruck leidet sie, und ihr Körper hat zu viel Wasser eingelagert. Eigentlich müsste Margret Schulte dringend einen Arzt aufsuchen, aber das ist nicht möglich, denn sie hat schon seit Oktober 2019 keine Krankenversicherung mehr. Trotz etlicher Nachfragen ihrer Tochter Brigitte Hugendick nimmt keine Krankenkasse die Seniorin auf.

Der Fall ist kompliziert: Margret Schulte war mit ihrem Ehemann Friedhelm verheiratet, einem Dachdecker, der damals bei der Deutschen Bahn beschäftigt war. Über ihn war sie auch krankenversichert. Das Paar hatte neun Kinder, 1979 wurde die Ehe geschieden. Der Dachdecker verließ Frau und Kinder und suchte sein Glück in Essen, der Kontakt zu seiner Familie in Hamm riss vollständig ab.

Vergebliche Suche nach Krankenkasse: Absicherung über Sozialamt

Zu diesem Zeitpunkt hätte Margret Schulte eigentlich einen Antrag auf Weiterversicherung stellen sollen – tat sie aber nicht. „Mit ihrer Scheidung und uns neun Kindern hat sie das wahrscheinlich einfach vergessen“, mutmaßt Brigitte Hugendick.

Beim ersten Arztbesuch nach ihrer Scheidung stellte sich sodann heraus, dass ihr der Krankenversicherungsschutz fehlte. So wurde die Hausfrau und Mutter zunächst über das Sozialamt der Stadt Hamm abgesichert. Wenn sie zum Arzt musste, holte sie sich vom Amt dafür eine entsprechende Bescheinigung.

Vergebliche Suche nach Krankenkasse: Als "Betreuungsfall" versichert

Mit Eintritt in die Rente erhielt Margret Schulte von der Stadt Hamm zunächst die Grundsicherung und war bei der AOK als „Betreuungsfall“ krankenversichert – pflichtversichert war sie nicht. 

Im Herbst vergangenen Jahres fiel sie wegen zusätzlicher Einnahmen aus der Mütterrente aus der Grundsicherung, somit erlosch auch der entsprechende Versicherungsschutz. Nun versucht sie mithilfe ihrer Tochter verzweifelt, wieder bei einer Krankenversicherung unterzukommen. Bislang vergeblich.

Vergebliche Suche nach Krankenkasse: Das sagt die Stadt Hamm

Die Stadt Hamm ließ wissen, sie sei nicht zuständig, da Margret Schulte nach dem Ausscheiden aus der Grundsicherung kein „laufender Fall“ mehr sei. 

„Frau Schulte muss sich bei der Versicherung melden, bei der sie zuletzt pflichtversichert war und sich dort freiwillig versichern. Dem müsse die Versicherung Folge leisten. Sollte der Beitrag für Frau Schulte zu hoch oder nicht finanzierbar sein, könnte sie bei uns wieder einen Antrag auf Grundsicherung stellen, womit wir den Beitrag nach Prüfung übernehmen würden“, teilte Stadtsprecher Tom Herberg auf WA-Anfrage mit.

Vergebliche Suche nach Krankenkasse: Wo war letzte Pflichtversicherung?

Mit dem Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der Gesetzlichen Krankenversicherung aus dem Jahr 2007 hat der Gesetzgeber in der Tat die Möglichkeit geschaffen, dass ehemalige Versicherte einer gesetzlichen Krankenkasse unter bestimmten Voraussetzungen auch nach einer längeren Zeitspanne dieser Kasse wieder beitreten können.

Das Problem ist nur: Margret Schulte weiß nicht, wo sie zuletzt pflichtversichert war. „Darum hat sich immer ihr Mann gekümmert“, sagt Tochter Brigitte. Entsprechende Unterlagen ihres verstorbenen Ex-Mannes existieren allerdings auch nicht mehr.

Vergebliche Suche nach Krankenkasse: Keine Ratschläge, keine Hilfe

Nachfragen bei sämtlichen infrage kommenden Krankenkassen – Bahn-BKK, AOK, IKK – verliefen ergebnislos, Ratschläge oder gar Hilfe habe man ihr nirgends angeboten, sagt Brigitte Hugendick.

So muss ihre Mutter weiterhin mit ihren starken Schmerzen zurecht kommen. Die Medikamente gegen ihren Bluthochdruck und das eingelagerte Wasser zahlt sie aus eigener Tasche. Es gibt Möglichkeiten, den Blutdruck zu senken, sodass in noch leichten Fällen Tabletten gegriffen werden muss. Wer daran arbeiten möchte, kann diese einfache Regel gegen Blutdruck ausprobieren.  

In Hamm gibt es einen besonderen Fall: Ein junges Kind hat eine seltene Muskelkrankheit - das lebensrettende Medikament ist jetzt in Europa zugelassen. Doch eine Spritze kostet eine Million Euro.  

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