Serie "Verborgene Orte" in Hamm

Geheimnisse hinter dicken Mauern: Blick in einen Bunker

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Der Luftschutzbunker Nr. 6 an der Widumstraße 55 beherrscht die östliche Altstadt – zumindest optisch.

Hamm - 14 Hochbunker entstanden im Zweiten Weltkrieg in Hamm und boten den Einwohnern Schutz vor den alliierten Luftangriffen. Die Stahlbetonbauten prägen das Stadtbild bis heute. Doch was befindet sich eigentlich hinter den zwei Meter dicken Mauern?

Die Mauern sind zwei Meter dick. Stahlbeton. Wenn die Tür ins Schloss fällt, ist die Welt da draußen ganz weit weg. Drinnen ist es düster, ein wenig feucht und sehr, sehr leer. Für den Zivilschutz wird der Bunker an der Widumstraße schon lange nicht mehr benötigt. Er befindet sich in Privatbesitz und wird nur sporadisch für Führungen aufgeschlossen. Ein beklemmender Ort, wenn man daran denkt, dass Menschen dort um ihr Leben gezittert haben.

Bunker Besichtigung mit Karl Wulf - Spherical Image - RICOH THETA

Karl Wulf hat das noch erlebt, im Bunker an der Feidikstraße. Der 89-Jährige gilt als bester Kenner der Hammer Bunkerwelten, er hat ein Buch über die Stadtplanung der Nationalsozialisten geschrieben, ein weiteres über den Luftkrieg über Hamm ist in Arbeit. Gelegentlich führt er Schulklassen durch den „Luftschutzbunker Nr. 6“, wie das Ungetüm an der Widumstraße im Amtsdeutsch hieß.

Unter den Geschossdecken hängen heute Neonröhren. Das grelle Licht fällt auf Betonwände, an denen die Abdrücke der Schalbretter zu sehen sind, auf altmodische Schalter und tote Leitungen. Damals, im Zweiten Weltkrieg, sorgten einfache Glühbirnen für die Beleuchtung. „Wenn die Bomber fielen, ging das Licht aus und das Geschrei los“, sagt Wulf. Ein Dieselgenerator sorgte dann dafür, dass das fahle Licht nach kurzer Zeit wieder da war.

Bunkerbesichtigung an der Widumstraße mit Karl Wulf

Platz für bis zu 3100 Menschen

Karl Wulf kennt sich mit den Hammer Bunkern aus.

Im April 1941 begann der Bau des Luftschutzturmes unter dem Eindruck zunehmender alliierter Angriffe, französische Kriegsgefangene wurden dafür herangezogen. 1942 war der Bunker weitgehend fertig. Platz war darin für rund 1300 Menschen. Jedes der neun Geschosse war mit Mauern in zwölf Kabinen unterteilt. In den drei mal zwei Meter großen Räumen standen Feldbetten und Bänke, darunter war Platz für Koffer. Für zwölf Leute sei so eine Kabine vorgesehen gewesen, sagt Wulf. Praktisch seien 18 Leute dringewesen. Bei „fünffacher Überbelegung“, wie es im damaligen Behördendeutsch hieß, passten rund 3100 Menschen in den Bunker hinein.

Die Kabinen gibt es heute nicht mehr, doch die Umrisse zeichnen sich im Boden noch ab. Auch die ursprünglichen Sanitäranlagen sind verschwunden. Waschbecken und Vorhänge stammen aus der Zeit, als der bundesdeutsche Zivilschutz den Bunker als öffentlichen Schutzraum herrichtete. 847 Plätze waren vorgesehen. Die Pläne für die Belüftungsanlage tragen das Datum 5. April 1990.

Platzkarten und Bunkerbekanntschaften

„Treppenhaus 2“ hat jemand in knalligen Pink an die Wand gesprayt. Es gibt tatsächlich zwei gegenläufige Treppenanlagen, um möglichst viele Menschen gleichzeitig in den Bunker hineinzubekommen. „Die Jungen gingen nach oben“, sagt Wulf. „Die Alten blieben eher unten.“ Es gab Platzkarten, und es entstanden Bunkerbekanntschaften.

Der Sanitärbereich für eine ganze Etage: Reste der Nutzung durch den bundesdeutschen Zivilschutz.

Den Bomben hat der Widumstraßenbunker widerstanden. Doch trotzdem wurde er für eine unbekannte Zahl von Zufluchtsuchenden zur Todesfalle. Als am 25. Oktober 1944 Luftalarm ausgelöst wurde und plötzlich Flakfeuer einsetzte, kam es an den Bunkereingängen an der Widum- und an der Posener Straße zu Massenpaniken. Der Vorfall durfte nicht öffentlich gemacht werden. Doch in den folgenden Tagen häuften sich die Todesanzeigen mit Eisernem Kreuz und Hinweis auf ein „tragisches Geschick“; mindestens 36 Menschen müssen demnach an den Bunkereingängen gestorben sein, darunter viele Frauen und Kinder.

Der Horror jener Tage ist passé

Nichts erinnert heute noch an den Horror jener Tage. Die Bunker gehören selbstverständlich zum Stadtbild, für den Zivilschutz steht keiner mehr zur Verfügung. Versuche, sie abzutragen, waren zum Scheitern verurteilt; auf vielen stehen Mobilfunkantennen, auf einigen auch schicke Wohnhäuser. Stabil genug sind sie ja.

Karl Wulf: Hamm – Planen und Bauen 1936-1945. Innenstadtplanung – Bau der Luftschutzbunker. Dargestellt auf der Grundlage der Planungen des Stadtbaurats Emil Haarmann. Hamm 2002.

Serie "Verborgene Orte":

Der Bunker an der Widumstraße gehört zu den „verborgenen Orten“ der Stadt, die WA.de in einer Serie vorstellt:

Verborgen unter Hosen: Metzgerei Landmann in der Weststraße

Als Bockum-Hövel noch ein Kinostandort war

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