Video: Quappen schnappen im Hammer Schillerteich

Hamm - Elf Grad Außentemperatur zeigt das Thermometer, und das Wasser im Schillerteich kommt über diesen Wert nicht wesentlich hinaus. Aber die Männer in ihren Wathosen stört das nicht.

In aller Ruhe durchschreiten sie mit Keschern ausgestattet zunächst das flache Wasser und wagen sich dann weiter vor. Es ist Quappen-Zeit mitten in der Stadt. Rund 3500 Jungfische werden den Männern Sportfischereiverein Hamm (SFV) nach zwei Stunden ins Netz gegangen sein. Aus dem Hammer Süden werden die Tiere umgehend Richtung Wesel transportiert und in der Lippe eingesetzt.

33 bis 34 Millimeter messen die ersten Quappen, als sie vorsichtig per Kescher aus dem Schillerteich gefischt werden. Damit haben sie eine Überlebenschance im freien Gewässer. Werden sie im Teich zu groß, würde das Nahrungsangebot knapp.

„Die Wiederansiedlung der Quappe in NRW“ heißt das Projekt, an dem der Hammer Siegfried Kuss mit seinem Team für den Landesfischereiverband Westfalen und Lippe e.V. gemeinsam mit dem Ruhrverband seit 2007 beharrlich arbeitet. Erfolge haben sich inzwischen eingestellt: Der in Lippe und Ahse fast ausgestorbene einzige Süßwasservertreter der Dorsche ist im freien Gewässer wieder anzutreffen und vermehrt sich dort auch wieder.

Damit die einstmals häufig anzutreffende Art tatsächlich überlebensfähig bleibt, geben der Ruhrverband mit seiner Laichfischhaltung in Körbecke an der Möhne und die Hammer Fischer Starthilfe. Die Elterntiere, die aus der Lippe bei Herzfeld und Lippstadt stammen, laichten Anfang des Jahres in der Zuchtstation an der Möhne ab. Rund 200.000 Larven vom 3 bis 3,5 Millimeter Größe setzten die Fischer dann Anfang März im Schillerteich ein.

Siegfried Kuss (rechts) erhielt auch Unterstützung von WA-Redakteur Frank Osiewacz.

Am Montag war der erste Tag der Entnahme. Inzwischen hat sich die Größe der Quappen verzehnfacht. Mit durchschnittlich 33 bis 34 Millimeter haben sie nun eine Überlebenschance im freien Gewässer. „Außerdem müssen wir den Bestand im Teich nun nach und nach reduzieren, weil sonst das Nahrungsangebot für die übrigen Quappen nicht reichen würde“, sagt Kuss. Und davon gebe es vermutlich noch einige. „3500 Fische in zwei Stunden Arbeit sind ein sehr gutes Ergebnis.“ Das bestätigt auch Fischereiwirtschaftsmeister Lars Brackwehr, der das Projekt vom Ruhrverband begleitet. In mit Wasser gefüllten, transparenten Kunststoffsäcken befördert er die Quappen direkt zur Lippe.

Mitten in der Stadt: Quappen fischen im Schillerteich

Die Arbeit am und im Teich hat ein bisschen von Krabbenfischen in den Prilen an der Nordsee. Das Suchen, Sammeln und Betrachten. Jedes Zucken im Netz des Keschers eine kleine Freude für sich. Es ist eine schöne Vorstellung, aus den Mini-Quappen im Schillerteich könnten einmal bis zu 60 Zentimeter große Tiere heranwachsen. Langsam führen die Männer ihre Kescher über den abgeschrägten Grund des Teichs. Das Wasser ist trübe, wenn Reste vom langsam vermodernden Grasschnitt, Blättern, Zweigen und allerlei anderen Dingen aufwirbeln, die hier eigentlich nicht hineingehören. Aber die Bedingungen für Quappen sind gut, die Kescher sind gut gefüllt.

Brei aus Schlamm und Blättern

Im klaren Wasser sind Quappen gut erkennbar, im Schlamm aufgrund der Färbung weniger.

Unter Blättern und im Schlamm haben sie es sich eingerichtet. Mit einem Esslöffel oder einem kleinen Küchensieb werden die Quappen auf den Stufen an Land per Hand gesammelt und in Körben, die sich halb unter der Wasseroberfläche befinden, zwischengeparkt. Man braucht ein waches Auge, um in dem Brei aus Schlamm und Blättern die Quappen zu erkennen. Wenn sie sich nicht bewegen, sind sie mit der Marmorierung auf der gelblichen oder hellbraunen Grundfarbe ihres Körpers nur schwer auszumachen.

Gegen 12 Uhr machen die Sportfischer und die Männer vom Ruhrverband Feierabend. Die Fische sind transportbereit verstaut. In den Gesichtern ist Zufriedenheit abzulesen. Heute wollen Kuss und seine Mitstreiter noch einmal ins Wasser steigen.

Die Rückkehr der Quappe

Seit Ende der 1960er Jahre sei die Quappe aus heimischen Flüssen wie Lippe und Ahse verschwunden, sagt Siegfried Kuss vom Wiederansiedlungsprojekt des einstmals weit verbreiteten bodenorientierten Fisches. Gewässerverschmutzung, die Veränderung der Laich- und Lebensräume durch Trennung von Fluss und Aue und fehlende natürliche Überschwemmungsdynamik, Warmwassereinleitung (Kraftwerke) und Klimawandel entzog den kühles Wasser liebenden Tieren nach und nach ihre Lebensgrundlage.

Nach mehreren gescheiterten Nachzuchtversuchen in den 1990er Jahren boten sich mit dem Life-Projekt und der Renaturierung der Lippe neue Chancen für die Wiederansiedlung der Quappe. „Die Zusammenarbeit mit dem Ruhrverband ist ein Glücksfall“, sagt Kuss. Weitere Verbände und Organisationen wurden ins Boot geholt, und 2008 schließlich produzierten die ersten Laichfische ihre Larven.

Zwischen Hamm und Lippstadt sei der Quappenbestand inzwischen wieder gut, sagt Kuss. Gefischt werden dürfen Quappen aber nicht. In zwei Jahren läuft das über die Fischereiabgabe finanzierte Projekt ab. Es wurde mit 150.000 Euro unterstützt.

Rubriklistenbild: © Wiemer

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