Enttäuschung über abgesagte Reisen

Coronavirus: Geplatzte Urlaubsträume für zahlreiche Hammer

Der Urlaubstraum des Ehepaars Bertram ist geplatzt. 
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Der Urlaubstraum des Ehepaars Bertram ist geplatzt. 

Der Coronavirus schränkt fast jeden Lebensbereich ein. So müssen auch die geplanten oft lang ersehnten Urlaubsreisen der Hammer abgesagt oder verschoben werden. Eine schwierige Situation - sowohl für die Reisenden als auch für die Reiseanbieter. 

  • Der oft dringend zur Erholung benötigte Urlaub vieler Familien fällt weg. 
  • Das Zusammenleben auf engem Raum ist für viele eine Herausforderung. 
  • Reiseanbieter machen Überstunden, ohne Geld einzunehmen. 

Hamm – Die ersten Monate des Jahres sind für Bernd B.* besonders stressig. Er ist in seiner Firma mit für den Jahresabschluss zuständig, macht viele Überstunden. Seine Frau, den Sohn, neun Jahre, und die Tochter, vier, sieht er dann wenig. Mitte März plant er dann oft einen Wochenendtrip, um auszuspannen, die Familie zu sehen. Dieses Jahr sollte es in einen Center Parc gehen. Dann kam Corona, aus dem Trip wurde nichts. 

„Statt ins Badeparadies zu gehen, war das Highlight unseres Wochenendes ein Spaziergang auf dem Truppenübungsplatz“, erzählt der 41-jährige. Auch eine Reise in den Osterferien fällt aus, geplant war eine Woche Nordseestrand. Und ob aus dem Sommerurlaub an der Adria etwas wird? B. glaubt nicht mehr daran.

Bernd B. macht das traurig, und doch scheint es ihm fast unangenehm zu sein, über diesen geplatzten Urlaub zu sprechen. „Im Angesicht von Familien, die zu fünft in einer 60-Quadratmeter-Wohnung ohne Balkon leben, ist das alles nichts“, sagt er. „Und erst recht nicht im Angesicht von tausenden Coronakranken, die leiden oder sogar sterben.“

"Geteiltes Leid ist halbes Leid"

Viele Therapeuten jedoch raten, Schmerz anzuerkennen. So schrieb die Therapeutin Lori Gottlieb Ende März in der New York Times einen Gastbeitrag: „Schmerz ist Schmerz“, schreibt sie. Um Verluste solle und dürfe man trauern, egal wie klein sie erscheinen mögen. „Es gibt keine Hierarchie von Schmerz.“ 

Viele tendierten dazu, Trauer über eine Krankheit oder den Verlust eines Verwandten anzuerkennen. Im Vergleich unbedeutend erscheinende Verluste minimiere man oft noch weiter, gestehe sich die Trauer darüber nicht zu – und leide still und einsam. Etwas plakativ schreibt Gottlieb, man dürfe auch darüber traurig sein, wenn ungewiss ist, ob es morgen im Supermarkt Eier gibt.

Coronavirus in Hamm: Urlaubstraum von Maria und Matthias Bertram geplatzt

Maria und Matthias Bertram geht es gerade eigentlich gut. In zehn Wochen erwarten sie ihr erstes Kind. Im Februar sind sie in ihr neues Haus eingezogen. Die Renovierung war viel anstrengender und dauerte länger, als sie es gedacht hatten, sie zog sich über Jahre. „Wir sind richtig froh, dass wir jetzt endlich eingezogen sind“, sagt Matthias Bertram. 

Dennoch wollten sich beide noch eine Reise gönnen, in den Osterferien eine Woche nach Mallorca fliegen: die vorerst letzte Reise zu Zweit. „Die Insel ist ja richtig schön“, sagt Maria Bertram. Auch daraus wurde nichts. „Natürlich finden wir das schade“, sagt Maria Bertram. „Aber ein wenig tröstet es mich, dass keiner wegfahren kann. Geteiltes Leid ist halbes Leid.“

Coronavirus in Hamm: Geplatzte Urlaubsträume sehr belastend

Bernd B. empfindet den geplatzten Urlaub auch deshalb als belastend, weil die vergangenen drei Wochen ohne Kita und Schule sehr anstrengend waren und unklar ist, wie lange die Situation so bleibt. „Homeoffice und Kinderbetreuung zusammen: Das ist eine Lüge“, sagt er. Das funktioniere nur im Schichtdienst. Seine Frau arbeitet also zwischen 6 und 9 Uhr. Dann fährt er ins Büro, seine Frau lernt mit dem Sohn für die Schule, kümmert sich um die Tochter. Nach neun Stunden im Büro kommt Bernd B. zurück und kümmert sich um die Kinder, während seine Frau arbeitet.

Dazu kommt, dass die Familie auf recht kleinem Raum lebt. Schon oft hätten sie überlegt, umzuziehen – was aber deutlich teurer wäre. „Wir haben uns immer dagegen entschieden. Wir wollten lieber kleiner wohnen und dafür Geld übrig haben, um uns frei zu fühlen, Kurzurlaube und längere Reisen zu machen“, sagt Bernd B.

Coronavirus in Hamm: Überstunden ohne Einnahmen - so läuft es in den Reisebüros

Solche Reisen verkaufen normalerweise Daniela Friedrich und ihre Mitarbeiter. Friedrich gehört das First Reisebüro in der Innenstadt. Derzeit arbeitet sie so viel wie sonst nur selten. Reiseanbieter stornieren Reisen, Kunden überlegen, später im Jahr geplante Urlaube selbst abzusagen. Friedrich informiert dann darüber, wann welche Gebühren anfallen, sie informiert über mögliche Gutscheine, die Kunden bekommen. Sie telefoniert mit den Airlines und Reiseanbietern, die schwer zu erreichen sind, weil dort viele Mitarbeiter in Kurzarbeit sind. 

„Wir kämpfen“, sagt Friedrich. Sie verdient nichts und hofft, dass die Krise schnell vorbei ist, damit ihr Reisebüro überlebt. Bei allen Sorgen um die Zukunft geht es ihr nah, wenn sie merkt, wie traurig manche Kunden sind. „Normalerweise sind wir mit Urlaubsträumen beschäftigt. Und jetzt ...“ Kurz ist sie still. Dann sagt sie, ihre Kollegen und sie versuchten, den Humor nicht zu verlieren. „Ich glaube, jede Krise bietet auch eine Chance.“ Sie hofft, dass es sich rumspricht, wie sie sich für die Kunden einsetzt – und diese nach der Krise wiederkommen.

*Name geändert 

Coronavirus in Hamm - weitere Infos: 

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