Abiturientin am MGH

Nach Flucht aus Syrien: Vor fünf Jahren sprach sie kein Wort Deutsch - jetzt schaffte sie ein Einser-Abi

Lana Omar träumt von einem Medizinstudium. In der Internationalen Klasse am Märkischen lernte sie zuerst vor allem Deutsch, nun spricht sie es fast akzentfrei.
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Lana Omar träumt von einem Medizinstudium. In der Internationalen Klasse am Märkischen lernte sie zuerst vor allem Deutsch, nun spricht sie es fast akzentfrei.

Vor fünf Jahren kam Lana Omar aus Syrien nach Deutschland. Nun gelang ihr an einer Hammer Schule ein Einser-Abitur. Hier erzählt sie von ihrem großen Traum.

Hamm-Westen – Als sie Ende 2015 mit ihrer Mutter und ihren beiden jüngeren Geschwistern nach Hamm kam, sprach Lana Omar kein Wort Deutsch. Doch die damals 13-Jährige lernte schnell und baute fünfeinhalb Jahre später am Märkischen Gymnasium ihr Abitur mit der Note 1,8. Was sie werden möchte? „Medizin studieren, mit dem Schwerpunkt Chirurgie“, sagt die heute 18-jährige Muslima selbstbewusst.

SchuleMärkisches Gymnasium Hamm
Anzahl Schüler881 (Quelle: Schulstatistik 2020/21)
StadtteilHamm-Westen

Nach Flucht aus Syrien: Schüler lernen am Märkischen erst einmal Deutsch

Für ihren – jetzt ehemaligen – Schulleiter Florian Rösner ist sie ein Musterbeispiel dafür, was man trotz eines schwierigen Starts alles erreichen kann. Ein wichtiger Baustein sei dabei die „Internationale Klasse“ am MGH gewesen, in der geflüchtete Schüler in den ersten Monaten vor allem eins lernen: Deutsch.

Die Familie Omar stammt aus dem Nordosten Syriens. Als Kurden hätten sie dort kaum Rechte besessen, erzählt Lana. Als der Krieg dann immer näher rückte, sei ihr Vater nach Deutschland geflohen. Mehrere Monate sei er unterwegs gewesen und zunächst in Hamburg gelandet. „Seine Brüder lebten aber schon lange in Hamm.“ Im Zuge der Familienzusammenführung habe er seine in Syrien lebende Familie später nach Deutschland holen können. „15 Monate habe ich meinen Vater nicht gesehen.“ Hier erzählen Flüchtlinge, wie ihre ersten Jahre in Hamm verliefen.

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Wenn Mahmoud Ez Aldin von Hamm erzählt, dann strahlen die Augen dieses 29 Jahre alte Syrers funkelnd und freudestrahlend. „Hamm ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt er. Seine bemerkenswerte Geschichte lesen Sie hier.

Deutsch als Grundlage: Lana Omar musste lernen, viel lernen

In Syrien hatte Lana bis zum Ende der siebten Klasse die Schule besucht, im zweiten Halbjahr 2015 dann schon nicht mehr. Doch sie hatte Glück: Da sie ihren kleinen Bruder begleiten durfte, konnte die Kurdin in der „Internationalen Klasse“ der Hermann-Gmeiner-Schule im Hammer Westen Anfang 2016 beginnen, Deutsch zu lernen und den sprachlichen Grundstock zu legen. Im April 2016 kam sie dann aufs Märkische Gymnasium in die dortige „Internationale Klasse“. Und sie wusste: Um in der Schule erfolgreich zu sein und ihren Kindheitstraum von einem Medizinstudium zu erfüllen, musste sie lernen – viel lernen.

Und das tat Lana auch. Viel Freizeit habe sie in dieser Zeit nicht gehabt. Und sie habe auch viel kämpfen müssen, sagt sie. Doch die Mühen lohnten sich: Schon mit Beginn des Schuljahres 2016/17 besuchte Lana den Regel-Unterricht im achten Schuljahr, parallel aber auch noch den Sprach-Unterricht in der „Internationalen Klasse“. Im Laufe der Monate seien die Stunden dort dann immer weniger geworden – bis sie sie Mitte des neunten Schuljahres gar nicht mehr besucht habe.

Vor fünf Jahren sprach sie kein Deutsch - heute hat sie kaum noch einen Akzent

Es ist erstaunlich: Heute merkt man es der 18-Jährigen kaum an, dass sie bis vor fünfeinhalb Jahren kein Deutsch gesprochen hat. Einige Menschen sagten ihr, dass sie einen leichten französischen Akzent habe, berichtet sie. Das störe sie aber nicht weiter.

Rückblickend ist die 18-Jährige ihren Lehrern, die sie in den vergangenen gut fünf Jahren begleitet haben, „zutiefst dankbar“. Sie habe nie das Gefühl gehabt, am MGH nicht willkommen oder fremd zu sein, und habe auch unter ihren Mitschülern schnell Freunde gefunden. Toleranz werde hier groß geschrieben. Dankbar sei sie aber auch ihren Eltern. Sie hätten ihr und ihren Geschwistern immer wieder gesagt, wie wichtig Bildung sei, vor allem die deutsche Sprache. Das habe sie zusätzlich motiviert. Ob sie die Schule vermissen wird? „Nein“, sagt die 18-Jährige, die sich in ihrer knapp bemessenen Freizeit beim Kinderhilfswerk Unicef in Hamm engagiert. „Die Zeit auf dem Märkischen Gymnasium war zwar ein schönes Erlebnis gewesen, doch jetzt beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt.“

Das große Ziel: ein Medizinstudium

Und der soll sie ins Medizinstudium führen – ohne Wenn und Aber. Doch es gibt noch einen Haken: Der Numerus Clausus liegt an den meisten Universitäten bei 1,0. Und davon ist Lana ein Stück entfernt. „Und ehrlich gesagt: Ich hatte auch auf einen besseren Schnitt gehofft.“ Aber in den Abi-Prüfungen sei es nicht ganz so gut gelaufen wie erwartet, so die 18-Jährige, die als Leistungskurse Englisch und Bio und als weitere Abi-Fächer Deutsch und Pädagogik hatte.

Das Abi-Zeugnis mit der Note 1,8 in der Tasche, hat sich Lana Omar an 39 Universitäten in Deutschland um einen Medizin-Studienplatz beworben. Am liebsten würde sie nach Heidelberg gehen. Und wenn sie überall abgelehnt wird? „Dann studiere ich in Österreich.“ Dort gebe es beim Medizinstudium nämlich keinen Numerus Clausus.

Sprachbegabt: Lana Omar spricht fünf Sprachen

Doch daran denkt die zielstrebige junge Frau, die neben Deutsch und Englisch auch Kurdisch, Arabisch und Spanisch spricht, nicht. Wenige Tage nach den Abi-Prüfungen am MGH hat Lana Omar in Münster einen Test für medizinische Studiengänge gemacht. „Und da habe ich gut abgeschnitten.“ Und sie weiß: Vielen Unis sei ein solcher Test wichtig. Sie hofft, dadurch den nicht „ganz so guten Abi-Schnitt ausgleichen zu können“.

Aber was heißt schon nicht ganz so gut: Von den 121 Abiturienten des Jahres 2021 am MGH haben es 21 überhaupt nur geschafft, die Schule mit einer „1“ vor dem Komma zu beenden. Gerne würde Lana Omar mal wieder nach Syrien reisen, um ihre Verwandten in dem Dorf, aus dem sie stammt, zu besuchen. Aber auf Dauer dort leben? Das komme für sie nicht mehr in Frage: „Was soll ich in einem Land, in dem wir kaum Rechte haben?“, fragt sie. Die und die Anerkennung habe sie in Deutschland gefunden und wolle sie auch nicht mehr eintauschen, fühlt sie sich hier rundum wohl. Zu ihrem Glück fehlt ihr jetzt nur noch eins: der Studienplatz in Medizin.

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