Sinkende Wertschätzung für Produkte und Service beklagt

"Harter Schnitt": Bald gibt es Betten Reinhard nicht mehr

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Bei Betten Reinhard gehen nach 112 Jahren Firmengeschichte in drei Wochen endgültig die Lichter aus.

Hamm - In drei Wochen verabschiedet sich mit Betten Reinhard nach 112 Jahren ein weiteres Traditionsunternehmen aus dem Hammer Einzelhandel. Für das Personal bedeutet das einen harten Schnitt.

Der Räumungsverkauf läuft, am 9. Februar ist letzter Verkaufstag an der Antonistraße 5. Das Personal würde gerne weitermachen. Das Gütesiegel „Fachhändler aus Leidenschaft“ ist hier nicht nur ein Slogan. Aber Leidenschaft und Gütesiegel ändern nichts an der Geschäftsaufgabe.

Die Frage, ob bereits ein Nachmieter für das rund 470 Quadratmeter große Ladenlokal (400 Quadratmeter Verkaufsfläche) gefunden ist, lässt sich noch nicht beantworten. „Chefsache“ hieß es dazu aus dem Delbrücker Unternehmen, dem die Immobilie gehört. Und der Chef sei nicht vor Dienstag erreichbar. Auch das Personal von Betten Reinhard ist im Ungewissen über eine Neuvermietung.

Doch aus Sicht der Mitarbeiterinnen ist das wohl ein nachrangiges Thema. Denn für sie stellt sich die viel entscheidendere Frage nach der beruflichen Zukunft. Das jüngst Arbeitsverhältnis besteht seit 25 Jahren. Hausleiterin Brigitte Frigge begann ihr Arbeitsverhältnis bei Betten Reinhard weit früher, am 2. November 1974. „Damals noch mit Kittel, Kugelschreiber und Schere“, erinnert sie sich. Die Betriebstreue bei Betten Reinhard ist groß, ebenso die Trauer, dass ein hoch spezialisiertes Team bald auseinandergeht.

Gang zum Arbeitsamt fällt schwer

Der Gang zum Arbeitsamt falle schwer, sagt eine Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Sie ist jetzt 62 und der Schritt bis zur Rente ist kein großer. Dennoch bleiben die Fragezeichen, was bis dahin passiert. „Wir waren hier alles: Fachberaterinnen, Ärztinnen und Vertraute.“ Das der enge Kontakt zu den Kunden bald beendet ist, bedauert sie sehr.

Der Betten-Fachhandel ist rar gesät. Auch Gedanken an eine Umschulung sind bei einigen Mitarbeiterinnen aufgekommen. Weiterbeschäftigungen in den neun Fachgeschäften und den zwei Fachmärkten des Gesamtunternehmens (Baretti) wird es nicht geben. Fünf fest angestellte Mitarbeiterinnen und zwei geringfügig beschäftigte sind betroffen.

Gütesiegel „Fachhändler aus Leidenschaft“

Seit 2017 zeichnet das Gütesiegel „Fachhändler aus Leidenschaft“ das Bettenfachgeschäft in Hamm aus. Zusammen mit 39 anderen Fachgeschäften in Deutschland gehört es nach eigenen Angaben zu den besten 10 Prozent der stationären Fachhändler. Das Qualitätssiegel, unter anderem für gute Beratung, war im Fall Betten Reinhard kein Garant für Standortsicherheit.

„Das Kaufverhalten hat sich verändert“, sagt Brigitte Frigge. „Die Wertschätzung für Produkte und Service ist heute kaum mehr da.“ Das Internet habe auch einen Teil des Geschäfts abgezogen, sagt Prokurist Michael Reinsch. Das sei aber nicht der Grund für die Schließung. Zudem habe das Unternehmen einen eigenen Webshop. Die Kundschaft bewege sich in der Regel im Bereich 60 plus, sei also mit dem Unternehmen gealtert. Auch eine moderne Außendarstellung habe die Entwicklung nicht umkehren können.

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