Marienhospital setzt auf Sicherheitsdienst und Notsignal

Randalierer verletzt Sanitäterin am EVK schwer - Negativspirale auch in Hamm

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Immer häufiger bekommt es Notfallpersonal mit aggressiven Patienten zu tun. (Symbolbild)

[Update 15.20 Uhr] Hamm - Ein 29-jähriger Mann hat in der Notaufnahme des Evangelischen Krankenhauses (EVK) an der Werler Straße eine 24-jährige Rettungssanitäterin angegriffen und sie schwer verletzt. Die Hammer Feuerwehr bestätigt Daten einer aktuellen Studie, dass die Situation für Helfer immer schwieriger wird.

Wie die Polizei mitteilte, passierte der Vorfall am Sonntagabend, 4. Februar, gegen 22.35 Uhr. Die Besatzung eines Rettungswagens hatte den Mann aus Hamm in die Klinik eingeliefert. Er sei zuvor als hilflose Person aufgetreten. In der Notaufnahme urinierte der 29-Jährige vor anderen Patienten, spuckte die Sanitäterin an und trat auf sie ein. Diese stürzte zu Boden und brach sich den Arm, hieß es in der Polizeimitteilung am Montagmorgen. (Diese Information konnte im Tagesverlauf allerdings weder vom EVK noch von der Feuerwehr bestätigt werden. In der Pressestelle der Stadt sprach man offiziell von "schwer wiegenden Verletzungen"; jedoch sei die Frau nicht stationär in Behandlung.) 

Abschließend habe der Angreifer noch einen Drucker beschädigt, hieß es weiter. Konkretere Angaben zum Ablauf in der Notaufnahme waren nicht zu bekommen. Die alarmierten Polizisten nahmen den Randalierer in Gewahrsam. Er wurde in die Hammer Psychiatrie eingewiesen.

Das EVK an der Werler Straße.

Wie Polizeisprecher Christopher Grauwinkel auf WA-Nachfrage sagte, kommt der Randalierer weder aus einer Zuwanderer- und noch aus eine Flüchtlingssituation. Er sei auch kein Obdachloser. Dass er unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand, konnte die Polizei nicht betätigen - es sei aber weder das eine noch das andere auszuschließen, da der 29-Jährige die Durchführung eines Alkoholtests nicht zugelassen habe. Laut Grauwinkel hatte die Hammer Polizei schon vorher das eine oder andere Mal "Bekanntschaft" mit dem Mann gemacht - aber "nicht einschlägig".

Mann randaliert und belästigt Frauen in Gaststätte

Das EVK aus der Vogelperspektive.

Kein Sicherheitsdienst am EVK

Der Schock über das Erlebte sitzt besonders im EVK tief. Dennoch relativiert Susanne Grobosch, Pressesprecherin des Krankenhauses, die Situation für ihr Haus ein wenig. Anders als etwa im Marienhospital mit dessen Brennpunktlage in der Innenstadt sei eine unverhältnismäßige Zunahme von Gefahrensituationen im EVK nicht dokumentiert. Unterm Strich gebe es relativ wenige alkoholisierte Patienten (um einen solchen habe es sich dem Anschein nach wohl am Sonntagabend gehandelt) und relativ viele Kinder. Das entschärfte potenzielle Probleme schon grundsätzlich.

Die Notwendigkeit eines Sicherheitsdienstes in der Notaufnahme habe man bislang nicht gesehen. Es würden unterschiedlich gesicherte Räume vorgehalten, in die Patienten wie Mitarbeiter sich im Gefahrenfall zurückziehen könnten; das sei auch am Sonntagabend genutzt worden. Wie viele Personen betroffen gewesen seien, könne sie allerdings nicht sagen.

Marienhospital setzt auf Sicherheit

Das zentral und zudem direkt an der Vergnügungs-"Meile" gelegene Marienhospital lässt seine Notaufnahme bereits seit mehreren Jahren professionell schützen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag sei grundsätzlich ein Sicherheitsdienst vor Ort, bestätigt Krankenhaus-Geschäftsführer Thomas Thiemann auf Nachfrage. Darüber hinaus werde "bei Bedarf" auf Hilfe zurückgegriffen: So werde der Sicherheitsdienst in derheißen Karnevalsphase zwischen Donnerstag (Weiberfastnacht) und Rosenmontag phasenweise mit mehreren Personen besetzt sein. Das sei durch den deutlich höheren Alkoholkonsum einfach eine besonders schwierige Phase.

Das Marienhospital ist besonders zentral gelegen.

Allerdings, so Thiemann, seien "einige Patienten einfach heute aggressiver" als früher: "Das muss man eindeutig sagen." Der Geschäftsführer benennt einen Vorfall im Marienhospital 2017, bei dem eine Mitarbeiterin von einem Patienten verletzt worden sein. Auch damals sei es - wie jetzt im EVK - eine schwierige Person gewesen. Daher müsse man eben auch "differenzieren": Es gehe bei körperlicher Aggressivität um eine "extreme Randgruppe" und weniger um ein Problem in der Breite. Verbal rutsche den Leuten "schon mal was raus".

Um den Mitarbeitern in der Notaufnahme, der Radiologie und am Empfang angesichts der Entwicklung ein gutes Gefühl zu vermitteln, könnten diese seit einigen Monaten im Bedarfsfall mit einem Notsignal Unterstützung von Kollegen anfordern. Das sei bislang jedoch nicht nötig gewesen. "Was wiederum für Hamm spricht", so Thiemann. Aber er sagt auch: "Man kann es nicht ganz verhindern. Wenn ein Patient einmal wirklich aggressiv wird, dann ist das so explosiv, dass auch Notruf und Sicherheitsdienst kaum helfen können"... außer dass noch etwas Schlimmeres passiere.

Unterm Strich sei das Aufsuchen der Notaufnahme im dringenden Fall natürlich guten Gewissens möglich. An Karneval könne es dann eben auch mal etwas länger dauern...

Einsatzkräfte werden im Einsatz gestört. (Symbolbild)

Immer häufiger Angriffe auf Helfer

Immer häufiger werden Rettungskräfte in Deutschland bei ihrer Arbeit gestört oder sogar angegriffen. In Hamm seien derartige Vorfälle jedoch "zum Glück noch nicht allzu oft" gemeldet worden, so Polizeisprecher Grauwinkel. Der jüngste ihm bekannte Fall stammt aus dem Dezember 2016. Damals hatte ein 60-jähriger Randalierer in seiner Wohnung in der Sedanstraße zwei Sanitäter angegriffen.

Hammer Feuerwehr bestätigt Negativspirale

Wolfgang Rumpf von der Hammer Feuerwehr kann die generelle Wahrnehmung - mehr Tätlichkeiten gegen Helfer, weniger Respekt - 

grundsätzlich bestätigen: Hamm sei in dieser Entwicklung "keine Ausnahme". Mit Blick auf diese Situation werde längst auch entsprechend geschult. So sei ein Deeskalationstraining Teil von Fortbildungsprogrammen. In Schulungen mit speziellen Trainern lernten die Kameraden, wie man körperliche Gewalt abwenden könne. Allerdings: Die Devise heiße immer zuerst "Zurückziehen".

Gewalt gegen Einsatzkräfte in Zahlen

Eine aktuellen Studie unter anderem der Ruhr-Uni Bochum und der Gewerkschaft Komba zufolge sind in NRW 26 Prozent der Rettungskräfte in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von körperlicher Gewalt im Einsatz geworden, bei den Feuerwehrkräften sind es 2 Prozent. Deutlich höher liegt mit 92 Prozent (Rettungsdienst) und 36 Prozent (Feuerwehr) die Zahl der verbalen und mit 75 Prozent (Rettungsdienst) und 29 Prozent (Feuerwehr) der nonverbalen Übergriffe.

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