Projektleiter Schmidt-Formann über Machbares und Illusionen

Zukunft der Innenstadt-Auen: Wie Lippesee, nur ökologischer?

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Mögliches Vorbild für die Pläne in Hamm: Die Isarauen in München nach der Renaturisierung.

Hamm - Auf der ursprünglich für den Lippesee vorgesehenen innenstadtnahen Auenfläche der Lippe soll nach dem Willen der Koalitionsfraktionen von CDU und SPD in den nächsten Jahren eine Naherholungs- und Freizeitoase entwickelt werden. Die Isarauen in München sind das Vorbild. Über die ersten Schritte zur Realisierung sprachen die WA-Redakteure Detlef Burrichter und Markus Hanneken mit dem Projektleiter vom Umweltamt der Stadt Hamm, Dr. Oliver Schmidt-Formann.

Schmidt-Formann war von 2005 bis 2015 bereits maßgeblich für die Entwicklung der Hammer Auen-Projekte "Life I" und "Life II" verantwortlich.

Gibt es dazu bereits Vorüberlegungen, auf die Sie zurückgreifen können?

Dr. Oliver Schmidt-Formann (47) soll nach Life I und II auch für das neue Lippeauen-Projekt fachlich verantwortlich sein. Der gebürtige Hammer und promovierte Biologe ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Die Arbeitsschwerpunkte des für die Life-Projekte mehrfach ausgezeichneten Fachmanns sind Gewässerökologie, Auen- und Gewässerrenaturierung, Landschaftsökologie und Landschaftsplanung.

Oliver Schmidt-Formann: Die Vorüberlegungen resultieren sicherlich aus der Erkenntnis, den Lippesee zukünftig nicht bauen zu können. Die entsprechenden Flächen haben ein hohes Potenzial, und das soll jetzt genutzt werden. Um das neue Projekt sinnvoll weiter zu entwickeln, müssen nun wie bei Life I und II übergeordnete Vorgaben wie die EG-Wasserrahmenrichtlinie berücksichtigt werden. Diese gibt uns als Behörden vor, die Gewässer in einen guten ökologischen Zustand zu bringen. Die naturschutzfachliche Entwicklung der Aue ist das zweite große Thema in dieser Spannungslage zwischen den FFH-Gebieten im westlichen und östlichen Stadtgebiet, also zwischen Radbodsee und Lippeauen mit Life I und II. [Anm. d. Red.: FFH-Gebiete sind spezielle europäische Schutzgebiete, die nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ausgewiesen wurden und dem Schutz von, Tieren (Fauna), Pflanzen (Flora) und Lebensräumen (Habitaten) dienen.]

"Wir sprechen nicht von 'Life III', sondern von 'Erlebensraum'"

Wie muss man sich den neuen Abschnitt zwischen Münsterstraße und Fährstraße im Vergleich mit Life I und II vorstellen?

Um diesen Bereich nördlich der Lippe geht bei den Planungen für "Life III" im weitesten Sinne.

Schmidt-Formann: Wir dürfen von „Life III“ eigentlich noch nicht sprechen. Gleichwohl bedient der Begriff ein Bild, das wir mit I und II geprägt haben – nämlich den guten ökologischen Zustand der Aue, der auch für die Menschen als Erholungsraum nutzbar ist. „Life“ heißt aber streng genommen, dass wir eine Förderung über ein Instrument namens „Life“ haben. Diese Förderung läuft über die EU, und diese können wir hier noch nicht als gegeben voraussetzen, weil wir dafür erst noch die entsprechenden Anträge stellen müssen. Die vorläufige Skizze hat daher bei uns den Arbeitstitel „Erlebensraum“ bekommen. Damit soll die Kombination aus „Erleben“ und „Lebensraum“ deutlich gemacht werden. Zur Frage: Life I und II behandeln ja etwa den Bereich zwischen Heessen und Schmehausen. Das ist eine Fläche von rund 615 Hektar mit rund 380 ha Maßnahmenfläche. Jetzt geht es um die Fläche zwischen Fährstraße und Radbodstraße; das sind ungefähr 165 Hektar, die mit Maßnahmen belegt werden sollen (entspricht also in etwa der Projektfläche Life I oder II).

Wieviele Mittel sind geflossen, um die beiden Vorgängerprojekte zu realisieren?

Schmidt-Formann: Wir haben die Lippeaue über die beiden Projekte innerhalb von zehn Jahren mit zusammen etwa 11,5 Millionen Euro entwickelt. Für die naturschutzfachlichen Aspekte müsste diese Summe etwa auch für den neuen Bereich so angesetzt werden – immerhin ein Bereich, der auch angesichts der Lage höher qualifiziert zu entwickeln ist als die bisherigen Projekte.

Wie hoch war der Anteil der Stadt?

Schmidt-Formann: Die „Life“-Förderung arbeitet im Wesentlichen mit Mitteln des Landes und der EU. Der Eigenanteil unter den Projektpartnern liegt bei rund zehn Prozent. Und da Hamm den wichtigen Projektpartner Lippeverband an der Seite hatte sowie die Kreise Warendorf und Soest nebst der Biostation in Soest, lag der Anteil für die Stadt Hamm bei gerade mal 4,68 Prozent. Das sind also ungefähr eine halbe Million Euro für beide Projekte.

"Je mehr Mühe man sich gibt, desto höher die Förderchancen"

Noch gibt es die Förderschiene der EU, aber wie lange wohl noch? Der Oberbürgermeister hat gesagt, der Antrag müsse noch in diesem Jahr auf die Reise gehen

Strandareal der Münchner Isarauen.

Schmidt-Formann: „Life“ ist sehr facettenreich: Es spaltet sich auf in verschiedene Fördersäulen. Es gibt etwa die Fördersäule „Nature“ für FFH-Gebiete; aber das haben wir hier nicht vorliegen – ebenso wenig wie ein Naturschutzgebiet. Das heißt, dass wir auf eine andere Säule ausweichen müssen, die uns aber noch nicht so vertraut ist. Mit einem neuen Auftrag begeben wir uns zudem in internationale Konkurrenz, weil alle Mitgliedsstaaten nun einmal Anträge schreiben. Die EU entscheidet dann über ein Auswahlgremium und ein Bewertungssystem, welches Projekt am Ende gefördert wird. Klar ist: Je mehr Mühe man sich mit dem Antrag gibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Förderzusage. Das aktuelle Förderprogramm erlaubt Anträge bis 2020.

Welche Schritte müssen zuerst eingeleitet werden, um den Planungsprozess in Gang zu setzen und Förderanträge stellen zu können?

Schmidt-Formann: Zunächst gilt mit Blick auf Förderwünsche, jetzt mit dem Land NRW in Kontakt zu treten. Mit dem Ministerium sind die Termine im April bereits gesetzt. Zudem gilt es, mögliche Projektpartner zu informieren und zu akquirieren. Mit dem Lippeverband haben bereits erste Vorgespräche stattgefunden. Es sollte dann möglichst zeitnah die Öffentlichkeit informiert und eingebunden werden. Dazu gehören auch „Nutzergruppen“ wie z.B. die Landwirtschaft und die Fischerei. Natürlich muss mit Blick auf die Antragstellung auch Kontakt mit den Außenstellen der EU aufgenommen werden, die die Regularien vorgeben, die es zu berücksichtigen gilt.

"Es gibt offenbar eine gewisse Abwartehaltung"

Seit den ersten Berichten über das Projekt sind mehrere Wochen vergangen. Wie war die Resonanz?

Schmidt-Formann: Von Bürgern kam erstaunlich wenig in Anbetracht des Themas und der Historie dieses Gebietes. Aber das sehe ich eher positiv; es macht Mut, mit Elan an dem Projekt weiter zu arbeiten. Es gibt offenbar eine gewisse Abwartehaltung: Was soll konkret geschehen? Wie betrifft mich das als Bürger?

Die Auenlandschaft in den östlich gelegenen Lippe-Abschnitten ist vielen Menschen inzwischen ein Begriff. Kann man sich das Vorhaben im Abschnitt zwischen Münsterstraße und Fährstraße ähnlich vorstellen?

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Schmidt-Formann: Es soll ähnlich werden und doch anders. So soll es unterschiedliche Qualifizierungen der Räume geben. Das hat natürlich mit der Geschichte der Einzelbereiche zu tun, aber auch damit, was an Ausstattung heute bereits vorhanden ist. Es gibt im Osten wie im Westen hochwertige Abschnitte mit Altarmen und ehemaligen Mühlengräben, die schon heute als Biotope gesetzlich geschützt sind. Diese gilt es zu erhalten, zu fördern und zu ergänzen. Zum Beispiel durch eine Erschließung mit Wegen, Plattformen oder Aussichtstürmen, die Natur erlebbar machen. Kurz: ein Schwerpunkt Ökologie, kombiniert mit Erholung. Je innenstadtnäher wir kommen, je intensiver soll die Nutzbarkeit werden. Möglich werden soll die Begegnung mit dem Ufer, mit dem Wasser, mit den Elementen… Das Stichwort „Strand-Arena“ steht im Raum. Das alles sind Begehrlichkeiten, die wir derzeit wahr- und aufnehmen.

"Werden viele Lippesee-Befürworter abholen können"

Noch immer trauern viele Bürger der abgewählten Lippesee-Idee hinterher. Inwieweit könnten sich dessen Befürworter für das neue Projekt begeistern lassen?

Schmidt-Formann: Die wesentlichen Faktoren, die der Lippesee gebracht hätte, können wir auch mit diesem Projekt erfüllen. Dabei geht es um die weichen Standortfaktoren wie Erholung und innenstadtnahe Entwicklung. Im Prinzip machen wir ja alles, außer dass wir mit einem Boot auf einer Seefläche fahren können. Von daher meine ich, dass wir einen Großteil der Menschen in vielleicht zehn Jahren, wenn alles entwickelt ist, auch werden abholen können.

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Zehn Jahre … ist das ein realistischer Zeitrahmen für die Umsetzung dieses derzeit noch recht undefinierten Projektes?

Schmidt-Formann: Das ist schwierig zu sagen und hängt letztlich auch von der späteren Förderung ab. So hätten wir zum Beispiel bei einer „Life“-Förderung einen relativ eng gerasterten Zeitrahmen. Hier würde ich mit der Erfahrung der bisherigen Projekte von etwa fünf bis sieben Jahren Förderzeitraum ausgehen. Wenn wir statt über „Life“ über die Wasserrahmenrichtlinie oder ganz andere Töpfe gefördert werden, kann es auch noch ganz andere Förderzeiträume geben.

Die Lippe verläuft in besagtem Gebiet relativ gerade. Könnte sie auch hier künftig wieder mäandern? Könnte es neue Nebenarme geben?

Schmidt-Formann: Das ist im Moment noch schwer zu beurteilen, weil dies Ideen sind, die es unter Fachleuten zu entwickeln gilt. Solche Vorstellungen müssen in den kommenden Monaten für die Antragstellung abgestimmt werden. Das ist wichtig, damit die zuständige Obere Wasserbehörde ihre Genehmigungen erteilen kann.

"Feierabendbier unterm Sonnenschirm"

Wie kann man sich einen möglichen „Lippestrand“ vorstellen? Auch mit Liegestühlen und Gastronomie?

Schmidt-Formann: Auch dies sind Ideen, die erst geprüft werden müssen. Ist das unter Wahrung maßgeblicher ökologischer Interessen genehmigungsfähig? Ist das tragbar? Sollte es gelingen, im Rahmen des Projekts Räume zu definieren, einen Strandabschnitt zu schaffen, wo man unterm Sonnenschirm sein Feierabendbier trinken oder auch mal einen Grill aufstellen kann – dann hätten wir für den Innenstadtbereich eine attraktive Ergänzung gewonnen.

Werden der Flugplatz und der Ruderclub Bestandsschutz bekommen oder in die Überlegungen mit einfließen?

Dr. Oliver Schmidt-Formann: "Die Planungen in viele Richtungen offen halten."

Schmidt-Formann: Für die Entwicklung der Aue muss man dort sicher zunächst nichts zwingend umgestalten. Das können aber Bausteine sein, wenn entsprechende Vorschläge im Rahmen der Projektfortschreibung kommen. So haben wir bei „Life“ auch bereits erfolgreich gearbeitet: Wir haben es in viele Richtungen offen gehalten und dann verschiedene Bausteine hinzugenommen. So hatten wir zum Beispiel die neue Querung nach Dolberg – die L547n – bewusst frei gehalten, um kein Spannungsfeld zu erzeugen.

"Verlegung des Deiches ein Schlüsselfaktor"

Im Rahmen der Lippesee-Planung wollte der Lippeverband damals den Deich zurückverlegen. Spielt eine solche Überlegung aktuell auch wieder eine Rolle?

Schmidt-Formann: Das wäre für mich tatsächlich ein Schlüsselfaktor für den fachlichen Erfolg des Projektes. Neben dem Abholen der Bevölkerung und dem Zugewinn an Erholung wäre eine Erweiterung des Überschwemmungsgebietes nach Norden aus Hochwasserschutzgründen wichtig. Das wiederum würde neuen Raum zum Beispiel auch für neue Nebengewässer durch die Aue bieten. 

Werden Sie im Rahmen der Planungen auch mit dem Lippeverband über eine mögliche Verlegung der in dem Planungsgebiet befindlichen Kläranlage Mattenbecke verhandeln?

Schmidt-Formann: Diese Frage ist in meinem Fachgebiet nicht abgedeckt. Das ist aber einer der Bausteine mit einem großen Fragezeichen. Hier sind die Fachleute des Lippeverbands für eine Prüfung zur Vermeidung von Konfliktpunkten gefragt. So stellt sich zum Beispiel die Frage nach einem Sichtschutz. Auch ob die Geruchsemissionen durch technische Maßnahmen angegangen werden könnten.

"Parkplätze sind ein wichtiges Thema"

Wenn es gelingt, die innerstädtische Lippeaue zu einem Naherholungsgebiet zu machen: Wie sähe dann die begleitende Infrastruktur aus? Müssen Parkplätze an den Einstiegen an Münsterstraße und Fährstraße neu geschaffen werden?

Schmidt-Formann: Parkplätze sind überall ein wichtiges Thema, wo man Menschen anlocken möchte. In der Innenstadt gibt es heute bereits ein hohes Potenzial an Parkplätzen. Aber darüber hinaus müssen – vornehmlich in den Außenbereichen – neue Flächen geschaffen werden. Hierzu muss ein Konzept erstellt werden.

"Life III“ wird von beiden Partnern der Großen Koalition befeuert. Wird der absehbare Wettbewerb vor der Kommunalwahl 2020 eher positiv für Ihre Arbeit sein, oder könnte er diese auch behindern?

Schmidt-Formann: Das befördert sicherlich das Projekt, weil man schon sehr konkret weiß, dass es eine hohe Akzeptanz gibt und damit eine hohe Erwartungshaltung, dass das Projekt tatsächlich umgesetzt wird.

Kann auch die Lippeauen östlich wie westlich von einer Realisierung des Innenstadt-Projekts profitieren?

Schmidt-Formann: Das ist gut möglich. Vielleicht bekommt Hamm so eine Art positiv besetzte Marke „Lippeaue“.

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