Fall Thomas Ewers: Justiz korrigiert ihren Irrtum

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Groß war das Medieninteresse im Sommer vor dem Landgericht Dortmund: Thomas Ewers (sitzend links) im Gespräch mit seinem Anwalt Dr. Michael von Glahn.

HAMM - Zwölfeinhalb Jahre ist Thomas Ewers durch die Hölle gegangen. Die Hälfte dieser gefühlten Ewigkeit saß der 46-jährige Hammer zu Unrecht im Knast, die andere Zeit wartete er vergeblich auf seine Rehabilitation. Kurz vor Weihnachten wurde der wohl größte Justizirrtum mit Hammer Beteiligung von den Behörden nun korrigiert.

Jubelstimmung über den Status, ein unbescholtener Bürger zu sein, will bei dem Bockum-Höveler bislang aber nicht aufkommen. Thomas Ewers war 33, als das Landgericht Dortmund am 18. Juli 2002 ein folgenschweres Fehlurteil fällte. Wegen Vergewaltigung seiner einstigen Lebensgefährtin wurde er zu sechs Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Das Gericht glaubte nicht ihm, der die Vorwürfe stets bestritten und sich einem Komplott ausgeliefert gesehen hatte, sondern der jungen Frau, die die schweren Vorwürfe gegen ihn erhoben hatte.

Strafe bis zum letzten Tag abgesessen

Bis zum letzten Tag saß der Bockum-Höveler seine Strafe ab, ehe im Juni 2010 das vermeintliche Opfer selbst für die Wende sorgte und die Vergewaltigungsvorwürfe als frei erfunden korrigierte.

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Weitere vier Jahre gingen ins Land, bis im Sommer 2014 im Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Essen der Freispruch Ewers’ erfolgte und die Ex-Lebensgefährtin vor dem Dortmunder Landgericht wegen mittelbarer Freiheitsberaubung zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Große Aufmerksamkeit

Vielfach hatte seitdem unsere Zeitung über diesen Fall berichtet. „Kein Termin für Thomas E.“ war der Tenor der Artikelserie, die schließlich auch überregionale Medien und Fernsehsender auf diesen Fall aufmerksam werden ließ. „Ohne die Berichterstattung hätte es mit Sicherheit noch wesentlich länger gedauert“, sind Ewers und sein Anwalt Dr. Michael von Glahn bis heute überzeugt.

Fünfstellige Haftentschädigung erwartet

Aber auch nach der formalen Rehabilitation durch die Richtersprüche blieb Ewers in den Folgemonaten das, was er niemals war: ein gefährlicher Gewalttäter. Erst im Dezember wurde sein polizeiliches Führungszeugnis von diesem Makel befreit. Auch steht einer Haftentschädigung nun nichts mehr im Wege. Eine fünfstellige Summe wird der 46-Jährige für die verschenkten Jahre im Knast erhalten. „Das sind bestimmt keine Reichtümer. Aber schon heute sprechen mich die Leute darauf an“, berichtet er von unangenehmen Begegnungen mit aufdringlichen Bittstellern.

Vielleicht ein Urlaub im Sommer

„An meinem Leben wird sich bestimmt nicht viel ändern. Ich kann jetzt meinen Führerschein neu machen und werde mich um eine Anstellung bemühen“, sagt der Hartz-IV-Empfänger, dessen Führerschein wegen der langen Haftzeit eingezogen wurde. Für die Stellensuche als Koch benötigt er eine Fahrerlaubnis. Und sonst? „Vielleicht werde ich im Sommer einmal in den Urlaub fahren.“ - fl

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