Dealen am Bahnhof: Schmucke Kulisse für schmutzige Geschäfte

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Razzia an der Bahnhofstraße.

Hamm  - Der Drogenhandel verunsichert die Menschen im Hammer Bahnhofsviertel. Die Szene ist für die Polizei nur schwer in den Griff zu bekommen.

Blick vom Bahnhof in Richtung Heinrich-Reinköster-Straße. Hier sollen die Drogengeschäfte abgewickelt werden.

Kurz vor 14 Uhr, es ist frisch bei leichtem Nieselregen. Eigentlich keine Bedingungen, die zum Verweilen in der Bahnhofstraße einladen. Trotzdem ist Bewegung im westlichen Teil der Fußgängerzone. Junge Männer mit Telefonen gehen auf und ab, verschwinden in Cafés hinter abgeklebten Scheiben, tauchen wieder auf, treffen andere junge Männer, verschwinden wieder kurz. Einige kommen mit Fahrrädern an, sind offenbar verabredet. 30 Minuten später sind viele der Gesichter so oft durchs Bild gelaufen, dass sie fast schon alte Bekannte sind. Aber was hat das geschäftige Treiben zu bedeuten? Nichts Gutes, meinen Anwohner und Geschäftsleute.

Dass rund um den Platz der Deutschen Einheit offen mit Drogen gehandelt wird, ist längst kein Geheimnis mehr. Polizei und Stadt wissen um das Geschehen. Einigen Anliegern ist das Gekungel vor ihrer Haustür ein Dorn im Auge. Aber angeblich ist die Szene so gut organisiert, dass sie sich nur schwer zerschlagen lässt. Ein Handlungskonzept gibt es dafür bisher nicht.

Stadt und private Investoren haben Millionen in die Aufwertung der westlichen Innenstadt gesteckt. Die Neue Bahnhofstraße ist runderneuert, das Museum geliftet und nur wenige Meter entfernt sind Stadtbad und Feuerwache dem schmucken Museumsquartier gewichen. Jetzt, sechs Jahre nach der Eröffnung des Heinrich-von-Kleist-Forums mit Zentralbibliothek, Volks- und SRH-Hochschule, trüben Drogenhändler und Kleinkriminelle das Bild der schönen neuen Welt. Sie haben die Bahnhofstraße zu ihrem Revier gemacht. Pächter erwägen nun sogar, ihren Standort zu wechseln.

"Der Handel findet anderswo statt"

Das Problem des Drogenhandels sei hinlänglich bekannt, ebenso einige Gesichter und Namen aus der Szene, sagt Polizei-Pressesprecherin Anne Providence. Anliegern zufolge handelt es sich schwerpunktmäßig um „Schwarzafrikaner“, die den Handel beherrschen. Die Polizei widerspricht dem nicht völlig, redet aber lieber von „überwiegend Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund“.

Der Handel sei offen zu sehen, stellen Anrainer fest. Kunden und Mandanten bleibe dies nicht verborgen. Gedealt werde in der Regel mit Marihuana in einzelnen Konsumeinheiten, sagt die Polizeisprecherin. „Häufig werden auch nur Kontakte angebahnt. Der Handel findet dann anderswo statt“, so Providence.

Bei Überprüfungen wurden immer nur kleine Mengen abgepackten Marihuanas festgestellt.

Ein Zugriff sei selbst für zivile Kräfte schwierig. Die Kommunikation unter den Beteiligten erfolge über ein ausgeklügeltes System, teils nur per Blickkontakt. „Man bräuchte sehr viel ,Manpower’, um dem Problem wirksam zu begegnen“, so Providence. Kräfte werden momentan aber anderswo gebündelt. Zwar konzentriere sich die Arbeit weiterhin auch auf die Bahnhofsstraße, allerdings genieße das Thema Einbrüche höchste Priorität. „Langfristig kann die Polizei die Situation vor Ort auch nicht allein verändern“, sagt die Pressesprecherin.

Die letzte große Kontrolle gemeinsam mit dem Zoll fand am 10. November 2015 statt. Rund um die Razzia, die neben der Drogenszene auch Taxen und Bordelle im Fokus hatte, fanden zwischen dem 9. und 15. November weitere Kontrollen statt. Mit mäßigem Erfolg: 58 Mal waren Beamte vor Ort, 60 Identitäten wurden festgestellt. Ganze drei Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz standen am Ende zu Buche. „Wir konnten die Strukturen etwas erhellen, haben aber nur wenige Fallzahlen“, sagt Providence.

Stadt setzt runden Tisch ein

Seit November sei die Polizeipräsenz erhöht worden. „Wir setzen auf die abschreckende und verunsichernde Wirkung der Kontrollen“, so die Sprecherin. Repressiv sei dem Problem schwer beizukommen, es gehe eher um Prävention. Gekoppelt an den Drogenhandel sei auch das Thema Beschaffungskriminalität. Die Polizei schließt auch den Verkauf von Diebesgut im Quartier nicht aus, nachgewiesen wurde aber nichts.

Die Entwicklung sei „alles andere als positiv“, sagte Stadtsprecher Tom Herberg im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Einfluss der Stadt allein sei begrenzt. Daher setzt man auch im Rathaus auf eine konzertierte Aktion mit Polizei, Kommunalem Ordnungsdienst, Anliegern und Geschäftsleuten. „Im April findet der nächste Runde Tisch statt“, kündigt Herberg an. Grundsätzlich seien Bahnhofsquartiere für das Milieu immer interessant. „Da ist Hamm kein Einzelfall“, so Herberg.

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